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„Whynachten“ 2015: Warum und wohin? Der Y-Faktor in nahchaotischen Situationen

01.12.2015 – Von Dirk Solte. Die Weltfinanzkrise, die im Zeitraum 2007/2008 ihren Anfang nahm, war inhaltlich prognostizierbar, wenngleich der Zeitpunkt wenig konkret vorhergesagt werden konnte. Meine damals erschienene Publikation „Weltfinanzsystem am Limit“ basiert nicht auf statistischen Modellberechnungen in riesigen Datenmengen, sondern auf ausgewählten quantitativen Fakten und Kausalitäten. Beispielsweise lässt sich logisch folgern, dass ein Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten kann, wenn gewährte Kredite nicht verlängert, sondern zurückgefordert werden.

Im Bankenbereich spricht man von einem Banken-Run, wenn zu viele Kunden kurzfristig ihr Geld abheben wollen. Kausal ist sicher prognostizierbar, dass es zu einem Banken-Run kommen wird, wenn das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Bank in zu hohem Maße bei zu vielen Kunden schwindet. In der Folge kann dies „ansteckend“ wirken und das Vertrauen in die gesamte Branche verloren gehen. Dann „kippt“ dieses sozio-ökonomische System und verliert seine Kreditfähigkeit. Der Zeitpunkt für diesen sogenannten tipping point, bei dem das System von einem relativ stabilen Zustand in einen instabilen Zustand umkippt, mag schlecht oder gar nicht prognostizierbar sein. Man kann aber durchaus auf der Basis von Fakten und Kausalitäten argumentieren, ob wir uns einem tipping point nähern und welche Zukunftsszenarien dann denkbar sind, ob in obigem Beispiel also die Banken durch eine Politikgarantie gerettet werden oder alternativ Pleite gehen. Tipping points sind besonders wichtige Entscheidungspunkte auf dem Weg, den eine Gesellschaft in die Zukunft einschlägt. Der Weg gabelt sich. Dann rückt schlagartig die Frage nach dem Wohin, nach dem Ziel als dem zentralen Entscheidungskriterium, in den Fokus. Kommt es zu keiner Einigung, wird die Situation „nahchaotisch“ und ohne darüber zu entscheiden wird „systemisch“ der zukünftige Weg eingeschlagen. Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Meine Prognose für Deutschland und Europa basiert auf kausalen Überlegungen und der Grundlage von Fakten, aus denen herzuleiten ist, dass wir uns global auf einen tipping point zubewegen. Eine Wegegablung von äußerst großer Tragweite, was die möglichen sozio-ökonomischen Zukunftsszenarien unter Einbeziehung der ökologischen Problematik angeht, die in einschlägigen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten unterschiedlich bezeichnet werden, aber im Kern das gleiche umschreiben: Kollaps, Balance oder Verschwinden der Mitte. Im Zentrum steht die Frage, welchen Punkt im Nachhaltigkeitsdreieck Ökologie, Ökonomie, Soziales wir anstreben. Wollen wir die Natur bewahren? Welche Wirtschaftsleistung streben wir an und welche Verteilung der Teilhabe?

Konsumtion und Produktion als Stellschrauben

Im Vergleich zu 1970 bevölkern heute doppelt so viele Menschen die Erde. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, die von weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung konsumiert wird, erbringen derzeit ca. 535 Millionen Erwerbstätige in den OECDStaaten. Auf dem Niveau dieser Arbeitsproduktivität ergibt sich rechnerisch die Möglichkeit, durch eine 25-Prozent-Ausweitung der Produktionskapazitäten und der damit verbundenen Arbeitsplätze, die aktuelle globale Jahreswirtschaftsleistung vollständig erbringen zu können. Dafür wären dann nur ca. 700 Millionen Erwerbskräfte notwendig, denen global betrachtet etwa fünf bis sechs Mal so viele Menschen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren gegenüberstehen. Wir dürfen jetzt nicht durch einseitiges Denken vorschnell davon von schwärmen, welches große Wohlstandswachstumspotential durch die enorme freie Arbeitskraft gehoben werden kann. Denn Fakt ist auch, dass mit der derzeitigen weltweiten Wirtschaftsleistung eine Naturbeanspruchung verbunden ist, für die unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten 1,5 Planeten erforderlich wären. Um mit dieser Situation ohne den Kollaps des Ökosystems fertig zu werden, kann man nur an den Stellschrauben Konsumtion und Produktion ansetzen. Wenn wir Wohlstand für alle mit einer fairen Verteilung der Teilhabe erreichen wollen, resultiert daraus eine enorme Herausforderung zu Investitionen, Transformationen und mit einem gigantischen Anspruch an die Innovationsfähigkeit des gesamten Systems. Durch die nötige Innovation wird ein sich weiter beschleunigender Prozess der „kreativen Zerstörung“ angestoßen, bei dem unklar ist, ob sich die Prophezeiung einer technologiebedingten Arbeitslosigkeit von John Maynard Keynes aus dem Jahr 1930 bereits morgen erfüllt. Dass wir uns damit auch politisch und gesellschaftlich kurzfristig auseinandersetzen müssen, darauf weist aktuell die OECD in einem Abschlussbericht des großen Projektes „Data-Driven Innovation: Big Data for Growth and Well-Being“ hin. Big Data & Analytics ist ein aktueller Innovationsschub, der aus der zunehmenden Beschleunigung des menschlichen Lebens resultiert. Für die Wissenschaft ist das nicht verwunderlich. Denn eine Verdoppelung der Anzahl über Kommunikationsnetze verknüpfter intelligenter Knoten bedeutet eine Vervierfachung der Innovationsfähigkeit und damit eine Beschleunigung des Innovationstempos. Bislang waren die intelligenten Knoten nur die Menschen, deren Anzahl sich seit 1970 verdoppelt hat. Mit dem „Internet der Dinge“ kommen jetzt zunehmend intelligente Maschinen und Softwaresysteme hinzu. Heute geht man bereits von über 25 Milliarden solcher intelligenter Knoten aus. Mit erhöhtem Innovationstempo erhöht sich auch die Anforderung an das, was in Folge von Produktivitätswachstum über den Prozess einer kreativen Zerstörung an neuen Arbeitsplätzen entstehen müsste. Dabei werden die Maschinen immer intelligenter. Dies führt zu einem sich beschleunigenden „Race between Education and Technology“. Ein Zwang zum Wandel, der sich zu einem Zwang zum stetigen Wandel entwickelt hat. Veränderungen begleiten und bestimmen unser Leben zunehmend, prägen unser Handeln. In Konkurrenz mit der intelligenten Maschinerie wächst der Druck auf jeden Einzelnen und jedes Unternehmen, die permanent zu erbringende Höchstgeschwindigkeit noch über die eigene Bestform hinaus zu steigern. Dies hinterlässt seine Spuren und viele Menschen empfinden die Geschwindigkeit des Lebens und die damit verbundenen Unsicherheiten und Risiken mittlerweile als unerträglich. Insbesondere die sogenannte Generation Y, die Menschen, die etwa im Zeitraum von 10 bis 30 Jahren nach 1970 geboren sind, lebt inmitten dieser Beschleunigung. Sie ist Zeuge und auch Betroffene der Krise des Weltfinanzsystems und der daraus resultierenden teils sprunghaft gestiegenen Arbeitslosigkeit. Die Generation Y ist heute als großer Teil der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Mitte angekommen. Sie weiß mit einem ganzen Arsenal moderner Kommunikation und Information umzugehen, was ihr eine globale Sicht auf das Ganze ermöglicht. Wie wir alle lebt auch diese Generation inmitten von Zweifel und Unsicherheit, angesichts von Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Flucht großer Bevölkerungsgruppen aus dem Süden nach Europa, angesichts religiöser Eiferer, Terrorismus und zunehmender Radikalität und Aggressivität, angesichts bitterer Armut auf der einen und teils extremem Reichtum und exzessiven Lebensstilen auf der andern Seite. Wir erleben derzeit, wie sich der Flüchtlingsstrom als selbstverstärkender Prozess ausdehnt und uns auch an dieser Stelle wieder einmal das geschlossenen Systemen inhärente Wachstumsdilemma offensichtlich macht. Es werden unweigerlich systemische Begrenzungen bei stetigem Wachstum erreicht. Spätestens dann ist man im tipping point angekommen und es muss entschieden werden, gesellschaftlich und politisch. Diese Situation ist im Hinblick auf den Umgang mit Terrorismus und den Flüchtlingen in Europa akut. Es stellt sich im soziopolitischen Dialog die Frage nach dem Ziel: Willkommenskultur oder Abschottung, Solidarität oder nationale Abgrenzung? Dahinter stehen letztlich individuelle Präferenzen in Bezug auf Stabilität, Wachstum, Gemeinwohl, egoistisches Nutzenmaximum, ökologische Nachhaltigkeit, Wohlstand für alle oder „Kollaps und nach uns die Sintflut?“ Die Generation Y, so statuiert es die Soziologie, sucht im besonderen Maße nach dem Sinn des eigenen Lebens. Sie fragt „why?“ Es ist eine Suche nach Orientierung über das eigene Wohin. Die Antworten sind dabei alles andere als eindeutig. Religiosität Spiritualität, existenzialistische Selbstbestimmung, Humanismus, Nationalismus, ideologische Doktrinen, Appelle an die Vernunft und Verantwortung, es scheint Nichts zu geben, was es nicht gibt.

Versicherer als Gestalter von Zukunft

Meine Prognose ist, dass die Auseinandersetzung um die Fragen why? und where?, dem „Warum? und Wohin?“ des Lebens, in das Zentrum der gesellschaftlichen und politischen Debatte rücken wird und damit als „Y-Faktor“ fundamentalen Einfluss auf die wirtschaftlichen Randbedingungen und das globale politische Gefüge haben wird. Es spricht viel dafür, dass dies schon im nächsten Jahr 2016 der Fall sein wird. Wie dies bereits die Debatte über die Rolle der Banken nach dem Ausbruch der noch nicht überwundenen Weltfinanzkrise gewissermaßen als Vorgeschmack deutlich gemacht hat, kann die Prägung gesellschaftlicher und politischer Debatten durch die Frage „Y“ nach dem Warum und Wohin, sich fundamental auf die Unternehmen auswirken, wenn sich deren gesellschaftliche Legitimation in den Augen einer Generation Y nicht mehr vornehmlich aus der Konsumnachfrage und der Bereitstellung von Arbeitsplätzen ableitet, sondern die Unternehmen ihre Rolle bei der Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen glaubhaft machen müssen. Gute Karten haben dabei Versicherer, die auf dem Ideengut des Versicherungswesens aufbauen. Als Gewährleister von Zukunft durch Gestaltung sind sie bereits auf vielfältige Weise daran beteiligt und nehmen eine systemisch wichtige Rolle ein, indem sie sich neben dem Kerngeschäft auch in die vor uns liegende Debatte aktiv einbringen. Ihre gesellschaftliche Legitimation bestärken sie dann sowohl durch das Angebot von am Bedarf orientierten Versicherungsprodukten als kollektive und kooperative Brücke vom Jetzt über die Unwägbarkeiten des Lebens in die Zukunft, als auch als vermittelndes Verbindungsglied des notwendigen Diskurses zwischen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die vor uns liegende Zeit des Jahreswechsels ist traditionell und kulturell eine besondere Gelegenheit innezuhalten. Vielleicht macht es ja Sinn, dass unsere Entwicklung in Richtung auf eine nahchaotische Situation mit dem Aufkommen der „Y-Frage“ einen Trend hin zur täglichen Besinnung befördert.

Warum und wohin? Lassen Sie uns diskutieren, ich freue mich auf Ihre Meinungen und Kommentare an solte@vvw.de

 

Aktuelle_Ausgabe_VW_Titel_20151201Die Kolumne „Zur Debatte“ erscheint regelmäßig im Magazin Versicherungswirtschaft. Mehr zu dieser Ausgabe

 

 

 

 

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