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Echter Pay-As-You-Drive bleibt Zukunftsmusik

11.04.2016 – Weidner_PrivatEin reiner Telematiktarif Pay-As-You-Drive ist für Wiltrud Weidner vom Institut für Versicherungsbetriebslehre an der Universität Hannover noch nicht absehbar. Doch könnten Telematikdaten dazu genutzt werden, “das asymmetrische Informationsverhältnis zwischen Versicherer und Versicherten” zu reduzieren erklärt sie im Interview mit VWheute.

VWheute: Welche Daten braucht es für risikogerechte Tarifierung und fahrstilabhängiges Pricing?

Wiltrud Weidner: Wenn wir davon sprechen, wie eine minimale Datenanforderung für Verkehrstelematik in der Kfz-Versicherung aussieht, ist die oftmals überraschende Antwort hier: Lediglich die GPS-Position des Fahrzeugs und die dazugehörige Uhrzeit. Sie können damit kein Fahrverhalten auswerten, aber bereits Risikobewertung anhand der Fahrsituation unter Berücksichtigung von nachträglich zugespielten kontextuellen Informationen (z.B. Mikrowetter, Verkehrsdichte, etc.) vornehmen. Ferner sind für die Bewertung des eigentlichen Fahrverhaltens zusätzlich kinematische Bewegungsvariablen wie Geschwindigkeit und Beschleunigung in Längs- bzw. Querrichtung erforderlich. Dabei ist ganz besonders darauf zu achten, dass die sensorische Präzision der aufgezeichneten Positions- und Bewegungsdaten aktuarielle Differenzierung zulässt. Nicht unberücksichtigt dabei bleiben darf die im Laufe der Zeit aufzubauende telematische Schadenhistorie.

VWheute: Kritiker merken an, dass für adäquate Tarifierung auf absehbare Zeit die Kollektive zu klein wären. Wie sehen Sie das?

Wiltrud Weidner: Allen von der Assekuranz aktuell angebotenen Telematik-Produkten liegt vorerst weiterhin die bewährte technische Kalkulation nach herkömmlichen Tarifmerkmalen zugrunde, es erfolgt lediglich eine telematikbasierte Rabattierung. Eine ausschließlich telematikbasierte Tarifierung scheint aus aktuarieller Sicht erst mit umfangreicher statistischer Datengrundlage möglich zu sein. Wie diese Grundlage letztendlich aussieht, ob sie sich beispielsweise nur über eine branchenweite Statistikarbeit gemäß Gruppenfreistellungsverordnung verlässlich aufbauen lässt, kann derzeit noch nicht abschließend beantwortet werden. Im Übrigen liegt kurzfristig das größte Potenzial vermutlich in der Auswertung von kontextbasierten Situationsmodellen, die mit bereits seit Jahrzehnten aufgebauten Daten von Unfallmodellen in- und außerhalb der Versicherungsbranche abgeglichen werden können

VWheute: Weiterer Kritikpunkt: die aktuellen detaillierten Tarifierungsmöglichkeiten nach Typ- und Regionalklassen bieten äußerst detaillierte Ansätze zur risikogerechten Tarifierung. Wie können hier Telematiktarife in Zukunft für Versicherer wie Versicherte Mehrwert bringen?

Wiltrud Weidner: Bereits heute werden die Tarife in der Kfz-Versicherung über zahlreiche soziodemografische und technische Risikomerkmale stark differenziert; allerdings greifen die Versicherer bei der Ermittlung des Risikos lediglich auf “Hilfsindikatoren” zurück. Unter Einbezug von Telematik erhält der Versicherer nunmehr Echtzeit-Daten zum Fahrverhalten und zur Fahrzeugnutzung. Damit können pauschal getroffene, am Durchschnitt ausgerichtete Annahmen zur Schadenhäufigkeit und -höhe individualisiert werden. Ferner können Angaben beispielsweise zu Regionalklasse, Fahrleistung oder Abstellort durch reale Messwerte verifiziert und ggf. ersetzt werden, sodass das asymmetrische Informationsverhältnis zwischen Versicherer und Versicherten reduziert werden kann.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Wiltrud Weidner, Aktuarin vom Institut für Versicherungsbetriebslehre an Leibnitz Universität Hannover, erläutert heute im Rahmen von DAV vor Ort in Hannover bei der VHV einen “Analyse-Ansatz für Telematik”

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