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Gedanken im Juni: Wahnsinnig toll

09.06.2017 – Kommunikation_Dieter Schuetz_pixelio.deVon Meinhard Miegel. Die Sprache gilt vielen als die höchste kulturelle Leistung des Menschen. Umso aufschlussreicher ist daher, wie eine Gesellschaft mit ihr umgeht. Dabei steht außer Frage, dass sie sich ständig verändert, durch andere Sprachen bereichert wird und umgekehrt andere bereichert. Auch ist sie immer wieder mehr oder minder modischen Trends unterworfen, die sie einmal modern und dann wieder altbacken erscheinen lassen. Eine Sprache lebt.

Auf das Deutsche gewendet scheint sich dieses derzeit in einer besonders lebhaften Phase zu befinden. Nicht nur, dass es seit geraumer Zeit Anglizismen wie ein Schwamm aufsaugt und seine Grammatik auf das Rudimentärste beschränkt. Zugleich schwelgt es in Superlativen und maßlosen Übertreibungen.

Da soll eine junge Frau vor laufender Kamera ihre Eindrücke von einem Dorffest wiedergeben und kommt über ein “wahnsinnig toll”, das aber dreimal binnen einer Minute nicht hinaus. Da flattert eine Einladung zu einer kleinen Familienfeier ins Haus, in der der Absender dem Eingeladenen versichert, dass man sich über sein Kommen “irrsinnig freuen” würde. Und so geht es weiter.

Steuert jemand in einem Gespräch ein paar Belanglosigkeiten bei, wird ihm sogleich bekundet, dass diese höchst interessant seien. Dem Prädikat “hervorragend”, “super” oder “genial” ist kaum noch zu entkommen. Doch umgekehrt ist es ebenso leicht, in die Abgründe von “schrecklich”, “entsetzlich”, “Desaster“ oder “Chaos” zu stürzen.

Der Pfad zwischen exzessivem Jubel und nicht minder exzessiver Verdammung ist schmal geworden. Das Deutsche steht im Begriff, engbrüstig und atemlos zu werden. Es kommt daher wie ein Musikstück, das nur fortissimo und pianissimo kennt, sonst nichts. Das ist auf Dauer langweilig und ermüdend.

Denn eine Sprache lebt nicht zuletzt auch von ihren Nuancierungen und je feiner diese sind, desto lebendiger ist sie. Hieran gemessen ist die heutige Alltagssprache ungemein simpel, um nicht zu sagen grobschlächtig. Ihr nicht selten exaltiert hysterischer Gebrauch soll diese Dürftigkeit vermutlich überdecken. Aber vielleicht ist sie ja gerade darum ein getreues Spiegelbild unserer Kultur.

Autor: Meinhard Miegel, Stiftung kulturelle Erneuerung

Bildquelle: Dieter Schütz / PIXELIO / www.pixelio.de

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