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Chancen nutzen – ein Weckruf von Dirk Solte, Zukunftsforscher

01.11.2015 – Von Dirk Solte. Die Chancen nutzen. Erinnern wir uns noch an diesen Werbeslogan, mit dem die Kanzlerin sich beim ersten Mal den Wählerinnen und Wählern vorgestellt hat? Aktuell ist es so, als würde sie einen entsprechenden Weckruf an die Versicherungsbranche aussenden. Nur formuliert sie ihn etwas anders: „Wir müssen unsere Außen- und Entwicklungspolitik stärker darauf ausrichten, Konflikte zu lösen und Fluchtversuche zu bekämpfen.“ Eine wesentliche Aufgabenstellung für eine balanciertere Welt ist die Gewährleistung von Wertschöpfungsfähigkeit.

Es geht letztlich aber nicht nur um ökonomisch besonders schwache Regionen. Auch in den reichen Ländern wächst das Konfliktpotenzial. Dies kann eine große Chance für die Versicherer sein, durch einen aktiven Beitrag, die über wirtschaftliche Interessen hinausgehende gesellschaftliche Rolle des Versicherungswesens zu unterstreichen. Das Zinsniveau sinkt, die Renditen auf Schuldverschreibungen sinken, in der Folge sinken die Erträge und in Konsequenz die Renditen auf Geschäftsanteile. Das ist eine „race to the bottom“, eine Spirale, die in einem ökonomischen Kollaps enden kann. Die Wertschöpfungsfähigkeit des „Unternehmen Welt“ reicht nicht aus, die mit einer wachsenden Weltbevölkerung wachsenden Konsumansprüche über die Produktion von genügend vielen Waren und Dienstleistungen zu befriedigen, ohne dass uns dabei Mutter Erde „um die Ohren fliegt“. In so einer Situation ist es vollkommen verständlich, wenn jeder, der nach Kuchen strebt, bemüht ist, dahin zu kommen, wo man noch genügend Kuchen backen kann. Im Vergleich zur Lage in Afrika und den unter Krieg, Terror und Unterdrückung leidenden Regionen ist Europa eine „Insel der Glückseligkeit“ mit derzeit noch genügend Chancen, in einer Küche mitarbeiten zu können, um so ein Stück vom Kuchen zu ergattern. Es konkurrieren aber auch immer mehr Eigentümer und Kapitalgeber von Küchen um ein Stück vom Kuchen. Die Finanzkrise hat uns klar gemacht, dass es mittlerweile zu viele dieser Ansprüche und Versprechen auf zukünftigen Kuchen gibt, wenn man die verfügbare Küche betrachtet und dabei die Begrenztheit der Natur berücksichtigt.

Versicherung von Steuerkraft

Was kann das konkret in der aktuellen ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Zwickmühle bedeuten? Versuchen wir, uns ein innovatives Versicherungsprodukt vorzustellen, mit dem wir kreativ auf die derzeitige Situation und Herausforderung reagieren: Eine Steuerkraftpolice. Die Idee dahinter? Die Versicherungsnehmer, Gebietskörperschaften und die Einwohnerinnen und Einwohner versichern sich ein gewisses Maß an Steuerkraft. Hinter der Steuerkraft steckt natürlich die Wertschöpfungsfähigkeit einer Region und damit die Verfügbarkeit eines leistungsfähigen Gemeinwesens, der entsprechenden Infrastrukturen, Institutionen und der Unternehmen nebst produktivem Kapital zur Bereitstellung von Arbeitsplätzen. Um es fachlich korrekt auszudrücken: Ein gewisses Maß an Steuersubstrat. Über konkrete Varianten der Ausgestaltung einer Steuerkraftpolice als Versicherungsprodukt, Flüsse von Prämienzahlungen, reine Risikoabsicherung oder Kapitalaufbau zur Investition mit der Möglichkeit einer zusätzlichen Erfolgsbeteiligung der Versicherungsnehmer, mit den Varianten Garantieverzinsung oder flexible Beteiligungen, wollen wir hier nicht diskutieren. Wir wollen uns mehr mit der Frage auseinandersetzen, welche Positionierungsstrategie mit einem solchen Finanzprodukt für dessen Anbieter verbunden sein kann. Das Versicherungsunternehmen wird ein Interesse daran haben, die Wertschöpfungsfähigkeit in der jeweiligen versicherten Gebietskörperschaft an die Herausforderungen der Zukunft anzupassen. Es wird auch ein Auge darauf haben, wie sich die Politik verhält und wie sich die Gesellschaft in der versicherten Gebietskörperschaft entwickelt. Selbstverständlich wird es auch versuchen, aktiv gestaltend auf die Wirtschaft vor Ort einzuwirken. Ich brauche den Führungskräften und Fachleuten der Versicherungswirtschaft an dieser Stelle sicherlich nicht im Detail aufzeigen, wie eng dieser kurz skizzierte Vorschlag mit der derzeit diskutierten Frage der Infrastrukturinvestitionen über die Versicherungsbranche verknüpft ist. Wichtig ist mir der Unterschied bei der Herangehensweise aus Sicht der Versicherungswirtschaft. Mit dem Angebot eines derartigen Versicherungsprodukts sind keine Forderungen staatlicher Garantien oder Mindestrenditen bei Infrastrukturinvestitionen verbunden. Es ist das Angebot einer Alternative und Ergänzung zur Ausgestaltung der Stabilitätsfunktion. Eine Alternative, mit der sich die Versicherungswirtschaft als eine die Zukunft gestaltende Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im großen Kontext der Herausforderungen, die vor uns liegen, positioniert. Das passt zu der großartigen gesellschaftlichen Innovation des Versicherungsgedankens: Eine Versicherung von Wertschöpfungsfähigkeit zwischen der Politik als dem Vertreter der öffentlichen Hand, der Gesellschaft und der Wirtschaft mit der Versicherungsbranche als kooperativem Nexus in einem Geflecht gegenseitiger Abhängigkeit. Ist dieses Versicherungsprodukt machbar und Erfolg versprechend? Lassen Sie uns darüber diskutieren.

Lassen Sie uns diskutieren, ich freue mich auf Ihre Meinungen und Kommentare an solte@vvw.de

 

Aktuelle_Ausgabe_VW_Titel_20151029Die Kolumne „Zur Debatte“ erscheint regelmäßig im Magazin Versicherungswirtschaft. Mehr zu dieser Ausgabe

 

 

 

 

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