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Brexit bedroht Versicherungsstandort Gibraltar

08.01.2018 – Markerstudy Group_LogoQatar Re hat die britische Markerstudy Group übernommen – das hat Folgen. Der Erwerb des vornehmlich von Gibraltar agierenden britischen Erstversicherers zeigt, dass Rückversicherer (wieder) in den Erstmarkt streben und betrifft den britischen Automarkt elementar. Der Kauf könnte auch für den Standort Gibraltar gravierende Folgen haben, der vom Brexit bedroht ist.

Ähnlich wie auch andere Rückversicherer wieder die effektive Kontrolle über Erstversicherer anstreben, sei es via Quotenabgaben oder via Aktienbesitz, scheint auch Qatar Re nun eine größere Nähe zum Risiko zu suchen. Das zeigt die Übernahmen der Markerstudy Group, einem eigentlich britischen, aber via mehrere Gibraltar-Gesellschaften zeichnenden Erstversicherer. Die vom qatarischen Erstversicherer beherrschte Qatar Re ist seit einer Redomiciliation im Jahr 2015 in den Bermudas als Class 4 Reinsurer ansässig und wird von S&P und AM Best mit einem „A“ bewertet.

Das übernommen Portfolio hat einen Personal-lines-Prämienumfang in Höhe von rund 900 Mio. Britischer Pfund. Die Einnahmen werden in Großbritannien und daneben auch in Irland und Norwegen erzielt, vornehmlich im Bereich Auto. Qatar Re’s CEO Gunther Saacke scheint einen großen Expansionsschritt weitergekommen zu sein.

Die Transaktion ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam:

  • Qatar Re expandiert weiter international, trotz Blockade durch der durch Zwistigkeiten um die Vormachtstellung auf der arabischen Halbinsel sowie den diversen Nachbarn allzu kritischen Nachrichtensender Al Jazeera Vereinigte Arabische Republik und Saudi-Arabien
  • Es sind fünf Prozent des britischen Auto-Marktes betroffen.

Qatar Re erzielte im Jahr 2016 1,25 Mrd. US-Dollar Bruttoprämie, davon 55 Prozent casualty und motor, aus denen angesichts einer Combined Ratio von 98,5 Prozent ein Gewinn von 38 Mio. US-Dollar erwirtschaftet wurde. Qatar Re ist mit 225 Mio. US-Dollar kapitalisiert, zu denen man wohl noch ein Gesellschafterdarlehen von 221 Mio. US-Dollar rechnen sollte.

Das Objekt des Deals

Das aufgekaufte Unternehmen Markerstudy geht auf das Jahr 2001 zurück. Zu der Gruppe gehören die Markerstudy Limited mit circa 4.000 Angestellten sowie die allesamt in Gibraltar ansässigen und von der Financial Services Commission of Gibraltar reglementieren vier Versicherungsgesellschaften: Markerstudy Insurance Company Limited, Zenith Insurance PLC, St Julians Insurance Company Limited sowie die Ultimate Insurance Company Limited. Im Jahr 2015 hatte Markerstudy das britische Motorgeschäft von Chaucer erworben, welches nun als Zenith firmiert.

Nebenher bietet die ums Automobil diversifizierte Gruppe auch Schadenerledigungsdienste, Mietwagen sowie die Reparatur von Glasschäden und besitzt seit 2016 einen 400 Hektar messenden Freizeitpark. Kürzlich hat sie sich auch noch ein mit Krönchen versehenes “heraldisches” Wappen zugelegt – siehe Bild. Dieses weist gleich drei Wappentiere: grimmiger Adler, listiger Fuchs und Hai oder Delphin sowie das lateinische Motto “fortes fortuna juvat” – den Starken hilft das Glück.

Das Herzstück von Markerstudy ist die Internally Hosted Rating Engine, anscheinend ein automatisiertes Quotierungssystem, welches sowohl vom potentiellen Kunden stammende als auch sonstige Daten verwendet. Unter einer Gruppenpolice werden die versicherten Taxis mit Kameras auf dem Armaturenbrett versehen, was die Beweisführung erleichtert. Übernommen werden auch gerne schwierige Risiken wie Autofahrer mit verkehrsbedingten Vorstrafen.

Die Website des Unternehmens enthält den kompletten Financial Conditions Report der seinerzeit noch drei Gibraltar-Versicherer. Damals wiesen die Versicherer noch eine Eigenkapital-Shortfall von 109 Mio. Britischer Pfund auf, der mittlerweile durch Umwandlung von Fremdmitteln aus der Gruppe von 92 Mio. Britischer Pfund sowie die Zuführung frischen Kapitals in Höhe von 35 Mio. Britischer Pfund mehr als kompensiert wurde.

Im Jahr 2016 hatte der in Gibraltar ansässige Teil der Gruppe 519 Mio. an Bruttoprämie in Großbritannien sowie 36,7 Mio. in Irland und 14,5 Mio. in Norwegen gezeichnet – alle Angaben in Britischen Pfund. Die Hauptsparte ist Motor, daneben wird auch noch Property (9,8 Mio. Britische Pfund), Miscellaneous (46,3 Mio. Britische Pfund, beispielsweise Haustiere und Rechtsschutz) sowie Allgemein-Haftpflicht (94, Mio. Britische Pfund) gezeichnet. Die britische Nettoschadenquote hatte bei 57,8 Prozent gelegen, die Irische bei weniger beeindruckenden 91,1 Prozent und die norwegische bei 100,8 Prozent. Ganze 86 Prozent der Bruttozeichnungen wurden an Rückversicherer weitergereicht, Markerstudy funktionierte also schon fast wie ein bloßer Managing General Agent.

Auf der Investmentseite scheinen, eher unkonventionell, besicherte Kredite zu überwiegen, im Wesentlichen 51,1 Mio. Britischer Pfund an Hypotheken auf von anderen Gruppengesellschaften gehaltenen Gebäuden.

Gründer, Group CEO und vermutlich auch wesentlicher Aktionär ist der 1965 geborene Kevin Spencer. Er ist ein gelernter Versicherungsvermittler, der anscheinend über eine besondere Affinität zu IT-gesteuerten Underwriting-Systemen verfügt. Es könnte sein, dass Spencer nicht ganz freiwillig verkauft: Eigenkapitalknappheit und aufgrund der Ogden-Table-Änderungen steigende Rückversicherungspreise könnten ihn dazu gezwungen haben.

Keine irischen und norwegischen Risiken mehr

Spencer hatte vor dem Brexit-Referendum in einer E-Mail alle Angestellten der Gruppe davor gewarnt, für ein britisches Ausscheren aus der EU zu votieren. Der Brexit verschärft die alte Konfrontation zwischen dem spanischen Staat und der als Dorn im Serrano-Schinken empfundenen Kronkolonie. Spanien droht den Flughafen zu sperren und die EU wird Gibraltar ohne spanische Zustimmung keine Brexit-Übergangsperiode einräumen, selbst wenn eine solche für Großbritannien selber verhandelt wird. Ob Gibraltar in einigen Jahren noch ein akzeptabler Assekuranzstandort sein wird, muss sich noch weisen. Im März 2018 dürften sich von dort auf jeden Fall keine irischen und norwegischen Risiken mehr übernehmen lassen.

Die Relevanz des steuerliche Standortvorteil von Gibraltar (zehn Prozent Körperschaftssteuer) dürfte allerdings schwinden: Der britische Körperschaftssteuersatz beträgt derzeit noch 19 Prozent, sinkt aber ab April 2018 um ein Prozent. Im Gespräch ist gar eine weitere Reduzierung auf 15 Prozent, wovon sich die britische Regierung eine Kompensation des “Brexit-Ungewissheits-Effekts” bei Standortentscheidungen verspricht.

Hinzu kommt dass eine bermudianisch verwurzelte Gruppe wie Qatar Re ohnehin den Großteil ihrer Gewinne auf die steuerfreien Bermudas verlagern kann. (vwh/cpt)

Bild: Logo der Markerstudy Group

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