„Frauen sind in wirtschaftlicher Hinsicht unverhältnismäßig stark vom Virus betroffen“

Jessica Brook. Quelle: Culture Amp

Mit den Corona-bedingten Lockerungen und dem wochenlangen Homeoffice hält auch in den Unternehmensetagen allmählich wieder hektische Betriebsamkeit Einzug. Doch fühlen sich laut einer Umfrage von Culture Amp nur 31 Prozent der Frauen (39 Prozent der Männer) am Arbeitsplatz sicher. Jessica Brook, Mitglied im Business Operations und Strategy Team, über die Lehren in der Arbeitswelt.

VWheute: Warum sorgen sich Frauen mehr als Männer um Sicherheit am Arbeitsplatz und den Einrichtungen des Arbeitgebers? 

Jessica Brook: Wir können nur spekulieren, da aber Frauen in wirtschaftlicher Hinsicht unverhältnismäßig stark vom Virus betroffen sind, sind sie eher affin hinsichtlich der Sicherheitsmaßnahmen. Denn wenn diese unzureichend sind, könnte es zu einer zweiten Welle kommen, was dazu führen könnte, dass sie erneut betroffen sind – in Bezug auf Arbeitsplatzverlust, Vollzeitarbeit von zu Hause aus sowie zusätzlicher unbezahlter Arbeit (primäre Kinderbetreuung zu Hause oder Pflege von kranken Angehörigen).

Wie sicher fühlen sich die Arbeitnehmer am Arbeitsplatz nach den Covid-19-Beschränkungen?

Laut einer weltweiten Umfrage von Culture Amp unter 31.000 Arbeitnehmern fühlen sich 31 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer nach den Lockerungen der Covid-Beschränkungen am Arbeitsplatz sicher. Mehr als die Hälfte der befragten Männer (52 Prozent) freut sich auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz, im Vergleich dazu tun das nur 44 Prozent der Frauen. 86 Prozent der Frauen äußerten den Wunsch, bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz auf eine Persönliche Schutzausrichtung (PSA) zugreifen zu können. Im Vergleich dazu wollen das nur 77 Prozent der Männer.

Zudem gaben 32 Prozent der Frauen an, sich nach den Lockerungen der Covid-19 Beschränkungen auf dem Weg zum Arbeitsplatz sicher zu fühlen, im Vergleich zu 43 Prozent der Männer. Zudem würden sich 45 Prozent der Männer sich dabei sicher fühlen, wenn sie die Einrichtungen ihres Arbeitgebers wie Fitnessstudio, Cafeteria oder andere soziale Bereiche nutzen würden, während dem lediglich 36 Prozent der Frauen zustimmen.

VWheute: Wie sollte ein Arbeitgeber reagieren? 

Jessica Brook: Arbeitgeber müssen mit Empathie reagieren, indem sie anerkennen, dass die Mitarbeiter während der Pandemie unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und jetzt möglicherweise unterschiedliche Ebenen und Arten von Unterstützung nötig sind. Ein Pauschalansatz ist weder angemessen noch sinnvoll. Der entscheidende Punkt ist es, den Mitarbeitern aufmerksam zuzuhören. Wer regelmäßig Feedback einholt (und darauf entsprechend reagiert), der kann sich auf die Bedürfnisse und Erfahrungen der Mitarbeiter einstellen und bessere Entscheidungen hinsichtlich der Rückkehr ins Büro und darüber hinaus treffen.

„Viele haben die Umstellung auf das Homeoffice mit Bravour gemeistert, sodass jede obligatorische Rückkehr zum Büroschreibtisch wahrscheinlich auf Widerstand stoßen wird, solange Sicherheitsbedenken bestehen.“

Jessica Brook, Mitglied im Business Operations und Strategy Team von Culture Amp

VWheute: Beide Geschlechter fühlen sich überdurchschnittlich unsicher, was kann getan werden, ist Homeoffice die Lösung? 

Jessica Brook: Wir müssen akzeptieren, dass eine Rückkehr ins Büro und das Büroleben in naher Zukunft nicht so aussehen wird, wie wir es vor der Pandemie kannten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Mitarbeiter einer Rückkehr ins Büro skeptisch gegenüberstehen. Viele haben die Umstellung auf das Homeoffice mit Bravour gemeistert, sodass jede obligatorische Rückkehr zum Büroschreibtisch wahrscheinlich auf Widerstand stoßen wird, solange Sicherheitsbedenken bestehen. Die Lösung, die viele fortschrittliche Unternehmen bereits vor Covid implementiert haben, ist es, den  Mitarbeitern eine größere Flexibilität zu bieten und ihnen einen größeren Spielraum hinsichtlich der Art und Weise, wie sie ihre Arbeit erledigen, zu gewähren.

Corona: Zwei von drei Angestellten bevorzugen Homeoffice

Die Kontaktbeschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie führten zu einer massiven Verlagerung vom Büro ins Homeoffice. Laut einer Umfrage der SDK stimmen 65 Prozent der 1.500 befragten Angestellten der Aussage zu, dass sie insgesamt lieber zu Hause als im Büro arbeiten. 41 Prozent meinen jedoch, dass sich die Arbeit daheim negativ auf die Karriere auswirken würde. Zudem wird die Produktivität im Homeoffice von jedem zweiten Befragten als Schwachpunkt eingestuft. Dabei gibt es aber einen deutlichen Unterschied, ob jemand bereits Erfahrung als Heimarbeiter sammeln konnte oder nicht. „Viele Stressfaktoren fallen weg, wie zum Beispiel lärmende Kollegen oder ein anstrengender Arbeitsweg. Die berufliche Freiheit wird allerdings teuer erkauft“, sagt Oliver Schwab, Leiter Firmenvertrieb bei der SDK.

Ebenfalls interessant: Laut einer aktuellen Umfrage von Swiss Life Deutschland wurde Corona trotz Lockdown, Homeoffice, Homeschooling und getrübten Wirtschaftsaussichten nicht als eine massive Einschränkung des eigenen Lebens wahrgenommen. Ganz im Gegenteil: Im April 2020 fühlten sich 63 Prozent der Befragten selbstbestimmter als zuvor. Im Herbst 2019 waren es noch 54 Prozent. In der Stadt (64 Prozent) ist der Selbstbestimmungsgrad insgesamt am höchsten und stieg immerhin um elf Prozentpunkte. Wesentlich geringer ist der Anstieg auf dem Land (61 Prozent). Hier stieg das Gefühl nur um vier Prozentpunkte.

Außerdem ist eine deutliche Mehrheit laut Umfrage von Swiss Life Deutschland zuversichtlich, dass ihre Selbstbestimmung in den nächsten zehn Jahren gleich bleibt (44 Prozent) oder sogar zunimmt (29 Prozent). Hier gibt es zumindest einen leichten Anstieg zum Vorjahr um jeweils zwei Prozentpunkte. Nur 28 Prozent sind pessimistisch und befürchten weniger Autonomie.

Im internationalen Vergleich fühlen sich die Menschen in Österreich (64 Prozent) am selbstbestimmtesten, gefolgt von Deutschland (63 Prozent), der Schweiz (61 Prozent) und Frankreich (59 Prozent). Nur bezüglich der mittelfristigen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind die Franzosen deutlich pessimistischer: 52 Prozent befürchten in den nächsten drei Jahren einen negativen Einfluss, in den anderen Ländern ist es nur rund ein Drittel.

VWheute: Wie lange wird die Unsicherheit anhalten, es wird ja kein offizielles Covid-19-Ende geben?

Jessica Brook: Unsicherheit hält so lange an, wie Ungewissheit besteht. Je mehr Arbeitgeber tun können, um den Arbeitnehmern Gewissheit über den sich ständig ändernden Zustand zu schaffen, desto sicherer werden sie sich fühlen. Um den Mitarbeitern Gewissheit und Planungsfähigkeit zu geben, informierte Culture Amp z.B. die Mitarbeiter frühzeitig, dass jeder auf Wunsch bis Ende 2020 von zu Hause aus weiterarbeiten kann – auch wenn die Büros wieder regulär geöffnet sind.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

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