Industrieversicherung: Keine pauschale Marktentspannung
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Der Industrieversicherungsmarkt ist in Bewegung und zeigt je nach Sparte ein sehr unterschiedliches Bild. Auffällig sind die Differenzen zwischen dem globalen und dem deutschen Markt: Während weltweit, etwa in den Bereichen Sachversicherung, Financial Lines und Cyber, nach rund sieben Jahren steigender Prämien erste Entspannungstendenzen sichtbar werden, ist hierzulande lediglich in Teilbereichen ein Weichmarkttrend erkennbar. In Kfz seien viele Risikoträger gezwungen, sich im Zweifel von besonders defizitär verlaufenden Kundenverbindungen proaktiv zu trennen. Das geht aus dem Marktmonitor des Maklers Südvers hervor. Insgesamt bleibe die Lage „komplex“.
„Von einem generell weichen Markt über alle Sparten hinweg kann in Deutschland noch keine Rede sein, auch wenn in Teilbereichen eine Stabilisierung erkennbar ist“, heißt es in der Analyse.
Positive Impulse zeigen sich in der Haftpflicht, in der D&O-Deckung sowie bei Cyberpolicen. Die Sachversicherung hingegen bleibt abseits klar „guter“ Risiken und vor allem in der Elementardeckung angespannt. Das Prämienniveau gilt überwiegend als stabil, punktuell sind Erhöhungen möglich.

In der Kfz-Flottenversicherung schreiben die Anbieter bereits das zweite Jahr in Folge Verluste. Auch US-exponierte Risiken bleiben unter Druck, nicht zuletzt wegen hoher Schadenersatzforderungen.
Die Haftpflichtversicherung kann dagegen mit guten Zahlen aufwarten: Die kombinierte Schaden-Kosten-Quote aller Anbieter lag 2024 mit 86 Prozent erneut klar unter 90 Prozent. Das eröffnet Spielraum für tendenziell sinkende Prämien bei risikoarmen Geschäftsfeldern, berichtet Südvers. In den USA hingegen agieren die Versicherer zurückhaltend und reduzieren Kapazitäten weiter.
Besonderes Augenmerk liegt auf den PFAS-Risiken. Der Gesamtverband der Versicherer (GDV) hat seinen Mitgliedern empfohlen, diese zunächst vollständig auszuschließen, bei positiver Risikoprüfung aber schrittweise wieder zu öffnen.
Auch die Transportversicherung sieht sich durch geopolitische Unsicherheiten, Zölle und systemische Risiken wie Stromausfälle herausgefordert. Südvers rechnet hier mit stabilen Prämien, punktuelle Senkungen sind möglich. Perspektivisch werden Versicherer verstärkt auf KI-gestützte Tools im Underwriting und Schadenmanagement setzen, um Prozesse zu beschleunigen und Risiken präziser bewerten zu können.
„Die zunehmende Volatilität globaler Lieferketten durch geopolitische Spannungen und Extremwetterereignisse erfordert flexiblere Risikostrategien. Versicherungsnehmer reagieren mit wachsendem Bedarf an maßgeschneiderten Lösungen und intensiverer Beratung.“
Die Kfz-Versicherer ihrerseits bleiben laut Südvers in einem angespannten Marktumfeld. Durch die Kombination aus steigenden Schadenkosten, höherer Schadenhäufigkeit und inflationsbedingten Anpassungen stehen die Versicherer weiterhin unter massivem wirtschaftlichem Druck. Für das kommende Jahreswechselgeschäft sei nicht mit einer grundlegenden Marktentlastung zu rechnen.
Die Schaden-Kosten-Quote vieler Versicherer werde auch in diesem Jahr über 100 Prozent liegen, sodass viele Risikoträger gezwungen sind, ihre Zeichnungspolitik zu verschärfen oder sich im Zweifel von besonders defizitär verlaufenden Kundenverbindungen proaktiv zu trennen.
Aktuelle Trends deuten darauf hin, dass auch beim anstehenden Renewal harte Verhandlungen und steigende Prämien zu erwarten sind.

Im Cyber-Segment ist die Zahl der Angriffe nach einem kurzzeitigen Rückgang wieder gestiegen – getrieben durch geopolitische Konflikte und die zunehmende Nutzung künstlicher Intelligenz. Dank verbesserter IT-Sicherheitsstrukturen in vielen Unternehmen blieb die Zahl der Schadenfälle jedoch weitgehend stabil. Das Interesse der Versicherer an dieser Sparte wächst, Limits bewegen sich weiter meist bei 10 Millionen Euro, teils auch bei 15 Millionen Euro.
Versicherte erhalten laut Marktreport „vielfach mehr Klarheit, etwa in Bezug auf Gefahrerhöhungen oder Obliegenheiten.“ Gleichzeitig lassen sich bei Versicherern weitere wichtige Verbesserungen für die Kunden realisieren. Dass dies prämienneutral möglich sei, untermauere die positive Marktentwicklung. Das Prämienniveau ist grundsätzlich stabil geblieben, mit möglichen leichten Prämiennachlässen vor allem bei den Exzedenten-Policen.
Ob die aktuelle Entwicklung anhält, ist ungewiss. Ein Risiko bildet die unkalkulierbare künftige Schadenentwicklung, da sich unter anderem mit künstlicher Intelligenz ständig neue Angriffsformen entwickeln. Für eine Fortgeltung der gegenwärtigen positiven Marktphase spricht wiederum die Erkenntnis, dass die Cyberversicherung mittlerweile (wieder) eine Schlüsselsparte von großem Interesse ist. Günstig ist auch, dass immer mehr Unternehmen in ihre Cybersicherheit investieren und damit einer möglichen Schadenwelle entgegenwirken.
„Im D&O-Markt geht aktuell (noch) eine Menge“, schreibt Südvers. Nach der massiven Marktverhärtung zwischen 2019 und 2022 zeigen sich die Anbieter derzeit wieder deutlich aufnahmebereiter. Der Makler geht allerdings davon aus, dass die Zeichnungskriterien mittelfristig erneut verschärft werden.
Deutlich an Bedeutung gewinnen zudem W&I-Versicherungen im M&A-Geschäft. Sowohl Käufer als auch Verkäufer nutzen diese Deckungen verstärkt, um Risiken bei Unternehmenskäufen abzusichern. Vor allem bei komplexen, grenzüberschreitenden Deals steigt die Nachfrage nach maßgeschneiderten Lösungen.
Südvers berichtet, dass Naturgefahren, geopolitische Spannungen und neue Regulierungen wie die PFAS-Regularien oder die EU-Produktsicherheitsverordnung den Druck auf Versicherer erhöhen. Kapazitäten werden knapper, Selbstbehalte steigen. Zugleich übertragen Anbieter Anforderungen, die bislang Großunternehmen vorbehalten waren, zunehmend auch auf den Mittelstand.
Autor: VW-Redaktion
Die vollständige Studie können Sie hier einsehen.
