Marcus Reichenberg: “Autos sind immer ein Spielball von Naturgefahren”

Schäden durch Sturmtief "Bernd". Quelle: Bernd Engelien / Zurich.

Welche Folgen haben die Naturgewalten auf die Kfz-Versicherung? “Für junge Menschen in Städten ist das Automobil längst kein Statussymbol mehr”, konstatiert Marcus Reichenberg, Geschäftsführer der Greensurance Stiftung Für Mensch und Umwelt. Im Gespräch mit VWheute skizziert er die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels für die Branche.

VWheute: Die Flut hat gezeigt, wie anfällig Autos gegen Naturgewalten sind. Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Marcus Reichenberg: Der Sinn eines Autos ist, mobil zu sein. Somit sind Automobile immer ein Spielball von Naturgefahren. Autos sind als Massenkonsumgut sowie Luxusartikel anfällig gegen Sturm und Hagelschlag, gegen Überschwemmung und Lawinen. Die Konsequenzen, die wir als Greensurance Stiftung Für Mensch und Umwelt aus den letzten Naturereignissen ziehen, sind die gleichen, die uns zur Gründung der Greensurance Stiftung erwogen haben. Wir wollen der Assekuranz mit Kunden die Notwendigkeit zu Klimaschutz und Klimaanpassung aufzeigen.

VWheute: Welche Änderungen erwarten Sie von den Versicherern in diesem Bereich?

Marcus Reichenberg: Wir erwarten, dass Versicherer Bonus- und Malus-Systeme für emissionsarme Mobilität einführen. Klimaschutz und Klimaanpassung muss eine aktuarielle Wertigkeit in den Tarifen erfahren. Wenn wir über Emissionen sprechen, dann verstehen wir darunter nicht nur Klimagasemissionen, sondern auch Feinstaub und Lärm. Neben einer emissionsarmen Mobilität fordern wir auch eine Downsizing-Mobilität und eine Mobilität des Teilens. Hierfür braucht es Angebote und Anreize aus der Finanz- und Versicherungswirtschaft.

VWheute: Sind spürbare Änderungen realistisch, die Zahl der Autos steigt ebenso wie die Extremwetterereignisse?

Marcus Reichenberg: Für junge Menschen in Städten ist das Automobil längst kein Statussymbol mehr. In Ballungsgebieten wird immer mehr auf das eigene Auto verzichtet. Weiterhin wollen nachhaltig eingestellte Menschen keine Sport Utility Vehicle fahren, sondern leichte Kleinstfahrzeuge. Das wird die Automobilindustrie jedoch erst noch lernen müssen. Die aktuellen Angebote der deutschen Automobilhersteller zur Elektromobilität führen in eine Sackgasse. Die E-SUVs sind keine ausreichende Antwort auf den Klimawandel und den Wandel in der Gesellschaft. Soll der Individualverkehr weiter erhalten bleiben, braucht es einen signifikanten Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, Tempolimit auf Autobahnen, Downsizing der Pkw-Flotte und eine Alternative zur Batterie als Energiespeicher.

VWheute: Welche Veränderungen erwarten Sie langfristig durch den Klimawandel im Kfz-Bereich?

Marcus Reichenberg: “Langfristig” ist die falsche Fragestellung. Wenn die Menschheit keine kurz- bis mittelfristigen Antworten bereitstellt, dann wird es zu spät sein über den Klimawandel im Kfz-Bereich zu philosophieren. Auf unserer KlimaUhr.info – Time 2° act lesen Sie ab, dass rein rechnerisch die 1,5-°C-Grenze im Jahre 2027 überschritten sein wird und die 2-°C-Grenze im Jahre 2045. Laut den jüngsten Aussagen des Weltklimarates (IPCC) werden wir die 2-°C-Grenze sogar weit früher überschreiten. Dadurch werden natürliche Antriebsfaktoren, Stichwort Kippelemente, den durch den Menschen angestoßenen Treibhauseffekt verstärken. Unser seit elftausend Jahren anhaltendes gemäßigtes Klima wird die Menschheit vor eine ihrer größten Herausforderungen stellen. Mobilität auf fossiler Basis wird durch politische Restriktionen mittel- bis langfristig vollständig verboten werden.

VWheute: Sie setzen sich mit Ihrer Stiftung für eine nachhaltige Finanz- und Versicherungsbranche ein, was bedeutet das für Sie?

Marcus Reichenberg: Die Europäische Kommission beschreibt in ihrem Aktionsplan “Finanzierung nachhaltigen Wachstums” und im europäischen Grünen Deal die Notwendigkeit der Wandlung der Wirtschaft in ein umweltfreundlicheres und widerstandsfähigeres Kreislaufsystem. Um diese Transformation zu finanzieren, reichen staatliche Mittel und Maßnahmen nicht mehr aus. Privates Kapital muss deshalb in nachhaltigere Investitionen umgelenkt werden und Handlungen müssen die Sprache der Nachhaltigkeit sprechen. Die Greensurance-Stiftung unterstützt die Finanz-, insbesondere die Versicherungsbranche ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

VWheute: Wie wollen Sie Ihre Ziele erreichen, über die Kunden oder Ansprache an die Unternehmen?

Marcus Reichenberg: Das Henne-Ei-Problem verfolgt uns schon immer. Die Assekuranz erwartete vor 2015, dem Jahr des Pariser Klimaabkommens und der Agenda 2030, grundsätzlich die Vorlage von Geschäftsplänen mit Zielgruppendefinition und der Beschreibung des nachhaltigen Wachstumsmarktes. Wir haben das Gefühl, das hat sich geändert. Ob es die Einsicht oder die Regulierung der Europäischen Kommission war, darüber müssen wir jetzt nicht mehr diskutieren. Fakt ist, nachhaltige Kunden gab es schon immer und die Zielgruppe wächst. Jetzt wird sich entscheiden, ob auf die Zukunft gesetzt oder der Vergangenheit nachgetrauert wird. Die Greensurance-Stiftung hat schon immer auf die Zukunft gesetzt, mit privaten Akteuren die unsere Graswurzelbewegung unterstützen sowie mit nachhaltigen Akteuren der Governance.

VWheute: Was muss bei Änderungen im Bereich nachhaltige Finanz- und Versicherungsbranche als Erstes passieren?

Marcus Reichenberg: Um “Greenwashing” von Anfang an gegenzusteuern, gibt es kein singuläres Handlungsfeld für einen Finanz- oder Versicherungsdienstleister. Nachhaltigkeit muss als ein Ganzes verstanden werden. Dazu gehört neben nachhaltigen Investitionen, die nachhaltige Betriebsführung, die Weiterbildung, ein Underwriting mit Produkten und Schadenregulierung im Sinne der Nachhaltigkeit, die Nachhaltigkeitsberichterstattung über Kennzahlen und letztendlich auch, nachhaltig erwirtschaftete Unternehmensgewinne in den Dienst der Zukunft, als Corporate Citizenship zu stellen.

Marcus Reichenberg ist Geschäftsführer der Greensurance-Stiftung Für Mensch und Umwelt und referiert morgen auf der K-Tagung von SCOR Rückversicherung Deutschland und Meyerthole Siems Kohlruss in Köln.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

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