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Zwack: “Versicherer halten sich bei P2P-Modellen zurück“

19.09.2017 – Thomas Zwack, HHL Leipzig Graduate School of ManagementWerden P2P-Systeme eine Alternative auf dem Versicherungsmarkt? Das fragte VWheute Thomas Zwack, Unternehmer und Fellow am Center for Leading Innovation & Cooperation (CLIC), bereits im November des letzten Jahres. Jetzt liefert einer neuen Studie frische Ergebnisse. Zeit, die Frage zu erneuern und den Experten zu einem Exklusiv-Interview zu bitten.

VWheute: Hallo Herr Zwack, lange nicht mehr gesprochen. Sie haben kürzlich eine Studie zum Thema Absicherung des Wildschadens mit P2P abgeschlossen. Lassen Sie uns bitte an den Ergebnissen teilhaben.

Thomas Zwack: Ich beschäftige mich mit dem Thema Peer-to-Peer Versicherung seit 2011 sehr intensiv. Ich wollte schlicht und ergreifend einfach wissen, ob und wie sich private Risiken auch innerhalb einer Gemeinschaft aus Privatpersonen absichern lassen können – eben ohne Einbindung eines traditionellen Versicherers.

Und hier hat sich der Wildschaden, also der Schaden, der durch Wild in Forst- und Landwirtschaft entsteht, zur Untersuchung angeboten. Zum einen, weil der Jagdpächter gegenüber dem Land- und Forstwirt bei Schäden voll ersatzpflichtig ist und in Deutschland von Erstversicherern für das Risiko Wildschaden kein Versicherungsschutz angeboten wird, zum anderen, weil die Gemeinschaft der Jäger über die entsprechenden Verbände für eine wissenschaftliche Untersuchung sehr gut ansprechbar war. Das Risiko Wildschaden ist natürlich sehr speziell, aber die Ergebnisse dieser Forschung lassen sich hervorragend auf alle anderen denkbaren Risiken übertragen.

VWheute: Ist P2P die einzige Möglichkeit, etwas wie Wildschäden zu versichern? Haben die Versicherer kein Interesse daran, weil es sich schlicht nicht lohnt?

Thomas Zwack: Im Falle des Wildschadens haben Versicherer bislang in der Tat wenig Interesse an der Absicherung des Risikos. Zum einen existieren nur unzureichend historische Schadendaten beziehungsweise lassen sich sehr schwer erheben, zudem wird das moralische Risiko als hoch eingeschätzt. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass, im Falle einer Versicherung, der Jäger eben nicht mehr seinen jagdlichen Pflichten nachgeht, sondern beispielsweise bei Schlechtwetter einfach zu Hause bleibt.

Es gibt zwar heute schon vereinzelt individuelle Regelungen zum Wildschadenersatz, es handelt sich hier aber um rein regionale Lösungen. Ansätze für Versicherungen zeigen sich etwa in den Wildschadenausgleichskassen, welche in Mecklenburg-Vorpommern seit 1992 im Landesjagdgesetz verankert sind. Eine umfassende und deutschlandweite Absicherungsmöglichkeit existiert nicht.

VWheute: Gibt es schon P2P-Modelle in der Versicherungswirtschaft – speziell in Deutschland –, möglicherweise auch mit dem Versicherer als Bestandteil der Deckung? Denn eigentlich müsste das Modell doch für Versicherer etliche Chancen bieten.

Thomas Zwack: Eine Untersuchung des Marktes hat zunächst gezeigt, dass bereits bestehende P2P-Unternehmen drei grundlegenden Klassen zugeordnet werden können. In der Klasse 1 vertreibt ein Intermediär Standardprodukte eines Erstversicherers. Kleine Gruppen aus Privatpersonen übernehmen dabei ein Teil des Risikos.

Die Klasse 2 verzichtet gänzlich auf die Einbindung eines Versicherers. Dies kann aber bedeuten, dass aufgrund der geringen Größe des Kollektivs möglicherweise nicht alle anfallenden Schäden reguliert werden können.

Die maximale Schadenhöhe ist in dieser Klasse deshalb oftmals begrenzt.

Die Klasse 3 verzichtet sogar noch auf einen Intermediär. Hier verknüpfen sich Versicherungsnehmer und Risikoträger direkt. Vergleichbar wäre dies mit einem Handel von Waren zwischen Privatpersonen, jedoch ohne dazwischen geschalteten Händler, wie zum Beispiel Ebay oder Amazon. Open Bazaar unternimmt augenblicklich erste Versuche in diesem Feld.

Friendsurance war übrigens 2010 der Vorreiter der P2P-Versicherung und ist der Klasse 1 zuzuordnen. Das Unternehmen ermöglicht es seinen Kunden, sich online zu kleinen Gruppen mit einer Größe von etwa vier bis 16 Personen zusammenzuschließen und das Risiko, zumindest teilweise, auf dieses Kollektiv zu übertragen. Weltweit finden sich mittlerweile ca. 30-40 weitere P2P-Unternehmen, die sich mit der Absicherung von Risiken befassen.

Die meisten davon wurden vor weniger als zwei Jahren gegründet oder befinden sich augenblicklich in Gründung und sind der Klasse 2 zuzuordnen. Hier sieht man bereits, dass auf eine Einbindung eines Versicherers in ein P2P-Geschäftsmodell bewusst verzichtet wird. Der Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit liegt in den USA, Großbritannien und China.

VWheute: Wie laufen die erwähnten Modelle, besonders im Schadenfall – eine Goldgrube für Rechtsanwälte oder hält die Community zusammen?

Thomas Zwack: Im Falle von Unternehmen, die in die Klasse 1 fallen, ist die Schadenbearbeitung noch sehr traditionell. In den Klassen 2 und 3 kann dies schon etwas anders aussehen. Hier spielt Schadenprävention eine besondere Rolle und die Schadenbearbeitung kann durchaus an die Community selbst ausgelagert werden. Bei Streitfällen können etwa Online-Schöffengerichte, die sich aus Mitgliedern der Community zusammensetzen, schlichten, und der Einsatz von Reputationsmechanismen findet sich in nahezu allen Modellen. Die Forschungen haben aber ergeben, dass die Community of Practice (CoP) eine wesentliche Grundvoraussetzung für den Erfolg dieser P2P-Geschäftsmodelle darstellt.

VWheute: Sie haben untersucht, was bei der Entwicklung eines P2P-Geschäftsmodells wichtig ist. Was sind ihre Erkenntnisse – und was ist eine Community of Practice?

Thomas Zwack: Die Forschung lieferte fünf wesentliche Ergebnisse:

  1. Modelle, die das Teilen zwischen Privatpersonen in den Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit stellen, bieten sich auch zur Lösung der Nichtversicherbarkeit von Risiken an.
  2. Bereits existierende P2P-Versicherungsgeschäftsmodelle basieren auf Mikrorisikokollektiven und lassen sich bzgl. der Einbindung traditioneller Versicherer klassifizieren.
  3. Mitglieder der Community of Practice der Jäger ermöglichen in einem P2P-Geschäftsmodell die Schadenprävention und Absicherung von Wildschäden.
  4. Die Akzeptanz dieses Geschäftsmodells wird durch ein benutzerfreundliches Portal mit einfachen Funktionalitäten sowie einer Verknüpfung mit unterstützenden Systemen positiv beeinflusst.
  5. Durch Variationen in Struktur, Beziehung und Leistungserbringung lassen sich weitere P2P-Geschäftsmodellausprägungen ableiten.

Und jetzt lassen Sie mich bitte noch kurz auf die Community of Practice (CoP) eingehen. Diese ist nämlich in meinen Augen Grundvoraussetzung, damit das ganze überhaupt funktioniert. Eine CoP ist nichts anderes, als eine praxisbezogene Gemeinschaft von Personen, die informell miteinander verbunden sind und an gleichen Aufgaben arbeiten. Diese agieren weitgehend selbstorganisiert und unterstützen sich gegenseitig. Jeder von uns ist schon heute Teil einer oder mehrerer CoP. Sei es als Modellflugzeugbauer, passionierter Fotograf oder als Flüchtlingshelfer in Berlin Kreuzberg. Und genau diese Gemeinschaften bieten sich dann auch für eine gegenseitige Absicherung an. Denn man kennt sich bereits.

Auch Jäger sind übrigens eine Community of Practice. Und innerhalb dieser Gemeinschaft lässt sich das Problem des Moral Hazard deutlich minimieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn das Risiko durch einen Nachbarpächter getragen wird. Dieser hat bereits vor Vertragsabschluss umfassend Kenntnis über das zu versichernde angrenzende Revier sowie die Schadenverläufe der letzten Jahre. Eine Reduzierung der jagdlichen Aktivitäten durch den Absicherungsnehmer (Hidden Action) wird sich in diesem Falle als schwierig erweisen, da Jagdpächter in einer Region sehr gut über die Tätigkeiten der Weidkollegen informiert sind. Sei es über Gespräche mit den ansässigen Land- oder Forstwirten oder durch das regelmäßige Vernehmen von Schussabgaben im abgesicherten Revier.

VWheute: Herr Zwack, jetzt mal unter Freunden, ist das Modell für Versicherer wirklich eine Bedrohung oder nur lustiges Nischenprodukt für Risiken, die fast niemanden betreffen?

Thomas Zwack: Dies ist eine Frage, die mir auch auf Veranstaltungen immer wieder gestellt wird. Im Augenblick ist noch keines der P2P-Versicherungsunternehmen wirklich profitabel oder gar eine ernsthafte Bedrohung für traditionelle Akteure. Und Sie haben natürlich recht, oftmals gewinnt man den Eindruck, dass es sich bei manchen Angeboten tatsächlich um “lustige Nischenprodukte” handelt.

Aber wie Clayton Christensen in seinem Buch “The Innovator’s Dilemma” beschreibt, disruptive Innovationen beginnen oftmals eben genau in diesen Nischenmärkten, die anfangs belächelt werden. Es wird im Augenblick weltweit sehr viel Risikokapital in diese neuen Geschäftsmodelle investiert. Und darunter finden sich mittlerweile auch sehr vielversprechende Ansätze. Aber ob diese später wirklich nachhaltig disruptiv sind, werden wir vielleicht erst in zehn Jahren wissen.

Ich würde als Versicherer aber gerade deshalb nicht nur beobachten und abwarten. Denn grundsätzlich kann dieser schon heute in unterschiedlicher Ausprägung an den P2P-Modellen partizipieren und sein Portfolio, etwa durch die Erweiterung des Dienstleistungsangebots, ergänzen und so durch günstigere Preise, einen verbesserten Service und leicht verständliche Angebote mit einem guten Schadenservice die aktuellen Herausforderungen möglicherweise positiv beeinflussen.

Man muss aber auch ganz klar feststellen, dass sich die Versicherungsbranche bei der Entwicklung von P2P-Geschäftsmodellen immer noch zurückhält, und dies scheint aus mehreren Gründen riskant. Die Markteintrittshürden für Dritte sind vergleichsweise niedrig, und ein P2P-Versicherer ist als bloßer Bereitsteller einer Online-Plattform weder mit der Komplexität des Versicherungsgeschäfts noch mit abschreckenden Kapitalanforderungen oder hohen Anfangsinvestitionen konfrontiert. Es bleibt wirklich sehr spannend.

Link: HHL Leipzig Graduate School of Management/

Studie: Zwack, T. (2017). Peer-to-Peer-Geschäftsmodelle zur Absicherung privater Risiken – Eine Exploration am Beispiel Wildschaden. Springer Gabler, Wiesbaden.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

Bild: Thomas Zwack ist Unternehmer und Fellow am Center for Leading Innovation & Cooperation (CLIC), einem Forschungsinstitut an der HHL Leipzig Graduate School of Management und beschäftigt sich zusammen mit Versicherungsunternehmen und Start-Ups mit disruptiven Geschäftsmodellen zur Absicherung von Risiken. (Quelle: Energieforen Leipzig / Leipziger Foren Holding)

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