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Müller: „Der Opferschutz hat Vorrang“

10.07.2017 – joachim_mueller_allianzAllianz-Deutschland-Vorstand Joachim Müller gibt im Interview mit VWheute seine Einschätzung über Schadenszenarien in einer vernetzten Autowelt. Der Chef der deutschen Sachversicherung-Sparte der und des Vertriebs der Allianz sieht das deutsche Versicherungssystem als Vorbild für ein europäisches Haftungsmodell. Für den Schadenfreiheitsrabatt sieht er keine Zukunft.

VWheute: Wird die KFZ-Versicherung durch vollautonom fahrende Automobile überflüssig?

Joachim Müller: Fahrzeuge werden in Zukunft, egal ob sie sich automatisiert, hochautomatisiert oder autonom bewegen, einen passenden Versicherungsschutz benötigen. Ich gehe davon aus, dass unser durchschnittlicher Aufwand für Fahrzeugschäden tendenziell steigen wird. Sensoren, wie zum Beispiel Radarsensoren oder Kamerasysteme, werden die Reparaturen in Einzelfällen deutlich teurer machen. Kurz- und mittelfristig ist denkbar, dass die erhöhten Schadendurchschnitte die sinkenden Schadenhäufigkeiten überkompensieren, sodass die Schadenaufwände insgesamt durchaus steigen könnten. Nicht zu vergessen sind Schäden, die nicht durch die Automatisierung beeinflusst werden.

VWheute: Benötigen wir in Deutschland neue gesetzliche Rahmenbedingungen?

Joachim Müller: Ich sehe keine Notwendigkeit für eine vollständige Reform des Versicherungs- und Haftungssystems. Das deutsche System aus Verschuldens-, Gefährdungs- und Produkthaftung wird dem automatisierten Fahren in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen den passenden rechtlichen Rahmen geben. Für uns ist das Wichtigste der Opferschutz. Gerade die Gefährdungshaftung bildet die ideale rechtliche Basis für eine stufenweise Fahrzeugautomatisierung. Sie garantiert, dass das Verkehrsopfer entschädigt wird – unabhängig davon, ob der Fahrer oder ein Systemfehler den Unfall verursacht. Das ist nicht in allen europäischen Ländern so. Ich bin ein großer Unterstützer des deutschen Versicherungssystems und sehe es als Vorbild für ein europäisches Haftungsmodell.

VWheute: Bestimmt künftig die „Qualität“ des autonom fahrenden Automobils die Höhe der Versicherungsprämie?

Joachim Müller: Verändern werden sich zunehmend die Kriterien, nach denen wir den vom Kunden zu zahlenden Versicherungsbeitrag bestimmen. Hier kommt heute dem subjektiven Risiko des jeweiligen Fahrers und dessen mutmaßlichem Fahrverhalten eine große Bedeutung zu. Ich halte es für denkbar, dass der Schadenfreiheitsrabatt vielleicht sogar ganz verschwindet. Wenn individuelle Fahrfehler des Einzelnen in Zukunft schrittweise an Bedeutung verlieren, ist die sinkende Bedeutung des Schadenfreiheitsrabatts die logische Konsequenz. Die Qualität der verbauten Fahrassistenzsysteme wird künftig das entscheidende Kriterium für Anzahl und Höhe von Verkehrsunfällen sein. Vielleicht sprechen wir deshalb künftig vom „Schadenfreiheitsrabatt der Assistenzsysteme“.

VWheute: Wer soll Ihrer Meinung nach für Unfälle aufgrund von Systemfehlern aufkommen?

Joachim Müller: Es ist für mich kaum denkbar, dass das Verkehrsopfer künftig einem Hersteller das Versagen seines Produktes nachweisen müsste, um seinen Schaden nach einem Unfall ersetzt zu bekommen. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Ihr Parkassistent parkt das Fahrzeug nicht wie gewünscht in der Parklücke, sondern fährt gegen ein anderes Fahrzeug. Könnten Sie dem Fahrzeughersteller beweisen, dass Sie keine Schuld haben? Hochautomatisierte Fahrzeuge können Angriffsziele von Hackern werden. Ebenso steigt das Risiko von Serienfehlern.

Liegt tatsächlich ein Produktfehler vor, kümmern wir uns als Versicherer darum und nehmen die Interessen des Halters wahr. In diesem Fall würden wir Regress beim Hersteller nehmen. Dies halte ich für eine für alle Beteiligten faire Lösung.

 

Das Interview führte VWheute-Korrespondent Sascha Schulz.

Bildquelle: Allianz

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