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Getriebene oder Gestalter? Der Ritt auf dem digitalen Tsunami.

01.01.2016 – solte_dirk-zdVon Dirk Solte. Das Motto der GDV-Jahrestagung im November war „Chancen der digitalen Welt“. Ich würde nicht sagen, dass bei den Damen und Herren der Versicherungswirtschaft, die ich in Berlin angetroffen habe, eine Begeisterung über den Trend der Digitalisierung vorherrscht. Oder darüber, dass die Branche in den nächsten fünf Jahren mehr Veränderungen erleben wird als in den vergangenen 50 Jahren zuvor. Innovation mittlerweile nur noch als Selbstzweck? Oder haben wir noch ein bestimmtes gemeinschaftliches Ziel vor Augen? Digitalisierung ist einer der Megatrends, die einen immer schnelleren Wandel antreiben.

Warum und wohin eigentlich? Warum betreiben wir die Digitalisierung? Wo wollen wir hin? Woher kommt die Einschätzung, dass der vor uns liegende Zwang zum Wandel zehnmal so stark ist wie die Jahrzehnte zuvor? Ich habe mich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt, da ich auch in den letzten Jahren eingebunden war in das große OECD-Projekt „Data-Driven Innovation – Big Data for Growth and Well-being“. Meine Einschätzung, die ich im vergangenen Jahr auf dem Global Forum on the Knowledge Economy in Tokio vortragen durfte, basiert auf einer wissenschaftlichen Betrachtung der kognitiven Fähigkeiten der Menschen.

Die verlorenen Ebenen der menschlichen Kognition

Die Wissensverarbeitung, die uns Menschen möglich ist, kann man über vier aufeinander aufbauende Ebenen der Information, Repräsentation und Verarbeitung klassifizieren. Die unterste Ebene bilden die Sensoren und Aktoren. Diese sind unsere Schnittstellen zur „Außenwelt“, über die wir die Welt um uns herum „nach innen“ abbilden oder umgekehrt. Wir haben Augen und Ohren um sehen und hören zu können. Wir haben Kehlkopf und Muskeln um sprechen und bewegen zu können. Hinsichtlich dieser unserer Fähigkeiten sind uns mittlerweile die technischen Sensoren und Aktoren weit überlegen. Auf der obersten Ebene der Wissensverarbeitung des Menschen sind die Theorien und ihre Anwendung angesiedelt. Das ist die Ebene, auf der wir beispielsweise die Arithmetik entwickelt haben, also mit Zahlen rechnen können. Auch in diesem Bereich menschlicher Kognition sind uns die Computer schon lange überlegen. Unterhalb der Ebene der Theorien liegt die Ebene der Regelverarbeitung. Schach spielen können wir hier als Beispiel anführen. Auch solche Fähigkeiten des Menschen werden mittlerweile von Softwaresystemen besser beherrscht. Selbst Großmeister haben gegen Schach-Apps auf Smartphones keine Chance mehr. Die noch verbliebene letzte Ebene menschlicher Kognition liegt zwischen der Sensor-Aktorebene und der Regelebene. Es ist die Ebene der Mustererkennung, auf der Fähigkeiten angesiedelt sind, die viele der Arbeitsplätze ausmachen, die in den letzten Dekaden entstanden sind. Auf dieser Ebene der Mustererkennung menschlicher Kognition werden Wahrnehmungen über Häufigkeiten und Ähnlichkeiten klassifiziert. So erkannte Muster werden auf Symbole abgebildet, die dann auf der Regel- und Theorienebene verwendet werden können. Big Data and Analytics betrifft nun genau diese Ebene der Mustererkennung. Bei den Menschen bedeutet Mustererkennung beispielsweise die Fähigkeit, in dem gigantischen Strom wahrgenommener Bildsequenzen Gesichter, Bäume, Autos und andere Objekte zu erkennen. Ärzte können bei Röntgenbildern auf der Basis ihrer Erfahrung erkennen, ob ein tumorhaftes Gewebe abgebildet ist. In Kombination mit ebenso statistisch begründetem Regelwissen führt dies so zu Diagnosen und Therapien. Die kognitive Fähigkeit auf der Ebene der Mustererkennung basiert auf statistischem Lernen und Korrelation. In dem Programm Watson bei IBM wird gerade daran gearbeitet, dass eine Software mittels Big Data & Analytics auf den medizinischen Bereich der Diagnose und Therapie spezialisiert wird. Diese Maschine kann auf weitaus größere Erfahrung aufsetzen als jeder Mensch. Denn Big Data macht es im Internet der Dinge möglich, auf sämtliche bisher digitalisierte und zukünftig erfolgende Diagnosen und Therapien zuzugreifen und sie statistisch auszuwerten. Diese Art der statistischen Analyse steckt auch hinter Konzepten wie den individualisierten Versicherungen, etwa, indem Risikoprofile der Kfz-Haftpflicht- und Kaskoversicherung hinsichtlich möglicher Schadensfälle abgeleitet werden. Über Smart-Devices, die Geo-Information „tracken“, Einkaufsverhalten, Vitalparameter, bis hin zum Interaktionsverhalten im Internet wird der Mensch in die digitale Welt hineingesogen. Er wird digitalisiert. „Was wäre wenn …?“ Der Head of Innovation and Creativity Programs von Google hat uns auf besagter GDVJahrestagung angespornt, visionär und völlig ohne Tabus zu denken, um tausend Prozent Innovation statt bisher nur zehn Prozent zu kreieren. Eines seiner Beispiele: Was wäre, wenn es keine Regulierung mehr gäbe? Ich musste dabei unwillkürlich denken: „Dann haben wir alle unsere Wertvorstellungen über Bord geworfen, die unserem Handeln bislang als Leitplanken dienen.“

Kommt die neue Diktatur des „MydigiMe“

Spielen wir einmal dieses „Spiel“ der Gedanken mit Blick auf Big Data & Analytics weiter. Was wäre, wenn wir die kognitiven Fähigkeiten des Menschen vollkommen digitalisieren könnten? Ja, dann können wir eine App „MydigiMe“ realisieren und als Produkt anbieten. Diese App kommuniziert dann an meiner Stelle im Internet mit jedem Versicherer. „MydigiMe“ kennt alle meine Risiken, denen ich ausgesetzt bin, kennt mein Verhalten, meine Neigungen, meine Essgewohnheiten, meine Vitalparameter und wenn ich das will, sogar meine genetische Codierung. „MydigiMe“ weiß, wie ich in der Vergangenheit im Internet nach Informationen gesucht habe, um dann anschließend eine Kaufentscheidung zu treffen. Auch mit welchen Strategien ich Computerspiele gespielt habe, weiß MydigiMe. Meine Taktik, meine Vorlieben und den Grad meiner Risikoaversion. „MydigiMe“ kann im Internet der Dinge nach Gleichgesinnten suchen und sie zu Kollektiven zusammenschließen. Es bedarf dazu nur einer börsenartigen digitalen Handelsplattform für „Prosumer“, produzierende Konsumenten, die ihre eigenen auf Individualkollektive zugeschnittenen Versicherungsprodukte gestalten. Was wäre, wenn wir von dieser Innovation getrieben werden, statt Zukunft aus einer klaren Werteperspektive heraus zu gestalten? Was wäre, wenn das Ideengut, auf dem das Versicherungswesen aufbaut, dabei unter die Räder kommt? Was wäre, wenn Innovation und Fortschritt so nicht mehr dem Gemeinwohl dienen, sondern zum Selbstzweck degenerieren? Ja und dann? Zumindest wüsste ich dann umso mehr, warum mir das europäische Vorsorgeprinzip in Kombination mit dem Haftungsprinzip lieber ist, als das Haftungsprinzip in Kombination mit dem Nachsorgeprinzip unserer transatlantischen Freunde. „MydigiMe“ wird kommen. Und es wird nicht wenige Menschen geben, die „MydigiMe“ für sich aktivieren wollen. Für mich ist das ein kritischer Punkt, dem wir uns nähern, der die Frage nach dem Warum und Wohin aufwirft. Ist das eine Chance oder ist das eine Krise?

Getriebene oder Gestalter? Lassen Sie uns diskutieren, ich freue mich auf Ihre Meinungen und Kommentare an solte@vvw.de

Aktuelle_Ausgabe_VW_Titel_20160104Die Kolumne „Zur Debatte“ erscheint regelmäßig im Magazin Versicherungswirtschaft. Mehr zu dieser Ausgabe

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