Charlotte Klinnert: „Nicht nachhaltige Investments sind ein Risiko“

Charlotte Klinnert, Vorstand des Verka VK Kirchliche Vorsorge VVaG. Quelle: Verka

Welche Anlagestrategien verfolgen die kirchlichen Versicherer? VWheute sprach im Exklusiv-Interview mit Charlotte Klinnert, Vorstand des Verka VK Kirchliche Vorsorge VVaG, über Investitionsentscheidungen und Anlagekriterien in Zeiten der Corona-Pandemie.

VWheute: Frau Klinnert, können Sie Ihr Unternehmen in wenigen Sätzen charakterisieren?

Charlotte Klinnert: In wenigen Sätzen? Schauen Sie auf unsere Homepage www.verka.de. Nein, im Ernst: Die Verka steht für nachhaltige Altersvorsorge. Wir bieten betriebliche Altersvorsorge und die Verwaltung von Versorgungseinrichtungen – auch teilweise – an. Für unsere evangelischen Landeskirchen haben wir ein eigenes Modell der Vorsorgeverwaltung in Form von flexiblen Rückdeckungsverträgen. Wir investieren nachhaltig im Sinne von christlich-ethischen Werten. Das heißt ganz konkret, dass Sozialverträglichkeit, Ökologie und Generationengerechtigkeit als feste Anforderung im Kapitalanlageprozess, aber auch in unserem operativen Tun, verankert sind.

VWheute: Und können Sie kurz auch Ihren beruflichen Werdegang bis hin zur Vorständin schildern?

Charlotte Klinnert: Ich habe eine klassische Banklehre absolviert, ein BWL-Hochschulstudium abgeschlossen und im Anschluss als Aktienanalystin und -händlerin – einschließlich der erforderlichen Zusatzqualifikationen – gearbeitet. Mein privater Weg hat mich dann einige Jahre zu einem Wirtschaftsprüfer/Steuerberater geführt, von wo aus ich wiederum Jahresabschlussprüfungen bei Banken und Unternehmen durchgeführt habe. Durch diesen zweigleisigen Weg war ich die geeignete Kandidatin für eine Einrichtung der betrieblichen Altersvorsorge. Hier sind Kapitalanlage-Know-how und Finanzkompetenz gefragt. Ich habe bei einer Zusatzversorgungseinrichtung gestartet und bin von dort als stellvertretende Geschäftsführerin in den Vorstand einer ebenfalls wertorientierten Einrichtung der betrieblichen Altersvorsorge berufen worden. Nach sechs Jahren dort hat mich mein letzter Schritt zu den Einrichtungen der Verka gebracht.

VWheute: Ist Nachhaltigkeit für Sie ein Trend oder ist sie in den Genen der Verka verankert?

Charlotte Klinnert: Im Gegensatz zu einigen anderen institutionellen Investoren ist für uns die Betonung der Nachhaltigkeit im Bereich der Kapitalanlagen kein Mode- oder Prestigethema. Bei allen Investmententscheidungen berücksichtigen wir bereits seit Jahren konsequent Nachhaltigkeitsaspekte, mit positiven Auswirkungen auf die langfristige Rendite. Wir sind überzeugt: Davon profitieren nicht nur unsere Kunden, sondern alle.

VWheute: Hat Ihre Klientel besondere Ansprüche an die Nachhaltigkeit?

Charlotte Klinnert: Ich würde nicht sagen, dass unsere Träger besondere Ansprüche an unsere nachhaltige Ausrichtung stellen. Sie treten uns aber mit einem großen Verständnis gegenüber und unterstützen uns stark. Das unterscheidet uns von anderen Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge, bei denen die Vorstände tatsächlich auf Widerstand in ihren Gremien gestoßen sind. Wir schätzen uns in diesem Punkt sehr glücklich, gleichgerichtete Interessen zu haben. Das zeigt sich insbesondere in unserem Engagement im Arbeitskreis Kirchlicher Investoren. Hier fördern wir gemeinsam mit unseren großen Trägerunternehmen die ethisch nachhaltige Geldanlage im Bereich der Kirche und Diakonie.

VWheute: In welchem Maße werden nachhaltige Anlagen bei der Altersvorsorge bei Ihnen nachgefragt?

Charlotte Klinnert: Seit zwei Jahren bieten wir mit unserem fondsgebundenen bAV-Produkt Balance Flex verschiedene wählbare nachhaltige Fonds und ETFs an. Die Kunden können hier selbst bestimmen, welche Sparbeiträge in welchen Fonds investiert werden sollen. Die Akzeptanz bzw. Nachfrage steigt erfreulicherweise stetig. Arbeitgeber und gerade auch Arbeitnehmende entwickeln zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass sie mit ihren bAV-Beiträgen Sozialverträglichkeit, Ökologie und Generationengerechtigkeit aktiv unterstützen können. Das macht für die Zukunft doch Mut, oder?

VWheute: Sie haben bei einer Veranstaltung gesagt, dass Sie bei „Investitionsentscheidungen die Prinzipien von Nachhaltigkeit, Sicherheit, Rentabilität und Liquidität gleichwertig“ anwenden: Wie genau gehen Sie dabei vor?

Charlotte Klinnert: Bei den Investitionsentscheidungen gehen wir in vier Stufen vor. Zunächst haben wir harte Ausschlusskriterien. Für Unternehmen sind das Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit, Umweltverschmutzung, Korruption, kontroverse Waffen und sonstige Rüstungsgüter, Tierversuche für kosmetische Zwecke, Grüne Gentechnik, Nuklearenergie, Pornografie, Glücksspiel, Tabakproduktion, Spirituosenproduktion, Kohle und Öl.  In Bezug auf Staaten sind Missachtung bzw. Einschränkung politischer und demokratischer Rechte, Korruption, Missachtung oder Nichteinhaltung von Klimaschutz-Standards, Missachtung der UN-Konvention für Biodiversität, aktive Praktizierung der Todesstrafe Ausschlussgründe.

Im verbleibenden Universum bevorzugen wir Unternehmen, die gute ESG-Score-Werte in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung haben. Ziel ist es langfristig, die Branchenführer auszubauen und die Branchenfolger zu reduzieren, wobei wir heute schon eine harte Grenze von fünf Prozent für die Branchenfolger haben. Weiterhin suchen wir gezielt Themeninvestments, die ihren Fokus ausschließlich auf die Förderung von Nachhaltigkeit gerichtet haben, ohne dass wir unser Renditeziel aus den Augen verlieren. Begleitend dazu führen wir Engagement-Gespräche und nutzen unsere Aktionärsstimmrechte.

Wenn es um die Sicherheit der Investments geht, verfolgen wir ebenfalls einen dreistufigen Ansatz. Ein wesentlicher Teil unserer Risikoreports entfällt auf die Analyse der Risiken aus den ESG-Kriterien. Hier bewerten wir den Anteil der Branchenfolger bei den Unternehmen, der sich ja auch während der Laufzeit eines Investments verändern kann. Wenn wir unsere festgelegte Grenze von fünf Prozent überschreiten, reagieren wir entsprechend. Weiterhin gleichen wir ESG-Ratings mit traditionellen Ratings bei Unternehmen und Staaten ab, in denen wir direkt und indirekt investiert sind. Große Abweichungen – also, wenn das traditionelle Rating besser ist als das ESG-Rating – untersuchen wir. Hier geht es darum einen Frühwarnindikator zu haben für Entwicklungen, die wir nicht befürworten. In der dritten Stufe monitoren wir CO2-Werte. Hier haben wir uns bereits Ziele gesetzt, überwachen die Entwicklung aber auch unter Risikogesichtspunkten.

VWheute: Sie sind ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit: Hilft diese Rechtsform dabei, Entscheidungen in Bezug auf Nachhaltigkeit anders zu treffen als etwa eine AG?

Charlotte Klinnert: Grundsätzlich sehe ich keine starke Abweichung aus der Rechtsform bzw. den Stakeholdern heraus. Wir sind zwar keinen Aktionären verpflichtet, dafür aber unseren Versicherten. Jeder Euro, mit dem wir heute und morgen umgehen, gehört den Versicherten. Das erfordert einen verantwortungsbewussten Umgang mit den Versichertengeldern. Und genau das erfüllen wir, indem wir Nachhaltigkeit einbeziehen. Nicht nachhaltige Investments sind in vielerlei Hinsicht ein Risiko.

Das haben wir in der Corona-Krise anhand unserer Indizes festgestellt, die wir zusammen mit einem Indexprovider unter Nachhaltigkeitskriterien aufgelegt haben. Die hatten im Aktienbereich z.B. eine deutliche Outperformance gegenüber der nicht nachhaltigen Benchmark. Damit wäre auch jeder Aktionär hochzufrieden gewesen. Einen besonderen Vorteil haben wir aber dennoch: Wir mussten bei unserer Trägerlandschaft keine Überzeugungsarbeit leisten für die nachhaltige Ausrichtung. Das ist von Beginn an gefördert und unterstützt worden und hat uns so vor allem in den Anfangsjahren keinen großen internen Kommunikationsaufwand gekostet oder uns ausgebremst. Aus heutiger Sicht war unser Weg ein überzeugender, der auch einen Wettbewerbsvorteil bedeutet.

VWheute: Wie zufrieden sind Sie mit der europäischen Regulierung? Wird damit Greenwashing tatsächlich vorgebeugt und dem Verbraucherschutz angemessen Rechnung getragen?

Charlotte Klinnert: Zunächst einmal muss man, finde ich zumindest, den Hut ziehen vor dem, was in den vergangenen Jahren geleistet und bewegt worden ist, gerade durch die europäische Regulierung. Die Themen sind sehr stark diskutiert und durchdacht worden mit dem Ziel Transparenz zu schaffen und Standards zu setzten. Natürlich kann man an der einen oder anderen Stelle mehr oder weniger fordern oder die politischen Einflüsse z.B. bei der Diskussion um Atomenergie kritisieren.

Aber im Ergebnis ist einfach schon mal sehr viel erreicht worden und die Entwicklung wird weiter gehen. Ob die Regulierung wirksam Greenwashing verhindern wird, werden wir sehen. Derzeit haben wir z.B. noch eine gesetzgeberische Unschärfe zwischen der Taxonomie- und der Offenlegungsverordnung, die für eine gewisse Unsicherheit sorgt. Zwei Dinge halte ich dabei allerdings für beachtenswert. Erstens muss auch ein grün gewaschenes Produkt, also ein Produkt, was zwar nach der Offenlegungsverordnung nachhaltig ist, aber nicht Taxonomie-konform eingestuft werden kann, irgendeine Anstrengung unternommen haben, die einen richtigen Einfluss auf die ESG-Faktoren hat.

Ohne geht es schlicht nicht und das hat auch eine gewisse Wirkung in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Zweitens sind wir als Investoren diejenigen, die die Zukunftsfähigkeit des Investments untersuchen müssen. Dazu gehören auch, die Einhaltung von ESG-Faktoren zu analysieren und Greenwashing zu erkennen. Das ist ein großes Stück weit unsere Verantwortung und der werden wir auch gerecht. Von der Politik und von der sich gerade bildenden Regierung würden wir uns wünschen, dass sie die Themen, in denen Deutschland besser werden muss – also Digitalisierung, soziale Infrastruktur, bezahlbarer und CO2-neutraler Wohnraum, Anpassung der Mobilität zur Erreichung der Klimaneutralität usw. – investierbar macht und das im Idealfall staatlich garantiert.

Bislang ist es nämlich so, dass die Kommunen Private Public Partnership-Modelle (PPP) nicht als Erfolg werten und nur den zu bezahlenden Zins in den Vergleich stellen. Dabei wird gern übersehen, dass wir damit nicht weiterkommen, am Ende nichts realisiert ist oder die Dinge nur mit horrenden Überschreitungen der Budgets erstellt werden konnten. Die Opportunitätskosten sind dort meiner Ansicht nach sehr hoch und Privatisierung nicht unbedingt eine Lösung. Wir würden hier als institutionelle Investoren gerne unterstützen, brauchen aber auch ein politisches Entgegenkommen.

VWheute: Sie bekennen sich als Verka zu den United Nations Principles for Responsible Investment (PRI) und sind mehrfach für Ihr Engagement ausgezeichnet worden. Sehen Sie auch eine Verantwortung über Ihre eigene Klientel hinaus? 

Charlotte Klinnert: Ja, wir wurden z. B. 2019 als eins von weltweit 47 und deutschlandweit nur zwei Mitgliedern in die PRI-Leader’s Group gewählt. 2018 wurden wir mit dem institutional assets AWARD und 2020 mit dem deutschen ESG Pensions-Award ausgezeichnet. Fast noch wichtiger als diese Auszeichnung ist in unseren Augen aber die Verantwortung, die wir für unsere Umwelt und für die kommenden Generationen tragen. Wir verwalten zwei Milliarden Euro, die entfalten eine Wirkung, über deren Konsequenzen wir uns im Klaren sein müssen. Aber auch in unserem eigenen unternehmerischen Tun entfalten wir eine Wirkung gegenüber Mitarbeitern, Zulieferern und der Umwelt. Auch hier nehmen wir unsere Verantwortung wahr und agieren mit denselben Anforderungen, die wir an andere stellen und auch gegenüber uns selbst.

VWheute: Wo sehen Sie die Verka und die Branche in fünf oder zehn Jahren? Gibt es dann nur noch nachhaltige Investments?

Charlotte Klinnert: Grundsätzlich ja. Ob jedes Investment Taxonomie-konform sein wird, können wir Stand heute noch nicht sagen. Was wir aber sagen können, ist, dass wir bis dahin kein Investment mehr im Portfolio haben werden, welches sich einer Transformation verweigert.

Die Fragen stellte VWheute-Korrespondentin Elke Pohl.

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