Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

Fehler, für die niemand haftet

11.08.2015 – Loveparade_dpaWenn keine Einzelperson Schuld hat, wird der Prozess zu einer Schlacht der Gutachter. Regelmäßig scheitert die Justiz an der Aufarbeitung von Großunglücken. Die Süddeutsche Zeitung beleuchtet, woran das liegt.

Die Verantwortung für die Havarie der Costa Concordia lag eindeutig beim Kapitän, der zu 16 Jahren verurteilt wurde. Allerdings ist die Zuordnung von Verantwortung bei den meisten Großunglücken nicht einfach. Kompliziert wird es, wenn sich Fehler an Fehler reiht: Wegen eines gebrochenen Radreifens entgleist 1998 ein ICE in Eschede, 101 Menschen sterben – der Prozess gegen drei Ingenieure wird 2003 gegen Geldbußen von je 10.000 Euro eingestellt. Der neue Radreifen sei zu wenig getestet und unzureichend gewartet worden.

In Bad Reichenhall sterben fünfzehn Menschen beim Einsturz einer Eishalle im Januar 2006. Das Hallendach war bereits beim Bau falsch konstruiert, spätere Hinweise auf Baumängel ignorierte die Stadt, deren Verantwortliche aber nie verurteilt wurden. Der Statiker erhielt eine Bewährungsstrafe wegen Berechnungsfehlern beim Bau, Freispruch für einen Gutachter, der die Halle drei Jahre zuvor geprüft hatte.

Die Katastrophe bei der Loveparade ist ebenfalls noch nicht aufgearbeitet. Angeklagt sind nur subalterne Mitarbeiter, sechs von der Stadt, vier vom Veranstalter. Aber keiner, der eine verantwortliche Position für die Organisation der Veranstaltung innehatte, bei der 21 Menschen ums Leben kamen.

Wie kann es sein, dass Fehler passieren, für die niemand geradestehen muss? Weil der Fehler irgendwo im System liegt und dort gut verborgen bleibt. Die Veranstaltung einer Loveparade, der Bau einer Halle, der Betrieb eines Schnellzugs – alles hochgradig arbeitsteilige Angelegenheiten. (vwh/dg)

Die Anklage lautete in all diesen Fällen auf fahrlässige Tötung. Bei solchen Vergehen sind es mitunter nur kleine Nachlässigkeiten, die gravierende Konsequenzen haben – die Schuld ist klein, das Unglück unermesslich. Ein Grundproblem solcher Prozesse liegt in der Struktur des Strafrechts. Bestraft werden Menschen wegen ihrer individuellen Schuld. Das Versagen von Organisationen – Behörden oder Unternehmen – ist schwerer greifbar.

Link: Machtlos vor der Fehlerkette

Bild: Gedenken an die Opfer der Loveparade bei der “Nacht der 1.000 Lichter” (Quelle: dpa)

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten