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Compliance durch anonyme Flüsterpost

15.04.2016 – mertes_brille_08_2014_150Von Heinz Klaus Mertes. Sie kosteten zur Zeit der Dogen viele Venezianer Ansehen, Vermögen und nicht selten das Leben durch eine unbarmherzige Inquisition – die “Boccae di Leone” – löwenmäulige Briefkästen an vielen Ecken der Stadt, in die jedermann anonym Anzeigen einwerfen konnte über Verstöße gegen Räson und Compliance. Sie wurde in der Lagunenrepublik damals weidlich genutzt – diese staatlich geförderte Denunziation, bis die Petz-Lawine überschwappend an sich selbst erstickte.

Eherne Briefkästen braucht man heute nicht, man kann kritische Post digital befördern unter Zusicherung voller Anonymität der Online-Anprangerung vermeintlich oder auch tatsächlich kritikwürdiger Umstände und Personen – nicht zuletzt auch in der Versicherungswirtschaft. Ehrenwerte etablierte Blätter von Handelsblatt , der altväterlich liberalen Zeit, den schmissigen illustrierten Magazinen bis hin zu regionalen Blättern wie die WAZ und sogar öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sehen sich mit solchen anonymen Online-Briefkästen als investigative Wächter von Moral und Sitte. So rief in der sonntäglichen ARD-Talkshow der Oberinvestor Georg Mascolo bei der Präsentation der “Panama Papers” ungeniert zum weiteren Whistleblowing auf, das inzwischen auch als unverzichtbar in betrieblichen Compliance-Systemen propagiert wird.

Was jetzt als effizientes Stilmittel zum “State of Art” im Schwange ist, scheint mir fragwürdig und kann Flurschäden anrichten – mit Leidtragenden: Das angeprangerte Opfer zappelt unvermutet mit einem Schlag im Netz medialer Verdächtigung. Wenn auch leise, meldet sich zumindest auch gelegentlich Skepsis über diese Medienmoral des anonymen Anschwärzens; die Graustufen hin zu Denunziation und Shitstorm liegen doch bedrohlich nah.

Allerdings hat diese Moral anonymer Whistleblowerei gesellschaftlichen und sogar gesetzlichen Rückenwind im Rahmen der Förderung weltweiter Compliance-Kultur, wird sogar von der UN als schützenswert erachtet. Für Openleaks in Diktaturen, bei Menschenrechtsverletzungen und im Drogen- und Waffenhandel mag das angemessen sein. In Unternehmen – auch Versicherer haben diesen betriebsinternen Nachrichtendienst eingeführt – kann es zu Verwerfungen und Spaltungen des Misstrauens und Intrigierens in der Company sowie der Irreführung nach draußen führen. Ich fürchte, hier könnte wucherndes Transparenzbestreben auf Dauer seine Kinder fressen.

Strikte Quellengeheimhaltung und Quellenschutz sind auch ohne venezianische Briefkästen möglich – eine Sache der Zivilcourage und kodifizierten Vertrauens in eine mediale Compliance journalistischer Recherche. Deren Professionalität sich nicht dadurch ausweist, dass man sich Hinweise anonym frei Haus kübeln lässt.

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