Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

Kirchlicher Kunde stößt auf wenig Interesse

22.05.2015 – lutz_dettmer_ecclesiaDer kirchliche Versicherungskunde steht nicht im Mittelpunkt des Brancheninteresses. Der Grund dafür liegt vor allem in der Zahl von deren Schaden- und Frequenzschäden, sagt Lutz Dettmer, Leiter des Sachgebiets Kirche bei der Ecclesia Versicherungsdienst GmbH, im Exklusiv-Interview mit VWheute. Zudem erforderten kirchliche Kunden Sach-Sammelverträge, die nicht jeder Versicherer bieten wolle oder könne.

VWheute: Wie sieht die Bilanz des kirchlichen Versicherungsschutzes für 2014 aus und welche Erwartungen haben Sie für das laufende Geschäftsjahr?

Lutz Dettmer: Die Versicherungslösungen im Kompositbereich für Landeskirchen, (Erz-)Bistümer, Freikirchen etc. basieren insbesondere auf Sammelversicherungsverträgen, in die die vorhandenen kirchlichen Gliederungen (Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Dekanate) eingebunden werden. Insofern gibt es jährlich einen gut kalkulierbaren, aber dennoch stattlichen Sockel an Frequenzschäden.

Zu Buche geschlagen hat in 2014 allerdings auch eine erhöhte Anzahl an Großschäden – konkret z. B. ein Kirchenbrand in Nürnberg und mehrere Feuerschäden in Kirchengebäuden in Sachsen. Die Abwicklung von Großschäden ist für uns immer auch lehrreich – Erkenntnisse aus der Schadenregulierung fließen direkt in die künftige Produktgestaltung ein. Wir sind sicher, dass auch lokale Stürme, Unwetterschadenereignisse etc. dazu beitragen, dass unsere Frequenzschadenkalkulation für 2015 aufgeht. Weitere Erwartungen haben wir nicht – im Interesse der betreuten Kirchen eher die Hoffnung, dass man von Großschadenereignissen verschont bleibt.

VWheute: Wie ist der Markt aufgestellt? Wie beurteilen Sie die aktuelle Marktlage?

Lutz Dettmer: Der kirchliche Versicherungskunde steht – bedingt durch die bereits geschilderte Frequenz- und Großschadensituation – nicht im Fokus des Zeichnungsinteresses der Assekuranz. Hinzu kommt beispielsweise auch die Tatsache, dass für kirchliche Sach-Sammelverträge erhebliche Kapazitäten benötigt werden, die nicht jeder Versicherer bieten will oder bieten kann.

Uns gelingt es aber, bewährte Partner für das kirchliche Klientel interessiert zu halten und neue Versicherer für die Zeichnung kirchlichen Versicherungsschutzes zu gewinnen, indem wir umfassende Dienstleistungen bei der Vertrags- und Schadenabwicklung erbringen und so die Kostenquote für den Versicherer senken.

VWheute: Wie bedroht sind Kirchen heutzutage?

Lutz Dettmer: Kircheneinbrüche kommen durchaus vor – wir stellen statistisch jedoch keinen Anstieg der Fälle fest. Als man vor einigen Jahren innerhalb der Ev. Kirche von Deutschland die Entscheidung getroffen hat, Kirchen zu bestimmten Zeiten zu öffnen und eventuell auch unbeaufsichtigt zu lassen, hat man Diebstahl und Schäden durch Vandalismus befürchtet. Diese Entwicklungen sind jedoch nicht eingetreten. Die Kunst- und Kultgegenstände wurden zwischenzeitlich katalogisiert und weitestgehend gesichert, so dass wir perspektivisch davon ausgehen, dass Einbrüche in Sakralgebäude eher zurückgehen.

VWheute: Wie sieht das Risk Management aus?

Lutz Dettmer: Die Eingabetiefe unserer Schadenerfassungen ermöglicht umfassende Analysen u a. zu Schadentrends. Gebäude, an denen sich mehrfach ein- und dasselbe Schadenereignis konkretisiert, können identifiziert werden. Umstände, wie es zu Schäden durch Verkehrssicherungspflicht- und Aufsichtspflichtverletzungen kommen kann, werden ermittelt.

Mit diesen Daten und Informationen und daraus abgeleiteten Präventionsprogrammen sind wir mit den betreuten Kirchen im ständigen Dialog. Erfreulicherweise misst man der Schadenprävention kirchlicherseits eine Bedeutung zu, so dass auch Geld aufgewandt wird, um künftige Schäden zu vermeiden.

VWheute: Wie versichert man ein sakrales Bauwerk wie z.B. einen Dom – ein eigentlich unersetzliches Kulturgut und damit unbezahlbar?

Lutz Dettmer: Letztendlich ist mit dem Kunden zu besprechen, worin sein versichertes Interesse liegt. Darauf abzustimmen ist das Versicherungsprodukt und die Definition dessen, was wesentlicher Bestandteil des Versicherungsschutzes sein soll. Alles andere ist eine Frage der richtigen Wertebemessung. Hier steht uns ein erheblicher Erfahrungsschatz, u.a. durch eigene Architekten, zur Verfügung. Eine ähnliche Diskussion führen wir, wenn es um die Absicherung von kirchlichen Kunst- und Kultgegenständen geht. Kirchliches Interesse ist es regelmäßig nicht, Liebhaber- oder Auktionswerte abzusichern, wenn das unwiederbringliche Original nicht mehr zur Verfügung steht. Versichert wird in diesen Fällen die Herstellung einer qualifizierten Kopie.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Alexander Kaspar.

Bild: Lutz Dettmer, Leiter des Sachgebiets Kirche bei der Ecclesia Versicherungsdienst GmbH. (Quelle: Ecclesia)

Tags:
- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten