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Weniger Flugunfälle: Delvag sieht aber “keine Entlastung”

30.01.2018 – Siebert_reiner_DelvagDie Fliegerei ist sicher. Die Zahl der Verunglückten nimmt immer weiter ab, im vergangenen Jahr war sie auf einem Allzeittief. Was bedeutet das für die Versicherungsbranche, VWheute hat mit Delvag-Vorstand Reiner Siebert darüber gesprochen. Weitere Themen sind die Drohnengefahr für die Fliegerei und rechtliche Fragen zur Haftung.

Am heutigen Dienstag widmet sich VWheute verstärkt der Luftfahrt, schließlich wurde am 30. Januar 1929 die Inter-Island-Airways gegründet, heute die US-amerikanische Fluglinie Hawaiian Airlines. Ok, das war konstruiert. Aber mit welcher Linie sie am sichersten fliegen, können Sie auf heute ebenfalls auf VWheute lesen (siehe MÄRKTE & VERTRIEB).

VWheute: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war das Jahr 2017 das sicherste Jahr in der zivilen Luftfahrtgeschichte. Dennoch nimmt der Flugverkehr immer mehr zu. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Luftfahrversicherer aus? Und wo sehen Sie derzeit die größten Haftungsrisiken für die Branche?

Reiner Siebert: Airlines und Hersteller arbeiten eng zusammen, um die hohen Luftfahrt-Sicherheitsstandards noch weiter zu verbessern. Das wirkt sich positiv auf die Großschadenerwartung der Luftfahrtversicherer aus. Dem gegenüber steht jedoch ein Anstieg der Reparaturkosten bei Kaskoschäden, der unter anderem der Verwendung von High-Tech-Materialien wie beispielsweise Carbonfasern und immer komplexeren Fluggeräten geschuldet ist.

Aus Sicht der Versicherungswirtschaft ist daher keine Entlastung festzustellen. Das größte Risiko bleibt weiterhin der Unfall eines Passagierflugzeuges. Jedoch sehen wir auch neue Risiken, wie beispielsweise den Passagiertransport mit Drohnen oder automatisierte Push-Back Prozesse, die den Parkvorgang der Flugzeuge sowie den Rollweg zur Startbahn optimieren. Hier stellen sich hinsichtlich der Haftung ähnliche Fragen, wie sie bereits im Bereich des autonomen Fahrens diskutiert werden.

VWheute: Sie sprechen in Ihrem Vortrag auch über die Frage: “Unterschiedliche Rechtsrahmen – welche Grundlage gilt für welchen Fall?” Definieren Sie dies doch bitte genauer?

Reiner Siebert: Gerne. Folgendes Beispiel: bereits in den Pionierzeiten der Luftfahrt stellte sich die Frage, auf welcher Grundlage Fälle zu bewerten sind, bei denen beispielweise ein in Belgien lebender amerikanischer Staatsangehöriger auf einem Flug mit einer deutschen Airline nach Mexiko verunglückt. Hier sind mehrere Anknüpfungspunkte vorstellbar. Bereits 1929 wurde daher eine erste internationale Haftungsregelung geschaffen; heutzutage gilt das Montrealer Übereinkommen als am weitesten verbreiteter Haftungsstandard.

Somit scheint alles einheitlich geregelt zu sein. Tatsächlich sehen die Abkommen jedoch verschiedene Gerichtsstände vor. Diese können dazu führen, dass Betroffene unter sonst gleichen Bedingungen ihre Schadenersatzansprüche nicht unter dem gleichen Rechtssystem geltend machen können. In dem Beispiel könnte der amerikanische Staatsangehörige seine Ansprüche voraussichtlich nicht in den USA, sondern nur vor belgischen, mexikanischen oder deutschen Gerichten geltend machen. Jedoch könnte ein in den USA lebender belgischer Staatsangehöriger nach US-Recht entschädigt werden.

VWheute: Stichwort Drohnen: Die Zahl der Drohnen am deutschen Himmel ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Was bedeutet dies für die Luftfahrtversicherer in der Praxis und wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf?

Reiner Siebert: Es ist richtig, dass die Anzahl der eingesetzten Drohnen weiterhin steigt. Auch die Abschlüsse bei Drohnen-Haftpflichtversicherungen nehmen aus unserer Sicht weiter zu. Allerdings ist davon auszugehen, dass nicht jede genutzte Drohne aktuell versichert ist. Hier ist noch einiges zu tun. Für die Versicherer besteht derzeit die größte Herausforderung darin, die internen Prozesse soweit zu optimieren, dass die Drohnenpolicen sich aufgrund geringer Margen bei hoher Stückzahl nicht negativ auf das Ertragspotential auswirken.

Den größten Handlungsbedarf sehen wir derzeit bei der Aufklärung der Verbraucher. Zum einen ist der Gesetzgeber (BMVI) gefordert, klare und einheitliche Regelungen vorzugeben. Es gibt zum Beispiel immer noch Unterschiede auf Länderebene oder keine einheitlicher Regelung zum Kenntnisnachweis. Zum anderen müssen die Verbraucher über die unterschiedlichen Absicherungsmöglichkeiten aufgeklärt werden: Die Privathaftpflichtversicherung sichert beispielsweise nur einen kleinen Teil der Drohnenrisiken ab. Spezielle Halter-Haftpflichtversicherungen sind hier zum Beispiel deutlich empfehlenswerter.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Reiner Siebert spricht heute auf dem Euroforum Haftpflicht in Hamburg über Haftungsrisiken im Luftverkehr. (Quelle: Delvag)

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