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70 Jahre Versicherungswirtschaft – Transparenz-Erfordernisse bleiben nicht bei den Kosten stehen

13.06.2016 – gerhard_schick_privatVon Gerhard Schick. Floskeln von Wendepunkten und Paradigmenwechseln werden manchmal leichtfertig bemüht, um einen runden Jahrestag mit bedeutendem Inhalt aufzublasen. Im Fall der Versicherungswirtschaft besteht diese Gefahr nicht, denn sie steht tatsächlich vor gewaltigen Herausforderungen: Die Auswirkungen der Finanzkrise sind für Wirtschaft und Politik noch nicht überwunden, althergebrachte Vertriebsstrukturen müssen reformiert, die Konsequenzen des Klimawandels angegangen werden. Jahrestage eröffnen eine Gelegenheit zum Rück- und Ausblick.

Die Perspektive hierfür bietet das von Alex Möller zur Erstausgabe der Versicherungswirtschaft verfasste Geleitwort: „Der im Wortsinne selbstverständliche‘ Zweck der Branche muss die Verhinderung individueller und volkswirtschaftlicher Schäden sein. Ein solches der Demokratie dienendes Selbstverständnis ist keine Jahrestags-Pathetik, sondern das Axiom, auf dem Wirtschaft wie Politik dem Gemeinwohl dienende Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen haben.“

Dazu gehört eine transparente und am Interesse des Kunden ausgerichtete Beratung. Anreize für den Beratenden, provisionsstarken Produkten den Vorzug vor anderen zu geben, stehen dazu im Widerspruch. Richtig wäre deshalb der Übergang zu einer Situation, in der alle Produkte netto, also provisionsfrei zur Verfügung stehen, sodass das Produkt und die Vergütung der Beratung separiert sind. Erst dann gibt es für unterschiedlich vergütete Beratungsansätze gleiche Chancen, erst dann einen Wettbewerb um gute Produkte und gute Beratung.

Noch vor wenigen Jahren sind kritische Stimmen, dass die Vertriebskosten zu hoch sind, als abwegig abgetan worden. Heute ist das generelle Ansicht. Nur durch eine deutliche Kostensenkung bei Abschlussgebühren und anderen Vertriebskosten haben Lebensversicherer eine Chance im Markt. Dazu kommt das Thema Transparenz. Es ist heute niemandem mehr vermittelbar, dass Kunden auch mit fachlicher Hilfe nicht nachvollziehen können, ob die erhaltene Auszahlung dem entspricht, was dem Kunden zusteht. Ähnliches gilt für die Garantieverzinsung. Sie wird dadurch irreführend überzeichnet, dass sie nicht die Rendite auf die gezahlten Beiträge abbildet, sondern auf das, was die Versicherer nach Vertriebsprovisionen und anderen Kosten noch von den Beiträgen übrig lassen.

Doch Transparenz-Erfordernisse bleiben nicht bei den Kosten stehen. Viele Menschen fragen nach der Erfahrung der Finanzkrise sowie aus Verantwortung für Umwelt, Frieden oder soziale Balance danach, in welche Assets ihr Versicherer investiert ist und wie er als institutioneller Anleger bei Zielunternehmen agiert. Das kann auch im langfristigen finanziellen Interesse der Versicherer sein, sich diesen Fragen strategisch zu widmen. Wer hat schon gerne als letztes „Stranded Assets“? Einzelne Unternehmen haben hier in der letzten Zeit gute Schritte unternommen – sei es beim Kohleausstieg, sei es beim Thema Waffen.

Die wachsenden Anforderungen an die Versicherungswirtschaft werden umso drängender gestellt, weil Lebensversicherer auf der Renditeseite in der Niedrigzinsphase nicht mehr wie früher gewohnt werden liefern können. Wie verschiedene Untersuchungen und auch die „Manndeckung“ der Finanzaufsicht zeigen, steht die Solvabilität einzelner Lebensversicherer mittelfristig in Frage. Strukturelle Veränderungen in der Branche in Form von Fusionen, Run-offs etc. sind zu erwarten.

Während Banken im Durchschnitt immerhin fast fünf Prozent Eigenkapital ausweisen, liegt der Branchendurchschnitt der Versicherungswirtschaft bei nur 1,5 Prozent. Dass die Solvency-II-Richtlinie auch auf Druck aus der deutschen Versicherungswirtschaft absurd lange Übergangsfristen enthält und zahlreiche Möglichkeiten bietet, Kapitalanforderungen klein zu rechnen, mag kurzfristig Druck reduzieren. Insgesamt zeigt es eher die Schwäche des Sektors. Das von Alex Möller formulierte Ziel, volkswirtschaftliche Schäden zu verhindern, wird deshalb in der nächsten Zeit eine Herausforderung für Branche, Aufsicht und Politik bleiben.

Bild: Gerhard Schick ist Bundestagsabgeordneter und Finanz­politischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen. (Quelle: Privat)

70 Jahre Versicherungswirtschaft – Transparenz-Erfordernisse bleiben nicht bei den Kosten stehen. Lassen Sie uns diskutieren, ich freue mich auf Ihre Meinungen und Kommentare an redaktion@vw-heute.de.

0531_VW_Juni2016Die Kolumne „Zur Debatte“ erscheint regelmäßig im Magazin Versicherungswirtschaft. Mehr zu dieser Ausgabe

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