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Alte Bestände und neue Produkte

14.11.2016 – Kalberer_Tigran.MilimannDie Lebensversicherer suchen Lösungen: Niedrigzinsen und eine zunehmende Regulierung erschweren das Kerngeschäft, das zeigen aktuelle Zahlen. Tigran Kalberer, vom Aktuardienstleister Milliman, hat sich in seinem Gastbeitrag für VWheute intensiv mit der Thematik beschäftigt. Das aktuelle Problem wird skizziert und Lösungen entwickelt.

Wenn man die Situation der Lebensversicherer in Deutschland betrachtet, stellt sich die Lage als außerordentlich schwierig dar. Äußere Umstände, insbesondere die Tiefzinsphase, im Zusammenspiel mit einer zur Unzeit verschärften Regulierung haben zu dieser Situation geführt.

Die momentan niedrigen, wenn nicht sogar negativen, Zinsen wirken sich doppelt nachteilig auf Versicherer aus. Zum Einen sinkt die Rendite der Anlagen drastisch und erschwert es, Garantieversprechen der Vergangenheit zu bedienen und zum Anderen führen die erhöhten Kosten von Garantien dazu, dass im Neugeschäft keine attraktiven Garantien mehr gewährt werden können.

Das Geschäftsmodell der Lebensversicherer wird also durch die Tiefzinspolitik der EZB unmittelbar gefährdet. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da Versicherer den Sparprozess für ihre Kunden organisieren, die Politik aber momentan das Sparen verhindern will. Da gerät die Branche, und zwar unverschuldet, zwischen Hammer und Amboss.

Dieses Problem wird verschärft durch Solvency II, welche die Versicherer im Wesentlichen dazu zwingt, Garantien mit Staatsanleihen zu bedecken, welche keine genügende Rendite mehr aufweisen. Diese Staatsanleihen werden im Standardmodell von Solvency II auch nicht mit einer Risikokapitalanforderung für Kreditrisiko versehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Das Problem der niedrigen Zinsen stellt sich aber nicht nur Deutschen Versicherern, sondern Versicherern weltweit.Es stellt sich nun die Frage, wie Versicherer auf diese politische Herausforderung reagieren.

Wir gehen zuerst auf das Neugeschäft ein. Dort beobachtet man weltweit einen klaren Trend hin zu Produkten, welche die Lebensversicherungsrisiken (Tod und Invalidität) abdecken ohne zusätzlich einen Ansparprozess anzubieten. Die Versicherer setzen dabei insbesondere auf Krankenversicherung, Pflegeversicherung und die Absicherung schwerer Krankheiten („Critical Illness“).Die Versicherer besinnen sich also auf Ihre Ursprünge zurück.

Ein weiterer Trend ist derjenige zu angepassten Garantieprodukten. Die Versicherer bieten vermehrt innovative Anlageprodukte an, welche zwar Garantien beinhalten, diese sind aber nicht so ausgeprägt sind wie bei den bisher vorherrschenden klassischen Produkten. Zu dieser Sorte Produkte gehören fondsgebundene Produkte mit Garantie, statische und dynamische Hybridprodukte und die Produkte der sogenannten „neuen Klassik“. Diesen Trend beobachtet man weltweit. Hybridprodukte werden mittlerweile in Frankreich, Italien, Singapur, Hongkong und Japan angeboten und gelten dort als neu.

Ein dritter Trend ist der zur weitaus hochfrequenteren Steuerung, der den Produkten zugrundeliegenden Anlagen, um die Volatilität dieser Anlagen besser kontrollieren zu können. Interessant ist nun, dass die Produktvielfalt und Innovation an neuen Garantieprodukten gerade in Deutschland weltweit am ausgeprägtesten ist.

Niedrigere Garantien ermöglichen es den Versicherern vor allem, in reale Anlagen zu investieren, welche nicht nur höhere Renditen aufweisen, sondern auch einen gewissen Inflationsschutz bieten. Diese Vorteile werden an den Kunden weitergegeben und ermöglichen es diesem, dem aktuellen Anlagenotstand ein Stück weit zu entfliehen.

Damit erfüllt die Versicherung ihre Aufgabe, nämlich den Kunden vor Entwertung Ihrer Anlagen zu schützen. Dazu ist es notwendig, Garantien anzubieten, da der Kunde nicht anderweitig zu überzeugen ist. In diesem Sinne drängt es sich aufgrund der Pflicht, bestmögliche Beratung anzubieten, geradezu auf, statt hoher Garantien, neue innovative Produkte mit reduzierten Garantien zu offerieren.

Was allerdings am Meisten not tut, sind neue Rentenprodukte, welche auch in der Rentenphase nicht nur Garantien, sondern auch Beteiligung am Renditepotenzial realer Anlagen bieten und zudem einen vernünftigen Schutz dagegen darstellen, dass man seine Anlagen überlebt. Solche Produkte existieren in der Tat und es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis diese auch am Deutschen Markt angeboten werden.Neben der Entwicklung neuer Produkte kämpfen die Versicherer mit den Beständen an Garantieprodukten, welche in besseren Zeiten abgeschlossen wurden.

Viele, zum Teil unübliche und unerwartete, Maßnahmen, können die Belastung durch solche Bestände abmildern. Dazu gehören klassische Maßnahmen, wie Kostensenkung und bessere Anpassung der Anlagen an die Verpflichtungen, aber auch die Erleichterung der Vertragsstornierung, die Erhebung von Gebühren, wo möglich, die Reduktion der Leistungen auf das wirkliche vertragliche Minimum und viele andere Maßnahmen mehr.

Allerdings – alle diese Maßnahmen hätten auch in der Vergangenheit angewendet werden können. Daher ist jetzt am meisten dann zu gewinnen, wenn man es in der Vergangenheit verpasst hat, zu reagieren. Versicherer reagieren mit bewundernswertem Durchhaltevermögen auf diese von außen aufgezwungenen Probleme – ganz im Gegensatz zum Rest der Finanzindustrie, welcher diese Probleme zum großen Teil zu verantworten hat.

Herr Kalberer wird auf der Veranstaltung: “4. SZ-Fachkonferenz: Versicherung und Internet” sprechen und sich dem oben genannten Thema intensiv widmen. (vwh/mv)

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