Cyberdirekt analysiert Kühlanlagen-Angriffe: Nur sechs von 21 geprüften Cyber-Tarifen decken verdorbene Ware
In der Nacht zum 2. November manipulierten Unbekannte die Kühl- und Tiefkühlsteuerungen von Supermärkten, darunter ein Edeka-Markt in Niederbayern, zwei CAP-Märkte und ein Rewe-Markt in Nordrhein-Westfalen. Bildquelle: REWE
In mehreren europäischen Ländern kam es infolge von Cyberangriffen zu Störungen an den Kühlsystemen von Supermärkten. Die Anlagen wurden von Kühlen auf Heizen umgestellt. In der Folge mussten große Mengen an Lebensmitteln entsorgt werden. Das Berliner Insurtech Cyberdirekt mahnt in einer Analyse, die VWheute vorab vorliegt, dass der Warenwert in Kühlregalen und Tiefkühltruhen bei einem vollen Supermarkt schnell im sechsstelligen Bereich liegen kann. Hinzu kommen die Entsorgung sowie der Umsatzausfall.
Der erste bekannte Vorfall ereignete sich in der Nacht zum 12. Oktober in Frankreich, wo etwa 700 Supermärkte großer Ketten wie Intermarché, Carrefour, Monoprix und Coopérative U betroffen waren. Hacker verschafften sich Zugriff auf die Kühlanlagen und manipulierten sie so, dass die Temperaturen auf bis zu 50 Grad Celsius anstiegen und vereinzelt Brände ausbrachen. In der Folge mussten aufgetaute Lebensmittel entsorgt werden. Einzelne Märkte verzeichneten Verluste von mehreren hunderttausend Euro.
Ähnliche Fälle wurden mittlerweile auch aus Nordrhein-Westfalen und Bayern gemeldet. In der Nacht zum 2. November manipulierten Unbekannte die Kühl- und Tiefkühlsteuerungen von mehreren Supermärkten, darunter ein Edeka-Markt in Niederbayern, zwei CAP-Märkte und ein Rewe-Markt in Nordrhein-Westfalen. Die Ware verdarb und musste entsorgt werden.
Hintergrund der Angriffe sind technische Schwachstellen, wie das Berliner Insurtech Cyberdirekt berichtet. Die betroffenen Kühlsteuerungen standen oftmals direkt und ungesichert im Internet. Laut Sicherheitsforschern von Forescout liefen rund 80 Prozent der erreichbaren Danfoss-Dienste mit veralteter Firmware, die bekannte Sicherheitslücken nicht schließt. Hinzu kommen aus dem Internet erreichbare Verwaltungsoberflächen, schwache oder abgeleitete Passwörter sowie das Fehlen einer Mehrfaktor-Authentifizierung. Eine Fernwartung, die eigentlich für den technischen Support gedacht ist, wurde so zum Einfallstor für Kriminelle. Weltweit zählte Forescout fast 13.000 frei zugängliche Kühlmanagement-Dienste in knapp 100 Ländern.
Die Vorfälle offenbaren zudem ein Problem bei der Absicherung durch Versicherungen. Cyberpolicen sind in der Regel auf IT-Forensik, Betriebsunterbrechungen oder Datenschutzverletzungen ausgelegt, während zerstörte Waren als Sachschaden gelten. Klassische Sachversicherungen wiederum schließen Schäden durch Cyber-Angriffe häufig aus.
Eine Analyse von Cyberdirekt verdeutlicht die daraus resultierende Deckungslücke: Von 21 analysierten Tarifen decken demnach nur sechs den Schaden an verdorbenem Kühlgut grundsätzlich ab. Lediglich ein einziger Anbieter ersetzt den Kühlgutschaden bis zur vollen Versicherungssumme. Fünf Tarife arbeiten mit begrenzten Sublimits von 50.000, 100.000 oder 250.000 Euro.
Zudem knüpfen Versicherer den Schutz an strenge Obliegenheiten. Wer im Antragsprozess angibt, Fernzugriffe und administrative Konten per Mehrfaktor-Authentifizierung und über sichere VPN-Verbindungen abzusichern, riskiert im Schadenfall Leistungskürzungen oder den vollständigen Verlust des Versicherungsschutzes, solange Steuerungen offen im Netz stehen, betont Cyberdirekt.
Das Risiko betrifft nicht nur Supermärkte. Auch Gastronomie, Bäckereien, Metzgereien, Apotheken, die Logistik und die Lebensmittelproduktion setzen auf vernetzte Kühltechnik und sind potenziell gefährdet.
Autor: VW-Redaktion
