„Am Standort D wird weder wenig noch falsch investiert“

Hartmut Leser. Quelle: Aberdeen Standard Investments Deutschland

Versicherer spielen eine wichtige, wenn auch oft unterschätzte Rolle beim Funktionieren von Volkswirtschaften, erklärt Hartmut Leser. Der Vorstandsvorsitzende von Aberdeen Standard Investments Deutschland spricht im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft über langfristige Kapitalanlagestrategien zwischen Rendite und Risiko sowie die Bedeutung von öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP).

VWheute: Wird am Standort Deutschland vonseiten der institutionellen Player zu wenig, falsch investiert?

Hartmut Leser: Am Standort Deutschland wird weder zu wenig noch falsch investiert. Die institutionellen Investoren optimieren ihre Portfolios unter Einbezug ihrer jeweiligen Zielsetzungen bzw. Verpflichtungen sowie aller regulierungsbedingten und aus der jeweiligen Risikopolitik abgeleiteten Restriktionen. Dabei sind sich alle Beteiligten bewusst, dass die Beibehaltung der traditionellen Renditeziele angesichts der niedrigen Zinsen nur erreicht werden kann, wenn man höhere Risiken in Kauf nimmt.

VWheute: Wie würden Sie die institutionelle Landschaft in Deutschland insgesamt beschreiben? Welche Entwicklungen beobachten Sie?

Hartmut Leser: Da die Versicherungen – vor allem die Lebensversicherer – sowie die oft ähnlich regulierten und strukturierten Altersversorger zusammen über die größten Investitionsvolumina im deutschen institutionellen Markt verfügen, prägen diese auch das Gesamtbild der institutionellen Landschaft in Deutschland. Seit etwa Mitte der 1990er haben sich die Institutionellen allmählich darauf eingestellt, dass die langfristige Ausrichtung ihres Portfolios ein strategischer Wettbewerbs- und Erfolgsfaktor ist.

Das hat schon im ersten Drittel dieser Zeitspanne von über 20 Jahren zu einer beispiellosen Professionalisierung der institutionellen Kapitalanlage geführt, die uns auf das Niveau der international am weitesten entwickelten Märkte hebt. Ein zunehmend limitierender Faktor bei der allmählichen Anpassung der strategischen Asset Allokationen ist sicherlich die nach wie vor zu zinsorientierte und auf kurze Berichtszeiträume zugeschnittene Regulierung. Insbesondere die Lebensversicherer entziehen sich dem mehr und mehr durch eine Neustrukturierung ihrer Produkte.

VWheute: Welche Rolle spielen Versicherer als institutionelle Anleger aus wirtschaftlicher Sicht?

Hartmut Leser: Versicherungen spielen eine wichtige, wenn auch oft unterschätzte Rolle beim Funktionieren von Volkswirtschaften. Zum einen durch den Nutzen, den Versicherungen Privatpersonen und Unternehmen durch die Bereitstellung von Sparprodukten und Schutz vor Verlusten, Beschädigungen und Unfällen bieten. Zum anderen investieren sie weltweit erhebliche Summen in die Wirtschaft. Oft tätigen Versicherer bedeutende langfristige Investitionen für die Wirtschaft wichtigen Bereichen wie Infrastruktur. Sie stellen Regierungen und Unternehmen dringend benötigte Finanzmittel für Wachstum, Expansion und Rentabilität zur Verfügung.

Diese summieren sich weltweit auf riesige Summen. Fortschritte haben die Versicherungen auch bei der Nutzung neuer Technologien gemacht. Ein Bereich, in dem viele Jahre zu wenig investiert wurde, sind die Betriebsplattformen der Versicherer und die Art und Weise, wie Prämien und Schadensfälle gehandhabt werden. Wir beobachten jedoch inzwischen eine erhebliche Zunahme von Fintech-Projekten, in die investiert oder die zugekauft werden. Hintergrund dieses Interesses ist die dringend erforderliche Modernisierung der Prozesse und der anhaltende Renditedruck.

VWheute: Wie stehen Sie zu öffentlich-privaten Partnerschaften? Wie groß ist das damit verbundene Potenzial?

Hartmut Leser: Öffentlich-private Partnerschaften (ÖPP) sind nicht ohne Risiko, entscheidend ist ein wirksames und faires Risikomanagement. Ihre möglichen Vorteile sind weltweit unstrittig, und die ÖPP-Märkte verzeichnen auf allen Kontinenten Zuwächse. Für viele Länder sind Transparenz und Rechenschaftspflicht, die mit der Einführung privater Finanzierungen einhergehen, gewichtige Vorteile.

Im Rahmen öffentlich-privater Partnerschaften wird sowohl das Risiko als auch der finanzielle Nutzen auf den Partner aus der Privatwirtschaft übertragen. Dieser hat einen starken Anreiz, das Projekt fristgerecht und innerhalb des angesetzten Budgets umzusetzen. Zudem kann er keine Elemente aus dem Pflichtenkatalog auslassen oder ändern. In Deutschland sind solche ÖPP-Modelle sicherlich noch entwicklungsfähig, sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite.

VWheute: Was würden Sie den Versicherern jetzt raten?

Hartmut Leser: Die Lösung in puncto Kapitalanlage liegt in einer weiteren Adaption der Kapitalanlage an das Niedrigzinsumfeld, das uns vermutlich noch lange erhalten bleiben wird. Andererseits müssen aber auch die angebotenen Produkte der Situation angemessen konstruiert werden.

Unterstützt werden muss dies durch eine schnellere und manchmal intelligentere Regulierung. Unsere Branche, die Asset Manager, müssen sich in versicherungsrelevante Tatbestände und Bedürfnisse mit noch größerem Tiefgang einarbeiten und ein entsprechendes Produktangebot bereitstellen.

Die Fragen stellte VVheute-Redakteur Michael Stanczyk.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Mai-Ausgabe des Business- und Managementmagazins Versicherungswirtschaft.

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