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Digitalisierung bringt “negative Beschäftigungseffekte”

24.10.2016 – jutta_rump_ibeDurch die Digitalisierung wird es auch in der Versicherungsbranche “negative Beschäftigungseffekte geben”, glaubt Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability IBE in Ludwigshafen. Hatte die Automatisierung früher “meist nur Auswirkungen auf weniger qualifizierte Arbeitnehmer, trifft es heute besonders die Bereiche, die von einer großen Routine geprägt sind”, betont die Expertin im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: Müssen die Arbeitnehmer in den Versicherungsbranche aufgrund der Digitalisierung um ihre Jobs bangen?

Jutta Rump: Es wird negative Beschäftigungseffekte geben, besonders in den Bereichen, die von einer großen Routine geprägt sind. Ein Unterschied zu früher ist, dass heute auch Gebiete betroffen sind, die kompliziert und komplex sind und in denen neben manuellen auch insbesondere kognitive Talente erforderlich sind. Früher hatte Automatisierung meist nur Auswirkungen auf weniger qualifizierte Arbeitnehmer.

VWheute: Welche Gruppen werden von der kommenden Digitalisierung besonders betroffenen sein?

Jutta Rump: Die Mitte wird besonders betroffen sein, das wird in vielen Diskussionen oft ausgelassen. Also Arbeitnehmer mit einer dualen Ausbildung, die in Bereichen wie Regulierung oder Schadensmanagement arbeiten. Die Rationalisierungen bei den Geringqualifizierten haben wir bereits hinter uns. Die Versicherer haben aufgrund des Kostendrucks, der zunehmenden Regulierung und der Nullzinsen auch gar keine andere Wahl, als die Digitalisierung anzunehmen.

VWheute: Ganz konkret gefragt: Wie wird sich die Jobsituation in der Branche entwickeln?

Jutta Rump: Es wird einen Ausbau im Bereich der hochqualitativen Sektoren geben, besonders in den Bereichen, in denen Prozesse, Produkte oder Individuallösungen behandelt werden. Für die Versicherer ist es wichtig, die Personen aus dem mittleren Segment so zu qualifizieren, dass sie in den zuvor genannten Bereichen tätig sein können. Schaffen es die Versicherer, die vielen Versicherungskaufleute in das hochqualitative Segment mitzunehmen? Das ist die entscheidende Frage.

VWheute: Michael Niebler (AGV) sagte gegenüber VWheute: “Der Abbau beim Innendienst wird sich nach meiner Einschätzung auf rund ein Prozent im Jahresdurchschnitt leicht erhöhen”. Was meinen Sie?

Jutta Rump: Ich würde nicht davon ausgehen, dass es nur ein Prozent sein wird. Wir reden über nennenswerte Größen. Viele Versicherer nutzen die demographische Entwicklung bereits stillschweigend, um die Mitarbeiteranzahl den neuen Gegebenheiten der Digitalisierung anzupassen. Viele ältere Arbeitnehmer verlassen die Unternehmen und offene Stellen werden nicht mehr besetzt.

VWheute: Gibt es in der Branche überhaupt noch sichere Jobs?

Jutta Rump: Ja, durchaus. Relativ sicher sind Jobs, in denen wechselnde Fragestellungen und eine starke Individualisierung bestimmend sind. Tätigkeiten mit starken Routineintervallen werden dagegen von der Digitalisierung stark betroffen sein.

VWheute: Wächst die technische Entwicklung schneller als der menschliche Intellekt?

Jutta Rump: Mit dieser Frage müssen wir uns alle beschäftigen, sie ist entscheidend! Die Digitalisierung ist ein Prozess, dessen Auswirkungen wahrscheinlich erst 2020 oder 2025 wirklich spürbar seien werden. Bereits heute müssen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit dieser Frage beschäftigen. Bei Treffen mit Vorständen aus der Versicherungsbranche werden oft Geschäftsmodelle und Strukturen mit leuchtenden Augen thematisiert.

Die Qualifikation der Mitarbeiter spielt in den Überlegungen meist keine Rolle. Dabei ist klar, die Versicherer müssen die Arbeitnehmer in die neue Zeit mitnehmen, um den Anforderungen der Digitalisierung künftig gewachsen zu sein, Versicherungswissen und Erfahrung wird auch künftig nötig sein Das betrifft auch die älteren Mitarbeiter, die keine Digital Natives sind. Jeder Arbeitnehmer kann mitgenommen werden. Fort- und Weiterbildungen sollten als Chance gesehen werden, sich beruflich zu verwirklichen.

VWheute: Wie kann sich ein Versicherungsunternehmen auf die Digitalisierung vorbereiten?

Jutta Rump: Einige Versicherer sind bereits heute schon sehr weit. Die Unternehmen müssen sich aber generell fragen, was möchte ich mit der Digitalisierung erreichen, wie soll das Unternehmen in zehn Jahren aussehen? Alle anderen Fragen ergeben sich aus dieser Zielstellung. Es gibt nicht die eine richtige Strategie. Die Frage der digitalen Zielstellung ist ein Vorstandsthema. Lediglich einen Digitalisierungsbeauftragten auf Kongresse zu schicken, ist nicht zielführend.

Die Versicherer müssen – ähnlich wie es im Bankenbereich bereits geschieht – entscheiden, welche Geschäftsbereiche sie digitalisieren wollen und in welchem Umfang: Manche Kunden können voll digitalisiert betreut werden, es handelt sich um ein sogenanntes Automatisierungsszenario. Im hybriden Szenario ist der Vermittler die Schnittstelle zwischen Kunden und Versicherer.

Der Prozess im Hintergrund, beispielsweise Policierung oder Prüfung des Antrags, läuft automatisch ab. Im Werkzeugkasten-Szenario tritt die Automatisierung in den Hintergrund: Der Versicherer reagiert in Person des Beraters in der Interaktion auf die individuellen Fragen des Kunden. Das geschieht meist bei komplexen Sachverhalten wie Schutz der Arbeitskraft.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability IBE (Quelle: IBE)

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