Coface-Chefvolkswirtin Christiane von Berg: „Die Pandemie hat ja oft wie ein Katalysator gewirkt“

Christiane von Berg, Chefvolkswirtin von Coface Nordeuropa und Belgien. Quelle: Coface

Wie ist die deutsche Wirtschaft bislang durch die Coronakrise gekommen? Und welche Rollen haben die Kreditversicherer dabei gespielt? Exklusive Antworten darauf hat Christiane von Berg, Chefvolkswirtin bei Coface Deutschland, im Sommerinterview mit VWheute.

VWheute: Corona hat in den vergangenen Monaten die Versicherungsbranche bestimmt: Wie ist Coface Deutschland bislang durch die Pandemie gekommen und welche Auswirkungen sehen Sie insgesamt für die Kreditversicherer?

Christiane von Berg: Coface ist bisher relativ gut durch die Pandemie gekommen. Wir haben viel Arbeit in die Pandemie gesteckt, um durch detaillierte Risikoeinschätzungen einen guten Weg mit unseren Kunden durch die Krise zu finden, ohne mit einem Rasenmäher Limite zu kürzen oder zu streichen. Der gemeinsam gespannte Schutzschirm der Warenkreditversicherer und des Bundes zur Stabilisierung der Lieferketten hat auch einen Beitrag dazu geleistet. Weniger dadurch, dass die Versicherer damit gestützt werden, denn tatsächlich war der Schutzschirm recht teuer, sondern mehr als psychologisches Instrument, um keine Panik im Markt aufkommen zu lassen. Ich denke, in der Versicherungsbranche hat die Pandemie gezeigt, warum Kreditversicherer wichtig für den Markt sind und was eine gute Beziehung zwischen einem Unternehmen und seiner Versicherung ausmacht. Das war vor der Pandemie im Prämienwettbewerb etwas untergegangen.

VWheute: Die Krise hat auch tiefgreifende wirtschaftliche Folgen: Aktuell gehen Sie von rund 4.030 Insolvenzen in der „Pipeline“ aus. In welchen Bereichen hat die Pandemie unmittelbare wirtschaftliche Folgen für die betroffenen Unternehmen?

Christiane von Berg: In unserer Analyse, auf die Sie hier verweisen, gab es vor allem erhöhte Insolvenzen im Gastgewerbe, Einzelhandel und Transport. Vor allem die Unternehmen sind von der Pandemie betroffen, die durch die Lockdown-Regelungen praktisch zum Einstellen ihrer Aktivität gezwungen waren und es in einzelnen Fällen noch sind. Besonders schwierig wird es für diese Unternehmen, wenn die staatlichen Hilfen nicht für das Überleben ausreichen und das Eigenkapital zunehmend aufgebraucht ist. Dazu kommt aber die Perspektive. Wenn sich das Verhalten der Bevölkerung zum Beispiel im Bereich Einkauf durch die monatelange Schließung so angepasst hat, dass die Produkte und Dienstleistungen nicht mehr gefragt sind, dann ist selbst bei guter Kapitalausstattung das Überleben des Unternehmens fraglich.

VWheute: Und in welchen Bereichen wurden drohende Insolvenzen durch Corona am Ende nur befördert?

Christiane von Berg: Hier ist die Ausgangslage etwas anders. Hier waren die Unternehmen bereits vor der Pandemie von der Insolvenz bedroht und gerieten nicht alleine durch die Pandemie in die Schieflage. Das sind Branchen, die sich bereits vorab im Wandel befunden haben und deren Wandel durch die Pandemie beschleunigt wurde. Wir zählen dazu Unternehmen in der Textil-Bekleidungsbranche, die bereits vorab vom E-Commerce bedroht waren und jetzt einen Schlussstrich gezogen haben, wie beispielsweise Esprit. Hierzu gehören aber auch einige Automobilzulieferer, die auf den konventionellen Antrieb spezialisiert waren, der jetzt deutlich stärker aus dem neuen Modellsortiment der Automobilhersteller verdrängt wird.

VWheute: Die Bundesregierung hat die Insolvenzpflicht bekanntlich vorübergehend ausgesetzt: Wie bewerten Sie diese Entscheidung im Nachhinein? Hat diese den betroffenen Unternehmen wirklich geholfen oder eine bevorstehende Pleite am Ende nur hinausgeschoben?

Christiane von Berg: Nun, leider können wir kein Experiment machen und die Pandemie einmal mit der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht und einmal ohne durchspielen. Zudem wird die Zukunft zeigen, bei wem die Insolvenz nur verzögert wurde und wer daher doch noch insolvent geht. Wenn man sich aber anschaut, wie staatliche Hilfen in Deutschland funktionieren und den Bürokratieaufwand mit hinzunimmt, dann war das Instrument durchaus sinnvoll. Wir wissen, dass von der Beantragung staatlicher Hilfen bis zu deren Umsetzung mehrere Wochen vergehen können, in Extremfällen sogar Monate.

Wir wissen auch, dass das Insolvenzrecht eine Regelungen vorsieht, dass man drei Wochen nach Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung eine Insolvenz anmelden muss. Insoweit war die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ein logischer Schritt, um den Maßnahmen der Regierung überhaupt die Chance zu geben, wirken zu können. Wir gehen davon aus, dass durch die staatlichen Maßnahmen tatsächlich viele Insolvenzen verhindert wurden. Immerhin waren die Stützungsprogramme die größten seit der Gründung der Bundesrepublik. Wenn sie nicht wirken, wäre das eine immense Verschwendung gewesen.

VWheute: Jede Krise hat bekanntlich ihre Gewinner und ihre Verlierer: Wer geht aus Ihrer Sicht am Ende als Gewinner aus der Krise – und wer als Verlierer?

Christiane von Berg: Die Gewinner und Verlierer lassen sich daran ableiten, wer am besten den Wandel in und mit der Pandemie bewerkstelligen konnte und wer nicht. Die Pandemie hat ja oft wie ein Katalysator gewirkt. Das gilt zum Beispiel beim Thema Homeoffice. Unternehmen, die nun streng zur Präsenzarbeit zurückkehren, dürften nun weniger attraktiv für viele Arbeitnehmer werden, die ihre Arbeit künftig flexibel händeln oder an einem anderen Wohnort wohnen wollen. Unternehmen, die im Bürobau aktiv sind, werden ebenfalls zu den Verlierern gehören, soweit sie nicht Co-Working Spaces anbieten, die geeignet sind, um feste Büros zu ersetzen. Im Grunde gilt: Wer sich nicht ändert und an die neuen Gegebenheiten anpasst, verliert. Das gilt unabhängig von der Branche.

VWheute: Die dritte Coronawelle hat die deutsche Wirtschaft stärker getroffen als erwartet: Im ersten Quartal 2021 ist das BIP um 1,8 Prozent eingebrochen. Welche Erwartungen haben Sie für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland für die kommenden Monate? Und welche langfristigen ökonomischen Folgen erwarten Sie als Folge aus der Krise?

Christiane von Berg: Im Grunde haben wir im ersten Quartal 2021 eine Wiederholung des zweiten Quartals 2020 gesehen. Das ganze Quartal über war das Land durchgehend im Lockdown, mit nur einzelnen kurzfristigen Öffnungsschritten im März. Der große Unterschied zum Frühjahr 2020 war, dass das Verarbeitende Gewerbe zum Jahresanfang 2021 deutlich besser lief und einen noch stärkeren Fall der Wirtschaftsleistung verhindert hat. Für das zweite Quartal erwarten wir positive Wachstumsraten, da durch die Öffnung der Volkswirtschaft ein Nachholeffekt kommt. Ein noch deutlich stärkeres Wachstum erwarten wir für Q3, das unserer Prognose nach Lockdown-frei sein sollte. Die langfristigen ökonomischen Folgen hängen davon ab, wie sich die Pandemie weiter entwickelt. Offen bleibt ja bisher, wie langfristig und weitgehend die Impfstoffe wirken, wie lang die Impfkampagne in anderen Ländern der Erde dauert und ob wir damit durch sind oder ob die Mutationen nicht zur nächsten Stufe der Pandemie führen. Ich persönlich denke, dass die Auswirkungen noch länger anhalten werden und wir das volle wirtschaftliche Potenzial noch länger nicht entfalten können.

VWheute: Im Oktober 2020 hatten Sie in einem Interview mit einem „Anstieg sozialer Unzufriedenheit und Unruhen in vielen Ländern“ gewarnt. Wie konkret ist diese Warnung heute? Welche politischen und sozialen Folgen wird die Pandemie Ihrer Ansicht nach mittel- bis langfristig haben?

Christiane von Berg: Üblicherweise braucht es über ein Jahr, bis aus sozialer Unzufriedenheit Unruhen entstehen können. Insoweit zeigt sich das erst verspätet. Wir sehen aber derzeit schon konkrete Beispiele: Ende Januar 2021 gab es die schlimmsten Ausschreitungen seit 40 Jahren in den Niederlanden, als ein verschärfter Lockdown mit Ausgangssperren eingeführt wurde. Das kam äußerst überraschend, da die Niederländer nicht unbedingt für rabiates Auftreten und Vandalismus bekannt sind, ausgenommen vielleicht beim Fußball. Wir sehen es aber auch in den vergangenen Wochen immer wieder an den Grenzen zwischen beispielsweise Deutschland und seinen Nachbarländern, wenn Maßnahmen in einem Land erlaubt sind und in einem anderen Land nicht.

Dann kommt es dazu, dass die Niederlande Deutschland als „Hoch-Risikogebiet“ kennzeichnen in der gleichen Woche, in der der Inzidenzwert in Deutschland auf 30 fällt und in den Niederlanden bei über 100 liegt. Auch das führt zu immer mehr Unmut. Eine schwierige Phase könnte auch kommen, wenn die staatlichen Stützungsmaßnahmen zurückgenommen werden. Beispielsweise sollen die aktuellen Sonderregeln zur Kurzarbeit Ende des Jahres enden – dann müssen Unternehmen wie Selbstständige wieder ohne weitere Stützen alleine in der neuen Wirtschaftswelt bestehen.

VWheute: Blicken wir in die Zukunft: Welche Lehren ziehen Sie aus der aktuellen Pandemie? Was müssen Politik und Wirtschaft künftig besser machen, um künftigen Krisen dieser Art besser begegnen zu können?

Christiane von Berg: Na ja, im Nachhinein ist man immer schlauer und ich würde sagen, dass vieles richtig gemacht wurde, auch wenn es deutliches Verbesserungspotenzial gibt. Es wurden sehr viele staatliche Stützungsmaßnahmen bereitgestellt, die alleine durch ihre Existenz die Wirtschaft und die Finanzmärkte beruhigt haben. Wenn man nun langsam die Unternehmen von den Maßnahmen entwöhnt und später eine konsequente Sparpolitik einführt, so würde ich das einen gelungenen Schritt nennen. Wichtig für die Zukunft wäre allerdings, dass an der europäischen Zusammenarbeit gearbeitet wird. Die Pandemie und wahrscheinlich auch künftige Krisen machen an keinen nationalen Grenzen halt. Die Hilfsmaßnahmen der EU werden erst jetzt langsam anfahren, also ein Jahr zu spät. Und wie genau der europäische Impfausweis aussehen soll, bleibt noch komplett offen.

An dieser Stelle würde zumindest ich mir eine deutliche Verbesserung wünschen. Davon abgesehen wäre im Nachhinein eine bessere Kommunikation und eine proaktivere Strategie gut gewesen. Man hätte sich über Probleme wie beispielsweise die Situation in den Schulen schon während des Sommers 2020 Gedanken machen müssen, statt auf die nächste Welle zu warten. Aber ich gebe gleichzeitig zu, dass ich nicht glaube, dass ich es besser als die europäischen Politiker gekonnt hätte.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

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