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Run-Off: Die letzten Verträge übermäßig belastet

20.11.2015 – Leithoff_PrivatJeder Tarif, der für einen neuen geschlossen wird, ist an sich “ein kleiner Run-off”, sagt Versicherungsexperte Thomas Leithoff. Im Exklusivinterview mit VWheute erläutert er, warum eine Lebensversicherung für Versicherungsnehmer langfristig nur dann ein gutes Geschäft ist, “wenn das Kollektiv durch Neuverträge am Leben erhalten wird.”

VWheute: Was passiert im Run-off mit den Policen aus Kundensicht?

Thomas Leithoff: In einem Lebensversicherungs-Run-off werden die betroffenen Policen entsprechend dem jeweiligen Geschäftsplan, nach dem diese kalkuliert wurden, abgewickelt, das bedeutet, bis zum Ablauf oder einem Leistungsfall verwaltet. Das ist schon jetzt bei der Protektor Lebensversicherungs AG mit dem Bestand der Mannheimer Lebensversicherung der Fall, der 2003 übernommen wurde.

Sogenannte Abwicklungsplattformen, die sich seit einiger Zeit bilden, werden versuchen, die Kalkulation der Geschäftspläne der verschiedenen übernommenen Tarife anzugleichen, um die Komplexität der Verwaltung verschiedener Tarife zu vereinfachen. Dass kann jedoch immer nur eine Verbesserung der Ergebnisse für den Versicherungsnehmer bedeuten. Aber neben dieser Verbesserung sind auch negative Effekte zu befürchten.

Ein Sachversicherungs-Run-Off folgt anderen Regeln. Beitragspflichtige Verträge werden mit größter Wahrscheinlichkeit von den Versicherungsnehmern gekündigt werden, denn eine langfristig positive Perspektive für eine gedeihliche Zusammenarbeit gibt es nicht. Schadenbelastete Verträge, deren Schäden noch nicht abgewickelt werden, werden abgewickelt, die schadenbedingten Rückstellungen bleiben und sichern die Abwicklung.

VWheute: Wie wirkt sich das auf die Vermittler aus?

Thomas Leithoff: Eine Mitteilung über einen Run-Off ist in jedem Fall ein Anlass zu einer Beratung für einen Makler. Dabei wird er bei seinem Rat auf die allgemein verfügbaren Informationen verlassen müssen. Bei einem noch nicht abgewickelten Schaden werden die Makler darauf achten müssen, dass die Entschädigung vertragsgemäß erfolgt.

Ein Vertreter einer Gesellschaft, die in den Run-Off geht, wird vermutlich seinen Vertrag beenden wollen, denn die Geschäftsgrundlage der Tätigkeit ist entfallen. Ein Vertreter muss vermitteln, die Entscheidung für einen Run-Off entzieht dem Vertreter die Grundlage für eine Zusammenarbeit. Hier ist noch der Ausgleichsanspruch im Skat, denn der Versicherer hat durch seine Entscheidung den Grund und den Anlass für die Beendigung des Vertretervertrages gesetzt.

VWheute: Wie bewerten Sie – gerne auch jenseits rein rechtlicher Betrachtung – den Sachverhalt, wenn Lebensversicherer in Schieflage Teile Ihrer Altbestände (Bsp. Basler) in den Run-Off schicken?

Thomas Leithoff: Ein Run-Off in der Lebensversicherung ist in sich nichts Besonderes. Jeder Tarif, der für Neugeschäfte geschlossen wird, ist aus rechtlicher Sicht ein kleiner Run-Off. Unter den gegenwärtigen Umständen am Finanzmarkt ist ein solches Vorgehen nachvollziehbar. Anders als Banken können Versicherer nicht spekulieren, im Vordergrund muss der Erhalt der Leistungsfähigkeit stehen.

Ein Run-Off macht erst dann einen Unterschied, wenn die Verträge auf Abwicklungsplattformen übertragen werden. Kurzfristig ergeben sich für die Versicherungsnehmer und die Aktionäre dieser Plattformen positive Effekte. Viele Kosten, die den Prämien geschäftsplanmäßig entnommen werden, fallen nicht mehr an. Die Überschussbeteiligung sorgt dafür, dass die entstehenden Erträge geteilt werden.

Wenn jedoch die Zahl der Verträge langsam sinkt, dann besteht die Gefahr, dass die unveränderlichen Kosten die Überschüsse langsam auffressen und zum Schluss die letzten Verträge übermäßig belasten. Die günstige Verwaltung vieler Verträge ist nicht mehr möglich. Was das für den Restbestand bedeutet, kann sich jeder ausrechnen. Lebensversicherung ist für die Versicherungsnehmer langfristig nur dann ein gutes Geschäft, wenn das Kollektiv durch Neuverträge am Leben erhalten wird.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Rechtsanwalt Thomas Leithoff spricht heute in Köln beim Pressegespräch der Arbeitsgemeinschaft Versicherungsrecht (DAV) zum Thema “Lebensversicherer in der Schieflage.” (Quelle: Privat)

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