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Automobilbranche mit unwägbaren Risiken für Versicherer

11.09.2017 – Volkswagen CC - quelle VolkswagenDieselgate bei Volkswagen und kein Ende: Die Feinstaubaffäre um den Wolfsburger Automobilkonzern geht mal wieder in eine neue Runde. Laut einem Wiwo-Bericht soll VW die Aktion zum Abgasskandal voreilig zu den Akten gelegt zu haben. Besonders brisant dabei: Das Verkehrsministerium soll davon gewusst haben. Nun prüft die Staatsanwaltschaft den Anfangsverdacht der Marktmanipulationen.

Wie das Blatt unter Berufung auf vertrauliche Unterlagen berichtet, soll der Automobilkonzern nur bei einem Bruchteil der Autos neu gemessen haben könnte. “Hinsichtlich des Zeithorizontes gibt VW zu bedenken, dass ein Abschluss der Messungen für das Modelljahr 2016 noch im Dezember 2015 möglicherweise aus Kapazitätsgründen nicht zu erreichen ist”, zitiert das Blatt aus den Unterlagen.

Zudem soll der Konzern am 1. Dezember 2015 gegenüber dem Kraftfahrtbundesamt mitgeteilt haben, dass rund 80 Prozent der fraglichen VW-Modelle als kritisch eingestuft wurden. Zwei Tage später hieß es hingegen, dass lediglich neun Modellvarianten statt zuvor weit über 100 auffällig gewesen seien. Während das Bundesverkehrsministerium die Vorwürfe auf Nachfrage der Wiwo zurückwies, wollte Volkswagen hingegen keinen Kommentar abgeben.

Unwägbare Auswirkungen für die Versicherer

Die Folgen für die Automobilindustrie und die Versicherer sind derzeit jedenfalls noch gar nicht abschätzbar. So nimmt das Schadenpotenzial entlang der Lieferkette fortwährend zu – auch, weil die Branche immer globaler agiert und sich die Supply Chains über den gesamten Globus erstrecken. Kommt es an einem Ende der Lieferkette zu einem Produktionsstopp, hat das heutzutage noch größere Auswirkungen als in der Vergangenheit.

“Viele Hersteller setzen zunehmend auf hochgradig spezialisierte Einzelzulieferer – oft bleibt ihnen aufgrund des Preiskampfs keine Wahl, als alternativlos auf einen bestimmtem Zulieferer für ein spezielles Produktionsteil zu setzen”, erklärt Nigel Todd, Operations Vice President und Client Service Manager bei FM Global.

“Fällt dieser Zulieferer aus, macht sich das bei Just-In-Time-Lieferungen sofort bemerkbar”. Und das Potenzial solcher Szenarien nimmt zu. Verschärft wird es durch Cyberrisiken wie beispielsweise Datenverluste, böswillige Einflussnahme auf die IT-Infrastruktur oder Betriebsabläufe in Zeiten von Industrie 4.0.

Häufig vergessen wird in der Debatte allerdings, wie die Lieferantenkette in der Automobilindustrie strukturiert ist: Ein Autohersteller gibt zwar die Qualität der Teile und die Lieferbedingungen vor, stellt durchschnittlich aber nur rund ein Viertel eines Autos selbst her. Insbesondere Systemzulieferer agieren auch als Entwicklungspartner und
tragen deshalb ihren Haftungsanteil selbst.

Ein Beispiel: Ende Mai dieses Jahres hat etwa Bosch aufgrund von Lieferproblemen bei einem Bauteil für BMW massive Produktionsausfälle verursacht – mit weitreichenden Folgen. In München, Leipzig und im Werk Tiexi im chinesischen Shenyang war die Fertigung stark eingeschränkt. In Rosslyn in Südafrika mussten geplante Wartungsarbeiten vorgezogen worden. Alleine dieser Fall zeigt, wie abhängig Autokonzerne und Zulieferer heutzutage voneinander sind.

Wie eine Rückruf- und Nachrüstaktion auch einen sehr großen Zulieferer in die Knie zwingen kann, zeigen Verbindlichkeiten von Takata in Höhe 8,1 Mrd. Euro – ein Betrag, der aus Kostengründen nicht versicherbar gewesen wäre.

Einst für Mercedes Benz unter dem Namen Petri der Entwickler des ersten Airbags, gilt Takata seit Juni 2017 als eine der größten Insolvenzen der japanischen Wirtschaftsgeschichte. Nach Fehlauslösungen in Airbags und Todesfällen musste das Unternehmen über 70 Millionen Airbags austauschen – die Zahl könnte auf 120 Millionen steigen. Takata wurde kürzlich für 1,4 Mrd. Euro von Joyson gekauft.

Schäden durch Rückrufaktionen sind kaum abschätzbar

Wie groß der Schaden ist, der in Deutschland regelmäßig durch Rückrufaktionen entsteht, kann niemand so richtig beziffern. 2016 sollen laut ADAC in Deutschland mindestens 1,3 Millionen Fahrzeuge zurück gerufen worden sein mit einem Durchschnittsalter von 1,82 Jahren. Das Kraftfahrbundesamt selbst spricht von 326 Rückrufaktionen mit 1,65 Millionen Haltern in 2015 – fünf Jahre zuvor waren es noch 185 Rückrufaktionen mit 1,2 Millionen Haltern.

Das größte potenzielle Risiko indes ist nach wie vor Feuer, das zu einem Großschadenszenario führen kann. Ein daraus resultierender Betriebsausfall kann sowohl finanzielle Verluste als auch Imageschäden bedeuten. Sind Zulieferer von Schäden durch Feuer oder Naturgefahren betroffen, kann das genauso weitreichende Konsequenzen haben. Die Lieferkette ist die größte Herausforderung, sie gilt es aufrechtzuerhalten. (vwh/td/Sascha Schulz)

Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Business- und Managementmagazins Versicherungswirtschaft.

Bildquelle: Volkwagen

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