Martin Gräfer: „Unsere Gesellschaft braucht nicht weniger Bewegung. Sie braucht wieder mehr Boden unter den Füßen.“

Bayerische-Vorstand Martin Gräfer (Bildquelle: die Bayerische)

Politik, Arbeitswelt, Öffentlichkeit – in Deutschland verändert sich gerade vieles gleichzeitig. Die gute Nachricht: Gesellschaftliche Stabilität ist kein Naturereignis. Man kann sie organisieren. Was wir dabei von europäischen Partnern lernen können, analysiert Bayerische-Vorstand Martin Gräfer im Gastbeitrag.

Ein Land kann erstaunlich viel Veränderung aushalten. Kritisch wird es, wenn sich mehrere Dinge gleichzeitig verändern: politische Macht, unsere Arbeitswelt und die Frage, wem wir noch vertrauen.

Genau dort steht Deutschland. Die AfD ist längst keine Protestnotiz am Rand des Parteiensystems mehr. Die Linke steht kurz davor, die Bürgermeisterin unserer Hauptstadt zu stellen.

Gleichzeitig beginnt künstliche Intelligenz die Arbeitswelt umzubauen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Anteil der deutschen Betriebe, die generative KI einsetzen, nahezu verfünffacht. Im Finanz- und Versicherungswesen nutzt sie bereits jeder zweite Betrieb.

Und während Politik und Wirtschaft ihre Ordnung verändern, verändert sich auch der Raum, in dem wir darüber sprechen. Zeitungen verlieren Auflage, Nachrichten wandern auf Plattformen. Politiker, Journalisten, Unternehmen, Aktivisten, Influencer und ein anonymer Account mit 300.000 Followern liegen auf dem Smartphone nur noch einen Wisch voneinander entfernt. Das ist zunächst einmal nicht negativ. Noch nie konnten so viele Menschen öffentlich sprechen.

Nur bedeutet mehr Stimmen nicht automatisch mehr Orientierung. Es gibt nicht mehr den einen gesellschaftlichen Morgen, an dem Millionen dieselbe Zeitung aufschlagen und abends dieselbe Nachrichtensendung sehen. Wir haben mehr Information als jede Generation vor uns – und trotzdem wächst das Gefühl, nicht mehr zu wissen, was eigentlich gilt.

Der Kern unserer Verunsicherung.

Wir erleben eine Form von Kontrollverlust. Gesellschaften werden instabil, wenn Menschen den Eindruck bekommen, Veränderung geschehe mit ihnen, aber nicht durch sie.

Nur 29 Prozent der Menschen in Deutschland glaubten in der großen OECD-Vertrauensstudie, dass das politische System Menschen wie ihnen Einfluss auf Regierungshandeln ermöglicht. Zwischen denen, die politischen Einfluss erleben, und denen, die ihn nicht erleben, liegt beim Vertrauen in die Bundesregierung eine Lücke von 54 Prozentpunkten.

Die gute Nachricht ist: Gesellschaftliche Stabilität ist kein Naturereignis. Man kann sie organisieren.

Finnland tut das bemerkenswert konsequent. Dort wird gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit als Gemeinschaftsaufgabe verstanden. Staat, Unternehmen, Organisationen und Bürger werden ausdrücklich als Teile eines gemeinsamen Sicherheitssystems betrachtet. Medienkompetenz wiederum ist seit Jahrzehnten Bestandteil der Bildungspolitik. Die Idee dahinter: Wer eine offene Gesellschaft verteidigen will, muss Menschen befähigen, selbst zu unterscheiden.

Irland hat bei besonders kontroversen gesellschaftlichen Fragen einen anderen Weg gewählt: zuhören. Zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger beschäftigen sich in Citizens’ Assemblies intensiv mit komplexen Themen, hören Experten und Gegenpositionen und formulieren Empfehlungen. Einige dieser Verfahren haben große gesellschaftspolitische Entscheidungen vorbereitet. Sie ersetzen das Parlament nicht, aber sie geben Beteiligung eine Ernsthaftigkeit zurück, die zwischen Wahlterminen häufig verloren geht.

Und Dänemark zeigt seit Jahrzehnten, dass wirtschaftliche Veränderung leichter akzeptiert wird, wenn Sicherheit nicht mit Stillstand verwechselt wird. Das Prinzip der „Flexicurity“ verbindet einen beweglichen Arbeitsmarkt mit sozialer Absicherung, Weiterbildung und aktiver Unterstützung beim Wechsel in eine neue Beschäftigung. Vereinfacht gesagt: Nicht jeder Arbeitsplatz muss für immer erhalten bleiben. Aber der Mensch darf beim Verlust seines Arbeitsplatzes nicht ins Bodenlose fallen.

Das könnte für das KI-Zeitalter kaum aktueller sein. Wir werden Tätigkeiten verlieren. Neue werden entstehen. Manche Qualifikation, auf die Menschen ihr Berufsleben aufgebaut haben, wird an Wert verlieren. Die falsche Antwort darauf wäre, den Fortschritt aufzuhalten. Ebenso falsch wäre es, den Betroffenen pauschal zu erklären, sie müssten eben „offen für Veränderung“ sein, um sie dann zu ersetzen.

Veränderung braucht Zumutbarkeit.

Das gilt auch für Politik und Medien. Die Politik der Mitte muss wieder erfahrbar machen, dass Beteiligung Folgen hat. Unternehmen dürfen Transformation nicht nur über Produktivitätsgewinne erzählen, sondern müssen Weiterbildung und Übergänge organisieren. Und Journalismus wird seine Bedeutung nicht dadurch verteidigen, dass er den Verlust früherer Deutungshoheit beklagt. Er muss durch Recherche, Einordnung und Glaubwürdigkeit immer wieder neu beweisen, warum es einen Unterschied macht, wer eine Information veröffentlicht.

Deutschland braucht Institutionen, Unternehmen und gesellschaftliche Räume, die Veränderung interaktiver gestalten. Denn Menschen können sehr viel Wandel verkraften, wenn sie das Gefühl haben, Teil davon zu sein.

Unsere Gesellschaft braucht deshalb nicht weniger Bewegung. Sie braucht wieder mehr Boden unter den Füßen.

Autor: Bayerische-Vorstand Martin Gräfer

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