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“Telemedizin eignet sich besonders für ländliche Gebiete”

26.02.2015 – thomas_ballast_tkDie Digitalisierung schreitet auch im medizinischen Bereich weiter voran. Davon profitiert vor allem die Telemedizin, meint Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. Sie könne zwar den Arztbesuch nicht vollständig ersetzen, “aber in nahezu allen Bereichen eine gute Unterstützung sein”, sagte er im Interview mit VWheute. Vor allem in ländlichen Gebieten ließen sich Patienten dadurch besser begleiten.

VWheute: Telemedizin: Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Thomas Ballast: E-Health und die Digitalisierung der Medizin befinden sich gegenwärtig im Aufwind – und davon profitiert auch die Telemedizin. In steter Folge bringen etablierte Industrieunternehmen, aber auch Startups neue Produkte auf den Markt, die das Potential haben, bei der Lösung der Probleme zu helfen, die unter anderem durch den demografischen Wandel entstehen. Die Ressource Zeit wird beim Arzt zusehends knapper, während zugleich die Menschen immer älter werden und daher mehr medizinische Betreuung benötigen.

Hier bietet Telemedizin Lösungsmöglichkeiten. Stehen Diagnose und Therapiekonzept einmal fest, müssen sich Patienten nicht für jeden Routinecheck auf den Weg zum Arzt machen. Und auch der Arzt spart dabei Zeit. Als TK haben wir bereits gute Erfahrungen mit Tele-Monitoring und dem Gesundheitscoaching übers Telefon oder Internet gemacht. Davon profitieren schon jetzt Herzpatienten, Diabetiker, Bluthochdruckpatienten und Asthmatiker – also Menschen, die an klassischen Zivilisationskrankheiten leiden. Und es gibt bereits gute Ansätze auch für Therapien via Internet: In Berlin erproben wir zurzeit die Internet-Therapie mit Patienten, die an leichten Depressionen leiden. Auch die Kasseler Stottertherapie ist ein gutes Beispiel dafür, wie Krankheiten via Internet gelindert und zum Teil auch geheilt werden können.

VWheute: Welche Chancen und Potenziale stecken in der Telemedizin? Gehen diese über Erleichterungen in der Administration (Stichwort eGK) hinaus?

Thomas Ballast: Telemedizin wird den Arztbesuch in absehbarer Zukunft nicht vollständig ersetzen, kann aber in nahezu allen Bereichen eine gute Unterstützung sein. Sie eignet sich überall dort besonders gut, wo Distanzen zu überwinden sind. Gerade in ländlichen Gebieten lassen sich damit Patienten besser überwachen bzw. begleiten und regelmäßiger betreuen, als wenn sie sich jedes Mal auf den Weg zum Arzt machen müssten. Und auch die fachärztliche Versorgung kann davon profitieren – sei es zum Beispiel bei der Diagnostik von Hautproblemen via Smartphone oder bei Zweitmeinungsverfahren.

VWheute:Welches sind die Staaten, an denen sich die deutsche Telemedizin orientieren kann?

Thomas Ballast: In vielen Ländern sind positive Ansätze zu erkennen – allerdings müssen wir prüfen, inwieweit diese auf das relativ dicht bevölkerte Deutschland übertragbar sind. Wir haben hier nicht die weiten Strecken zum nächsten Arzt wie es sie in manchen skandinavischen Ländern oder Amerika oder Australien gibt. Andere europäische Länder scheinen zwar weiter zu sein als Deutschland, nehmen dabei aber auch Abstriche beim Datenschutz in Kauf. Das sollten wir hierzulande nicht riskieren. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass Deutschland die Potentiale der Telemedizin besser nutzen könnte. Denn wie bei der Diskussion um das autonome Auto fahren erleben wir es bei der Telemedizin, dass die technische Entwicklung schnell voranschreitet und der rechtliche Rahmen für neue Angebote erst geschaffen werden muss.

VWheute: Was braucht es vom Gesetzgeber?

Thomas Ballast: Das E-Health-Gesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein sinnvoller nächster Schritt wäre es, den Krankenkassen – über die DMP-Programme hinaus – zu erlauben, ihre Daten zu nutzen, um den Versicherten individuelle Angebote machen zu können. Für uns ist nicht nachvollziehbar, dass wir einen Diabetiker auf ein neues Versorgungsmodell hinweisen können, einen Tinnitus-Patienten hingegen nicht, weil dies der Datenschutz nicht zulässt. In einem weiteren Schritt sollten wir diskutieren, ob das Fernbehandlungsverbot in seiner jetzigen Form noch zeitgemäß ist und wie dieses zugunsten der Telemedizin modifiziert werden kann.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.

Bild: Thomas Ballast (Quelle: Techniker Krankenkasse)

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