Oscar-Fieber: Versicherungsfilme zwischen Mord, Lust und Gier

Quelle: El Hormiguero/flickr; World Bank/Grant Ellis/flick

So gegenwärtig der Schutz von Risiken in unserem Alltag ist, so vielfältig versuchte Hollywood die Geschichten dahinter zu verfilmen. Oscarreif waren die Leistungen allemal – ob Komödie, Drama oder Verschwörungsthriller. Ein Überblick über die besten von ihnen.

Welchen Beruf hat ein unauffälliger Durchschnittstyp? Die Macher des Films „Die Truman Show“ mit Jim Carrey wählten dazu einen Versicherungsangestellter. Ansonsten hat die intelligente Satire eigentlich nichts mit der Assekuranz zu tun. Ebenso wenig wie Bud Spencers Rolle als Hutch Bessy im Italo-Western „Gott vergibt… Django nie!“Andere Filme tauchten indes tiefer in die Versicherungsmaterie ein – mal mehr, mal weniger realistisch:

Double Idemnity (1944)

Der Film basiert auf dem Roman „Doppelte Abfindung“ von James M. Cain aus dem Jahre 1935. Weil die Figuren zu zynisch und unmoralisch waren, galt die Geschichte lange als unverfilmbar. Schließlich brauchte es den Meisterregisseur Billy Wilder, der den Stoff zum wichtigsten Klassiker des Film noirs machte. Barbara Stanwyck spielt die manipulative und skrupellose Phyllis Dietrichson, die ohne das Wissen ihres Mannes eine Lebensversicherung in seinem Namen abschließt, mit dem Plan ihn zu ermorden und die Versicherungssumme zu kassieren. Als Femme fatale überzeugt sie den Versicherungsvertreter Walter Neff (Fred MacMurray), den Plan in die Tat umzusetzen.

Derartige Rollen waren im damaligen Mainstreamkino Hollywoods sehr ungewöhnlich – vor allem ein so modernes und emanzipiertes Frauenbild während des Zweiten Weltkrieges. Um ihre Falschheit zu verdeutlichen, trug Stanwyck den Film über eine blonde Perücke. Regisseur Wilder war im Verlauf der Dreharbeiten aber zunehmend unzufrieden mit der Idee. Da bereits etliche Szenen gedreht waren, konnte man sich eine Änderung der Haartracht nicht leisten. Die Mühe hat sich dennoch gelohnt:  In sieben Kategorien wurde der Film bei der Oscarverleihung 1945 nominiert, gewinnen konnte er keinen. In Deutschland erschien der Film unter den Namen: „Frau ohne Gewissen“, und macht neben dem spannenden Plot vor allem durch seine haarscharf geschliffenen Dialoge viel Spaß. Das American Film Institute stuft den Streifen auf Platz 29. der besten Filme aller Zeiten ein.

Das Appartment (1960)

Neben „Double Idemnity“ schuff Billy Wilder einen weiteren Filmklassik, in dem die Assekuranz erneut nicht gut wegkommt. Nur hat er diesmal tatsächlich den Oscar für den besten Film und die beste Regie geholt. Der gutmütige C.C. Baxter (Jack Lemmon) ist Sachbearbeiter bei der New Yorker Versicherungsgesellschaft „Consolidated” und bewohnt als Single ein hübsches Appartement. Um aufzusteigen, kann er seinen Arbeitskollegen nicht abschlagen, seine Wohnung als Liebesnest zur Verfügung zu stellen. Während sich die Ehemänner und deren Geliebte das Appartement als Stundenhotel nutzen, muss Baxter stundenlang auf einer Parkbank im Central Park in der Kälte ausharren. Eines Tages verliebt er sich in die Frau, die sein Chef Mr. Sheldrake mitbringt. Baxter muss sich am Ende für die Karriere oder die große Liebe entscheiden.

Der Regisseur vereint eine böse Gesellschaftssatire mit einer bezaubernden Liebesgeschichte. All das eindrucksvoll in Szene gesetzt, u.a. das Großraumbüro, in dem man Baxter zum ersten Mal sieht, vor seiner Rechenmaschine am Tisch mit der Nummer 861 im 19. Stock. Dabei ist es kein echtes Büro, sondern ein perspektivischer Trick, bei dem die unzähligen hinteren Tische einfach aus Pappe kleiner gemacht wurden. Die Geschäftsmoral ist genauso doppelbödig wie die private. Wirklich arbeiten sieht man in dem Film niemanden. Die Telefonistinnen treffen Verabredungen, die Vorgesetzten arrangieren ihr nächstes Abenteuer und Baxter koordiniert den Nutzungsplan für sein Appartment. Beruflichen Aufstieg gibt es nur gegen Gefälligkeiten, nicht wegen guter Leistung. Das ist wohl in vielen Firmen bis heute so.

Der Regenmacher (1997)

Man nimmt das Skript des besten Autors von Kriminalbüchern, John Grisham, und einen der bedeutendsten Filmregisseure der Geschichte, Francis Ford Coppola, und besetzt den Streifen mit all den Stars, die die 90er-Jahre zu bieten  hatten (Matt Damon, Danny DeVito, Danny Glover, Jon Voight, Claire Danes und Mickey Rourke). Herauskommt ein sehenswerter Gerichts-Thriller, der jedoch in Teilen sehr klischeebeladen ist, weil es den so oft erzählten Kampf zwischen David und Goliath zeigt. Der junge Anwalt Rudy Baylor (Matt Damon) zieht gegen einen Versicherer vor Gericht, der einem an Leukämie erkrankten Jungen die Knochenmarktransplantation nicht bezahlen will. Im Laufe des Verfahrens zeigt sich u.a., dass der angeklagte Versicherer im Grunde jeden Kundenanspruch zurückwies, solange kein Gerichtsprozess drohte. Die Jury verhängt schließlich eine Strafzahlung von 50 Mio. Dollar über die Versicherungsgesellschaft, das höchste derartige Urteil in Memphis, weshalb Rudy Baylor als Regenmacher bezeichnet wird. Das Unternehmen meldet jedoch kurze Zeit später Insolvenz an, auch weil Geld von der Firmenspitze unterschlagen wurde damit sie sich Strafzahlungen entziehen kann. Am Ende stehen alle Seiten mit leeren Händen da – eine ernüchternde und durchaus zynische Abrechnung mit dem amerikanischen Rechtssystem.

Mit viel Liebe zum Detail erzählt Coppola in zweieinhalb Stunden den Grisham-Stoff. Der Buchautor sagte später, dass es wohl die beste Verfilmung seiner vielen Werke sei. Was im seitenreichen Buch funktioniert, ist jedoch für die Spannungskurve im Film nicht immer förderlich. Zu viele Charaktere mit vielen Nebenhandlungen stören den Erzählfluss. Unverzichtbar ist indes Danny DeVito, der den tollpatschigen Anwaltsassistenten Deck Shifflet mimt und einige komödiantische Einlagen mitbringt.

Und dann kam Polly (1994)

Jeder kennt wohl diese Situation: „Ich hab grad geschurzt! Ich wollte furzen, da kam bisschen Scheiße mit raus“– Fäkalhumor ist traditionell ein wesentlicher Bestandteil in den Filmen, in denen der Komiker Ben Stiller mitspielt. Wer nicht mehr erwartet, wird bei „Und dann kam Polly“ auch nicht enttäuscht. Denn Stiller spielt einen ähnlichen Charakter wie in „Verrückt nach Mary“ oder „Meine Braut, ihr Vater und ich“.

Die Handlung ist simpel: Stiller ist Reuben Feffer, ein zwanghaft ängstlicher Stadtneurotiker, der als Risikoanalyst einer Versicherungsfirma auch alle privaten Entscheidungen in seinem Leben nach Risikostatistiken trifft. Nachdem seine Ehefrau ihn bereits in den Flitterwochen betrügt, verliebt er sich in seine ehmalige Schulfreundin Polly, gespielt von Jennifer Aniston, die als Hippie-Braut wagemutig durchs Leben geht und neue Sachen ausprobiert.  Dazu zählt Salsa-Tanzen oder marokkannisches Essen. Stiller kann weder Tanzen noch verträgt er scharfes Essen – aber macht bei all dem mit, was zu vielen Klaumaukszenen führt. Am Ende muss sich Feffer zwischen Polly und seiner Ex-Frau entscheiden. Dafür frägt er kurzerhand sein Programm zum Risikomanagement. Abseits der Romanze benutzt er dieses Tool um herauszufinden, ob seine Firma einem waghalsigen Milliardär eine Lebensversicherung verkaufen soll.

Sehenswert ist der kurzweilige Film allein schon durch die Sprüche von dem viel zu früh verstorbenen Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman, der Feffers besten Freund spielt. Erkenntnis für Versicherungsmanager: Kein Leben ohne Risiko. Und lassen Sie die Finger von den Nüssen in der Bar. „Sagen wir, vorsichtig geschätzt, siebzehn Menschen greifen jeden Abend in diese Schale, okay? Die Nüsse stehen hier zwei Wochen, dann sind das 238 Menschen, die ihre schmutzigen Finger da reingesteckt haben“, erkärt Risk Manager Reuben Feffer. – „Die sind schmutzig? Wie kommst du denn jetzt darauf?“ – „Im Durchschnitt wäscht sich nur einer von sechs Menschen die Hände, wenn er auf der Toilette war. Tja, da denkt man, man isst ganz harmlosen Knabberkram, in Wirklichkeit nimmt man tödliche Bakterien von etwa 39 schmutzfingrigen Fremden zu sich!“

Kafka (1991)

Werk und Person sollte man bei Franz Kafka nie durcheinandermischen. Regisseur Steven Sonderbergh hat das bewusst gemacht und noch vieles mehr hinzugedichtet. Oscarpreisträger Jeremy Irons spielt Kafka, der als Angestellter in einer Arbeiterunfallversicherung arbeitet, aus Langeweile dämonische Geschichten verfasst und schließlich auf eigene Faust 1919 in Prag einem verschwundenen Arbeitskollegen nachspürt. Seine Suche führt ihn in ein örtliches Schloss, wo ein gewisser Dr. Murnau (Anspielung auf den bedeutenden Nosferatu-Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau) mit den Gehirnen seiner Opfer experimentiert.

Der durchgehend schwarzweiße Thriller im Stil des expressionistischen Kinos floppte an den Kinokassen. Als Independentfilm war der Film auch nicht für die Massen gedacht. Das traf eher auf Sonderberghs spätere Gaunerkomödie  Ocean’s Eleven (2001) zu. Neben der Hauptfigur sind die eher unscheinbaren Nebenrollen allesamt hochkarätig besetzt, die Handlung halbwegs spannend und streckenweise verrückt. Wer eine Kafka-Biografie erwartet, wird enttäuscht. Um alle Dialoge deuten zu können, sollte man allerdings Kafkas Werke im Ansatz kennen. Ein Beispiel: „Woran arbeiten Sie gerade?“ – wird Kafka gefragt. Seine Antwort: „An einer Sache, wo ein Mann aufwacht und sich in ein Insekt verwandelt hat.“

Autor: David Gorr

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