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“Konsolidierung kommt auf der Zeitachse wieder”

27.04.2016 – wolfgang_breuer_woDie Provinzial NordWest ist mit rund 4,1 Mrd. Euro Beitragseinnahmen der zweitgrößte öffentlich-rechtliche Versicherer in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2015 warteten die Norddeutschen mit guten Zahlen auf. Jetzt sorgen Fusionsgerüchte erneut für Unruhe. Mit dem Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Breuer sprach VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte über die Zukunft des Konzerns.

VWheute: Es gibt mal wieder Fusionsgerüchte, die in Ihrem Haus für Unruhe sorgen?

Wolfgang Breuer: Spekulationen über angeblich geheim laufende Fusionsverhandlungen haben uns als Vorstand nicht nur überrascht, sondern auch sehr verärgert. Unsere Anteilseigner haben die von den Medien in Umlauf gebrachten Spekulationen sofort dementiert. Ein Projekt “Phoenix“ ist uns nicht bekannt. Die guten Vertriebsergebnisse und das gemeinsame Bekenntnis zum Strategieprogramm “NordWest 2018 – Stark für unsere Regionen” sind nur zwei Beispiele dafür, dass wir überaus handlungsfähig sind.

VWheute: 2015 war ein sehr gutes Jahr für den Provinzial NordWest Konzern. Was sind die Eckpunkte dieser Entwicklung?

Wolfgang Breuer: Wir können für 2015 in der Westfälischen Provinzial eine Neugeschäfts-Steigerung von elf Prozent in der Schaden-/Unfallversicherung verbuchen. Auch hatten wir hier eine recht gute Schadensituation. Die Provinzial Nord und die Hamburger Feuerkasse sind ebenfalls vernünftig gewachsen. Allerdings haben beide auf der Schadenseite durch außergewöhnliche Groß- und Sturmschäden gelitten. Wir sind insgesamt in Komposit enorm gewachsen und haben um 80.000 Verträge zugelegt. Auch in Kraftfahrt sind wir nach Stückzahl und Prämie gewachsen. Zudem konnten wir im Konzern die Kosten fast auf Vorjahresniveau halten und somit aufgrund der gestiegenen Beiträge deutliche Effizienzgewinne erzielen. Unter dem Strich verzeichnen wir ein ähnlich gutes Gesamt-Ergebnis wie 2014.

VWheute: Sie setzen in der Lebensversicherung auf Fondsversicherungen und Hybridversicherungen. Warum ist das für Ihre Kunden ein gutes Geschäft?

Wolfgang Breuer: Zum großen Teil sind Hybridprodukte klassische Kapitalversicherungen mit nach wie vor einer bestimmten Art von Garantie. Wir bieten auch weiterhin Versicherungen mit 100-prozentiger Beitragsgarantie an. Sofern der Rechnungszins nicht noch weiter abgesenkt wird, rechnet sich das für den Kunden. Hybridversicherungen sind nach wie vor ein gutes Geschäft, weil diese im Deckungsstock geführt werden. Aber auch bei Fondsprodukten sind wir mit unserem Fondsmanagement absolute Vollprofis, auf die sich der Kunde verlassen kann.

VWheute: Sie haben ein konzernweites Zukunftsprogramm gestartet. Was sind die wesentlichen Eckpunkte, und was wollen Sie in den nächsten drei Jahren erreichen?

Wolfgang Breuer: Wir leben mit zahlreichen Herausforderungen. Dazu gehören Solvency II oder das Demografie-Thema. Das betone ich besonders, weil letztere Problematik durch andere Fragestellungen wie Digitalisierung oder Niedrigzinspolitik mit noch größerer Aktualität ein wenig in den Hintergrund geraten ist. Hinzu kommen interne Themen. Wir möchten ein öffentlicher Versicherer sein, der im modernen Markt eine hervorragende Perspektive hat. Die Niedrigzinsphase kostet uns jedes Jahr rund 80 Millionen Euro Ertragspotenzial. Hinzu kommen hohe Investitionen in die Digitalisierung, weil davon nicht nur die IT betroffen ist, sondern auch Produkte, Vertriebe und Verwaltung. Das sind schon Herausforderungen, die trotz geringerer Einnahmen bei höheren Investitionskosten gestemmt werden müssen. Um das alles zu bündeln, haben wir unser konzernweites Programm „NordWest 2018 – Stark für unsere Regionen“ aufgesetzt. Das ist kein Krisen-Programm sondern dient dazu, das strategisch Notwendige in einem effektiven Konstrukt zusätzlich zu leisten. Hiermit wollen wir die Dinge der Zukunft steuern.

VWheute: Wo stehen Sie beim Thema Digitalisierung und wo wollen sie hin?

Wolfgang Breuer: Digitalisierung bedeutet mehr als nur die IT auf Vordermann zu bringen. Es geht im Kern um nichts anderes als verändertes Kundenverhalten umzusetzen. Gleichzeitig müssen wir schauen, wie wir das mit dem vorhandenen Investitionsbudget erledigen können. Wir konzentrieren uns daher vor allem auf die Omnikanal-Fähigkeit im Vertriebsbereich. Das heißt nichts anderes, als dass der Kunde über den Weg entscheidet, über den er mit uns kommunizieren will. Egal, wie wir miteinander in den Dialog kommen, es steckt immer die gleiche Provinzialqualität dahinter. Wir machen Superprodukte, bei denen sich der Kunde umfassend geschützt fühlen soll. Im ersten Schritt haben wir jetzt unsere Webseiten relauncht. Wenn zum Beispiel eine Schadenmeldung online vom Kunden versandt wird, landet diese automatisch in der Geschäftsstelle, die sich dann umgehend mit dem Kunden in Verbindung setzt und alles rundum erledigt. Wir wollen Digitalisierung aus einem Guss mit dem Geschäftsvorfall verbinden. Der Kunde soll, unabhängig davon, ob er bei der Geschäftsstelle vorbeikommt, dort anruft oder die Schadenmeldung online verschickt, immer auf die gleiche Qualität treffen. Die Umsetzung dieser Idee erfordert noch die Klärung vieler Fragestellungen, wie Änderung der Servicezeiten. Wir machen aber alles provinzial-like, mit unseren Stilmitteln und nicht in irgendwelchen Call-Centern.

VWheute: Wann kommen bei Ihnen Telematik-Tarife auf den Markt?

Wolfgang Breuer: Wir beobachten den Markt und haben dazu ein entsprechendes Projekt aufgesetzt. Noch gibt es aber keinen Fahrplan, wann wir mit Telematik-Tarifen herauskommen, bzw. ob wir überhaupt damit an den Markt gehen wollen. Ich bin in gewisser Weise ein Telematik-Skeptiker. Es gibt inzwischen in der Kraftfahrtversicherung ausreichend feinfühlige Differenzierungsmerkmale, wie Alter des Fahrers, Fahrzeugtyp, Ausstattungsvarianten, durch die Telematik abgebildet wird.

VWheute: Sie sind aktiv in Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Liebäugeln Sie auch mit einer bundesweiten Ausdehnung?

Wolfgang Breuer: Das ist nicht angedacht. Ich will es aber für die Zukunft nicht völlig ausschließen, wenn wir uns zum Beispiel dem Direktmarkt öffnen. Wir sind sehr erfolgreich, weil wir uns auf die bekannten Regionen konzentrieren. Das betrifft auch die Zusammenarbeit mit Maklern in den vier Bundesländern. Wir gehen im Industriegeschäft nur über die Landesgrenzen hinaus, wenn der Kunde seinen Sitz zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen hat oder aus Portefeuille-Steuerungsgründen.

Die Fragen stellte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bild: Wolfgang Breuer, Vorstandsvorsitzender der Provinzial NordWest (Quelle: wo)

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