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Vertrieb befindet sich in einer “Aschenputtel-Phase”

16.03.2015 – matthias_helbergDer Vertrieb befindet sich derzeit in einer “Aschenputtel-Phase”, befindet Versicherungsmakler Matthias Helberg. Versicherer sortierten vertriebsschwache, oder selbstbewusst agierende Versicherungsmakler aus oder trennten sich durch harten Schnitt. Dabei werde der GDV-Kodex keine praktischen Auswirkungen haben, kritisierte er in einem Interview mit VWheute.

VWheute: Welches sind die praktischen Auswirkungen des GDV Vertriebs-Verhaltenskodex für den Makler?

Matthias Helberg: An der inhaltlichen Arbeit hat der GDV-Kodex bei uns nichts geändert: Wir beraten und betreuen unsere Kunden wie jeher. Also so, wie es Gesetze und Rechtssprechung fordern und es unserem Selbstverständnis entspricht: Wenn wir einen guten Job für unsere Kunden erledigen, ist es auch gut für uns. “Käuflich” in unseren Produktempfehlungen waren wir noch nie und Weiterbildung ist eine tagtägliche Aufgabe. Beides mag für den einen oder anderen Versicherer Neuland sein, so dass es eines Kodex bedarf. Auswirkungen, die wir hingegen sehr deutlich spüren, sind der enorme bürokratische Aufwand, jedem einzelnen Versicherer klar zu machen, dass ein Kodex eine Selbstverpflichtung ist und eben nicht eine Verpflichtung anderer. Dank unseres Berufsverbandes, der Interessengemeinschaft Deutscher Versicherungsmakler (IGVM), können wir mit Musterschreiben und einem eigenen Kodex entsprechend reagieren.

VWheute: Wie bewerten Sie diesen Kodex?
Matthias Helberg: Der GDV-Kodex wird sich als Riesen-Fehler erweisen: Schon die Annahme, ein solcher Kodex würde durchgreifend etwas in der Praxis ändern, ist blauäugig gewesen. Nun offenbart sich quasi jedem, der etwas näher hinschaut, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei vielen Versicherern auseinander klaffen. Zwei Beispiele: Anfang 2014 wollte die Allianz gleich die Einhaltung des GDV-Kodex beim Versicherungsmakler vor Ort prüfen, schickte aber parallel die Auslobung einer Bonusvergütung, sofern der Makler bestimmte Umsatzziele erreicht. Das war ein klarer Verstoß gegen Punkt 9 des GDV Kodex. Ende 2014 kündigte die R+V an, alle Verträge unserer Kunden zu kündigen, da man unsere Courtagezusage widerrufen wolle. Das war ein klarer Verstoß gegen Punkt 2 des GDV-Kodex. Damit sind wir bei einem weiteren Geburtsfehler des Kodex: Es fehlt jegliche wirkungsvolle Beschwerdemöglichkeit bei Verstößen.

Zum Vergleich: Sehr viele Pressemedien haben sich dem Pressekodex unterworfen. Beschwerden können online beim Deutschen Presserat eingereicht werden – das funktioniert. Als Anlaufstelle für Beschwerden wird im GDV-Kodex genannt: Niemand. Denn es gibt eine solche Beschwerdestelle nicht. Sollte man auf die Idee kommen, der GDV selbst habe ein gewisses Interesse, gegen Verstöße des nach ihm benannten Kodex vorzugehen, mag man solche Antworten erhalten, wie ich sie erhielt: “Mit ihrem Beitritt verpflichten sich die Unternehmen, die Vorgaben des Verhaltenskodex in konkrete, unternehmensindividuelle Regeln umzusetzen. Ob diese mit dem Verhaltenskodex übereinstimmen, beurteilen unabhängige Wirtschaftsprüfer und nicht der GDV.”

Fazit: Der GDV-Kodex wird nicht mit Leben gefüllt und soll es anscheinend auch nicht. Zusätzlich bringt er eine Menge Unruhe in die Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Versicherungsmaklern: Weil im Zuge der Implantierung viele Versicherer Maklern wie ihren Vertretern Vorgaben machen und Pflichten auferlegen wollen, die ein auf seine Unabhängigkeit bedachter Versicherungsmakler niemals hinnehmen kann.

VWheute: Vor dem Hintergrund von LVRG, Regulierung und Compliancebemühungen – Wie beschreiben aus Ihrer Sicht das aktuelle Verhältnis von Versicherern und Maklern?

Matthias Helberg: Wir befinden uns in einer Art Aschenputtel-Phase des Versicherungsvertriebs: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Versicherer sortieren vertriebsschwache, oder selbstbewusst agierende Versicherungsmakler aus, oder trennen sich durch harten Schnitt (VHV Leben), inakzeptable Knebelungsverträge (Condor Leben, R+V) oder Dritte-Welt-Konditionen (Nürnberger) defacto vom Vertrieb über Versicherungsmakler. Hier zeigt sich einmal mehr der Webfehler der Umsetzung des Versicherungsvermittlerrechts in Deutschland: Als Versicherungsmakler sind wir gesetzlich verpflichtet, unseren Empfehlungen eine hinreichende Zahl von Angeboten zu Grunde zu legen. Um in der Realität Zugang zu diesen Angeboten zu bekommen, sind wir jedoch auf das “Mitspielen”, auf die Gunst der Versicherer angewiesen. Da ist ein Fehler im System. Zumindest ein Zugang zu courtagefrei kalkulierten Versicherungsprodukten sollte jeder Versicherer jedem Versicherungsmakler oder -Berater zur Verfügung stellen müssen.

Das wird übrigens eine Folge dieser Aschenputtel-Phase sein: Die Karten werden neu gemischt. Es findet eine deutlichere Polarisierung statt zwischen tatsächlich im Lager des Kunden agierenden Versicherungsmaklern und -Beratern auf der einen Seite und den Produktanbietern mit ihren steuerbaren Vertretern und in diesen Status zurückkehrenden Maklerkollegen auf der anderen Seite. Sind eines Tages die Positionen geklärt und die Standpunkte des Gegenübers akzeptiert, können sich alle Beteiligten wieder auf das konzentrieren, was sie am liebsten machen: Gute Geschäfte.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Matthias Helberg (Quelle: privat)

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