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Tesch: “Deutschland wird seine Position behaupten”

10.08.2017 – andreas_tesch_atradiusDas Säbelrasseln zwischen den USA und Nordkorea wird jüngst immer lauter. So drohte US-Präsident Donald Trump dem Regime bereits mit “Feuer, Wut und Macht”. Ob Korea, Katar, die Türkei oder die Ukraine – die Liste internationaler Konfliktlinien ist komplex und lang. Atradius-Vorstand Andreas Tesch sprach im Exklusiv-Interview über die Folgen für Deutschland und die Branche.

VWheute: Angesichts der zahlreichen globalen Krisenherde und politischen Umbrüche steht Deutschland trotz der enormen Exportabhängigkeit weiterhin gut da. Woran liegt das? Oder ist die angeblich komplexe Welt mit immer komplexeren Risiken nur aufgebauscht?

Andreas Tesch: Deutschland erwirtschaftet rund ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts mit im Inland produzierten Exportgütern, ein sehr hoher Wert gemessen an der Größe der Volkswirtschaft. Zum Vergleich: Frankreich kommt nur auf einen Exportanteil von rund 20 Prozent. Von internationalen Krisen gehen deshalb durchaus Risiken für das Wachstum der Bundesrepublik aus. Zu nennen sind hier wirtschaftspolitische Spannungen mit den USA, der ungewisse Ausgang der Brexit-Verhandlungen und eine mögliche Abkühlung der Konjunktur in China.

Deutsche Firmen müssen damit rechnen, dass diese Faktoren ihr Geschäft belasten. Gleichzeitig haben deutsche Unternehmen aber auch eine starke Exportbasis aufgrund ihres technologischen Wissens, ihrer Innovationsfähigkeit und ihres Geschäftssinns. Nicht umsonst rangierte Deutschland zuletzt beim Global Competitiveness Index des Weltwirtschaftsforums auf Platz fünf. Bei Atradius rechnen wir vor diesem Hintergrund damit, dass Deutschland auch in der heutigen, komplexeren Wirtschaftswelt seine Position behaupten wird.

VWheute: Auf der globalen Risikolandkarte stechen seit langem einige Antiglobalisierungs- und Protektionismustendenzen hervor. Kann man die weltweit engen Handelsverbindungen überhaupt zurückdrehen? Für jeden Handelspartner, der sich isoliert, findet sich schließlich ein neuer.

Andreas Tesch: Aus unserer Sicht steht auch nach den jüngsten politischen Ereignissen kein genereller Rückgang der internationalen Handelsverbindungen bevor. Dem Ausstieg der USA aus der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) und dem Transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP), der angekündigten Neuverhandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) oder den protektionistischen Maßnahmen infolge der Finanzkrise 2008 stehen mehrere handelsfördernde Entwicklungen weltweit gegenüber.

So wird das jüngst vereinbarte Abkommen zwischen der EU und Japan (Jefta) die Handelsintegration beschleunigen, ebenso das Inkrafttreten des Abkommens für Handelserleichterungen (TFA) der Welthandelsorganisation. Auch die verbliebenen TPP-Partner haben ihre Absicht bekräftigt, den gemeinsamen Handel weiter voranzutreiben. Die Wahlen in Frankreich und den Niederlanden haben zudem gezeigt, dass die antieuropäischen und protektionistischen Tendenzen in der Europäischen Union nicht so stark sind wie zwischenzeitlich befürchtet. Es gibt also auch einen starken Willen für freien Handel rund um den Globus.

Mit plus 1,3 Prozent fiel der weltweite Handel 2016 etwas besser aus als von vielen erwartet – nichtsdestotrotz liegt das Jahr hinter den Ergebnissen von 2015 (plus zwei Prozent) und auch hinter den zuvor erreichten Wachstumsraten von rund fünf Prozent pro Jahr zurück. Aktuell weisen viele Faktoren darauf hin, dass sich der weltweite Handel wieder erholt, zum Beispiel die global gestiegenen Exportaufträge seit Sommer vergangenen Jahres.

Die Daten für die ersten Monate 2017 zeichnen ein ähnliches Bild. Die Talsohle scheint durchschritten. Für 2017 erwarten wir eine Zunahme des internationalen Handels um 3,2 Prozent. Auch im Folgejahr dürfte Entwicklung stabil bleiben, unserer Prognose nach wächst der Welthandel dann um 3,4 Prozent.

VWheute: Welche Folgen hat all das für Kreditversicherer? Boomt Ihr Geschäft, weil immer mehr Policen nachgefragt werden oder leidet das Geschäft, weil tatsächlich immer mehr Firmen pleitegehen?

Andreas Tesch: Die Zahl der weltweiten Insolvenzen wird in diesem Jahr voraussichtlich relativ stabil bleiben. Für 2018 rechnen wir nur mit einem Anstieg von einem Prozent. Allerdings fiel in jüngerer Vergangenheit auf, dass die Zahl größerer Insolvenzen insgesamt gestiegen ist. So gingen 2014 weltweit rund 94 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Mio. Euro pleite, 2015 waren es dann schon 152 (plus 62 Prozent). Vor diesem Hintergrund sind unsere Kreditversicherungskonzepte und -services bei Unternehmen weiterhin sehr gefragt. Unsere Kunden wissen, dass sie mit einem ihren Geschäftsmodellen entsprechendem Forderungsschutz profitabler sind.

Im zurückliegenden Geschäftsjahr haben wir unsere Gesamteinnahmen aus Prämien und Services um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesteigert – auf 1,76 Mrd. Euro. Unsere professionelle Unterstützung bei der Bewertung von Zahlungsrisiken und unser Marktwissen mit Zugang zu Bonitätsinformationen von mehr als 240 Millionen Unternehmen weltweit sorgten dafür, dass unsere Kunden in vielen Fällen gar nicht erst von einem Zahlungsausfall betroffen waren. So ging auch unsere weltweite Bruttoschadensumme 2016 um 2,9 Prozent auf 701,1 Mio. Euro zurück.

VWheute: Nicht selten spielen Kreditversicherer bei der Rettung oder Untergang von Betrieben das Zünglein an der Waage. Angesichts prominenter Firmenpleiten, auch in Deutschland, können Sie nicht mehr wie früher im Hintergrund agieren. Sind Sie sich Ihrer Marktmacht bewusst oder wird diese überschätzt?

Andreas Tesch: Als Kreditversicherer möchten wir unsere Kunden bestmöglich bei ihren Geschäften unterstützen – nicht nur, indem wir auf Risiken hinweisen und sie gegen Zahlungsausfälle absichern, sondern auch, indem wir Handelsbeziehungen aufrechterhalten. Gerät ein Abnehmer in Schieflage, sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, zusammen mit anderen Finanzierern intensiv nach Sanierungsmöglichkeiten zu schauen, so dass er weiterhin Geschäftspartner für unseren Kunden bleiben kann. Generell sind mehrere Parteien in einen solchen Prozess involviert, und wir erarbeiteten mit allen Beteiligten stets individuelle Lösungsmöglichkeiten.

In einer immer internationaleren und immer stärker vernetzten Wirtschaft steigen letztlich auch die Risiken für Forderungsausfälle. Vor diesem Hintergrund ist eine Kreditversicherung gerade in der heutigen Zeit ein wichtiges Instrument, damit Unternehmen profitabel bleiben und auch weiterhin gute Ergebnisse erzielen. Unsere Konzepte helfen nicht nur im konkreten Schadenfall. Sie sind auch ein wirkungsvolles Instrument zur Risikovermeidung sowie zur strategischen Geschäftsplanung. Durch unsere weltweite Präsenz kennen wir die Besonderheiten einzelner Märkte sehr genau.

Mit unserem Wissen um Ausfallrisiken unterstützen wir Unternehmen beispielsweise bei Expansionsentscheidungen, wenn es um die Auswahl von attraktiven Exportdestinationen geht. Einzelne Firmen müssten erhebliche Sach- und Personalaufwendungen vornehmen, um so einen Überblick über Zahlungsausfallwahrscheinlichkeiten zu bekommen. Damit geht der Mehrwert einer Atradius-Kreditversicherung weit über den eigentlichen Deckungsschutz hinaus.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Business- und Managementmagazins Versicherungswirtschaft.

Bild: Andreas Tesch ist seit 2011 Chief Market Officer im Vorstand des niederländischen Kreditversicherers Atradius. (Quelle: Atradius)

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