Branchenexperte Zielke fordert Abschaffung des Verrentungszwangs bei Lebensversicherungen

Zielke kritisiert die derzeitige Rentenpolitik. Bildquelle: Deutscher Bundestag/ Simone M. Neumann

Die staatlich geförderte Altersvorsorge könnte mit einer einfachen Änderung des Steuerrechts deutlich attraktiver werden. „Dafür muss nur der heutige Verrentungszwang abgeschafft werden“, schlug Dr. Carsten Zielke, Geschäftsführer der Zielke Research Consult GmbH, auf einer virtuellen Pressekonferenz vor. Bisher gilt bei der Riesterrente ein Kapitalerhalt zum Renteneintrittsalter und ein Verrentungszwang.

Daher müssten Versicherer ihr Kapital vor allem in festverzinsliche Wertpapiere anlegen. „Das raubt die Rendite“, so Zielke. In einer Musterrechnung stellte er dar, dass bei einer Abschaffung des Verrentungszwangs die Rendite deutlich steigen könnte (Leben-Studie 2021 – Deutsche Lebensversicherer: Rente – Wozu?).

Die Sparer würden fast 33 Prozent mehr Rente erhalten. Noch stärker würde sich die Altersvorsorge lohnen, wenn die Versicherer zusätzlich riskanter anlegen dürften. Dann wäre laut der fiktiven Rechnung ein Rentenplus von fast 88 Prozent möglich. Mit dem Verrentungszwang hätten die Lebensversicherungen ein Monopol bei der Altersvorsorge. Zielke plädierte dafür, das sogenannte Langlebigkeitsrisiko ab Alter 85 vom Staat absichern zu lassen. Alternativ könnte das Risiko auch über den Kapitalmarkt abgesichert werden. Das Verbriefen von Langlebigkeitsrisiken sei bereits in angelsächsischen Ländern populär. Für diese Behauptung konnte Zielke aber keine aktuellen Daten vorlegen.

Mehr Wettbewerb

Nach Meinung des Experten könnte ohne Verrentungszwang ein deutlicher Wettbewerb um die Altersvorsorge entstehen. Banken und Investmenthäuser könnten dann vermehrt Produkte anbieten. Mehr Wettbewerb wäre durchaus im Sinne der Ampelkoalition. „Damit dürfte Finanzminister Christian Lindner keine Probleme haben“, schätzt Zielke. Der Verrentungszwang müsste auch für bestehende Riesterverträge abgeschafft werden. „Die Kunden können dann wählen, ob sie die lebenslange Rente oder eine Kapitalauszahlung wollen. Das Geld ist ja da“, erläuterte Zielke.

Das Steuerrecht müsste jedoch so geändert werden, dass Riester-Sparer nicht benachteiligt werden, falls sie auf die Rente verzichten. Gleichzeitig müssten nach den Vorschlägen des Beraters die Lebensversicherer verpflichtet werden, alle Riester-Kunden über die neue Möglichkeit der Vollauszahlung des Kapitals zu unterrichten. Bisher können sich die Kunden bei Rentenbeginn nur einen Einmalbetrag von bis zu 30 Prozent ihres Riester-Kapitals auszahlen lassen.

Finanzkraft der Lebensversicherer steigt

Zielke: „Nur Deutschland behält sich den Verrentungszwang zum Gewähren von steuerlichen Vorteilen in der EU vor.“ Das würde zu enorm langen Vertragslaufzeiten von durchschnittlich über 35 Jahren führen. Aufgrund vieler kleinteiliger Riesterverträge mit hohen Kosten würde viel Solvenzkapital gebunden. Auf Basis der Zahlen eines Versicherers hat Zielke errechnet, dass die Aufhebung des Verrentungszwangs schlagartig die Solvenz der deutschen Lebensversicherer um den Faktor 1,6 bis 2,0 verbessern würde.

Zielke kritisierte die derzeitige Rentenpolitik. Das Umlageverfahren wäre ab 2025 stark unter Druck, weil den in Rente gehenden Babyboomern nicht genügend Arbeitnehmer gegenüberständen. Die Politik würde dieses Problem derzeit mit der Festlegung von Höchstgrenzen und Mindestrenten einfach ignorieren. Ab 2025 müssten aber in Wahrheit entweder die Erwerbstätigen höher besteuert werden oder der Staat müsste, um die Rente zu finanzieren, mehr Schulden aufnehmen. 

Autor: Uwe Schmidt-Kasparek