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Wirtschaftsethik: “Der Graubereich wird schnell einmal schwarz”

20.04.2017 – Heiszner_Stefan_EYIst das Hingabe an das Unternehmen oder einfach nur falsch: Fast jeder vierte Manager hierzulande ist zu unethischem Verhalten bereit, zeigt eine Studie von EY. “Eine fallende Ethik kann ich nicht erkennen”, hält Stefan Heißner, Partner bei Ernst & Young (EY) und Studienleiter, einer Pauschalverurteilung entgegen. Wegen der besseren Regulierung käme heute mehr an die Öffentlichkeit. Als Experte kann er erklären, wie große Betrugsfälle entstehen.

Das Thema Ethik und Moral beschäftigt die Finanz- und Versicherungsbranche derzeit stark. Viele sind der Meinung, in der heutigen Wirtschaftswelt sei ein Testen, Biegen und Brechen der Regeln erfolgsnotwendig. Das scheint ein zweites Ergebnis der Studie zu belegen: 43 Prozent des unteren und mittleren Managements in Deutschland halten korrupte Methoden für weit verbreitet. Das überrascht, hatte sich Deutschland doch zuletzt bei der Korruptionsbekämpfung stark verbessert gezeigt, wie auch die NGO Transparency International bestätigt. Zu allem Überfluss, scheinen die Deutschen auch in stärkerem Maße zu unethischem Verhalten breit zu sein als andere Nationalitäten – 23 Prozent würden zum eigenen Vorteil täuschen und lügen, weltweit sind es 21 Prozent und in Westeuropa 14 Prozent.

Knallharte Fakten, die auch den Experten nicht ungerührt lassen: “Das Ergebnis hat mich überrascht. Ich habe mir das mit den aufgedeckten Betrugsfällen erklärt, die in der letzten Zeit in den Medien thematisiert wurden. Die Manager im mittleren und unteren Management gewinnen vielleicht den Eindruck, die Wirtschaftsbosse nehmen es mit der Ethik und Moral nicht so genau, warum soll ich das eigentlich tun.”

Aufsichtsbehörden als gemeinsamer Feind, sonst jeder gegen jeden

Jeder Zehnte wäre laut der Umfrage zu Falschaussagen gegenüber Aufsichtsbehörden bereit. Mit Loyalität zum Unternehmen hat das aber wenig zu tun, denn genau so viele würden Vorgesetzte belügen, wenn es Eigennutzen brächte. Heißner: “Die Parameter, von denen die Entscheidung eines Einzelnen abhängt, sind vielschichtig. So kann ein Mitarbeiter bereit sein, das Unternehmen gegenüber einem Regulator zu schützen, auch in Absprache mit dem eigenen Management, kann aber gleichzeitig bei Aspekten, die die eigene Karriere betreffen, gegenüber demselben Management kaltsinnig und egozentrisch handeln.”

Die ungeschriebenen Gesetze und warum es Betrug gibt

“Es gibt in Unternehmen Spielregeln, die nicht schriftlich festgehalten werden, aber toleriert werden, auch wenn sie strafrechtlich relevant sind. Gerade wenn es darum geht, finanzielle Ziele zu erreichen, beispielsweise beim Jahresabschluss”, erläutert Heißner. Besonders die Manager im mittleren Unternehmensbereich sieht er in einer schwierigen Lage: „Oft handelt ein Manager in einem Bereich zwischen juristisch einwandfreiem Vorgehen und dem gebilligten Handeln, das in den Unternehmen oft vorgelebt wird.”

Genau aus diesem Zwiespalt resultieren laut Heißner dann die Katastrophen, die in der Zeitung nachgelesen werden können: “Viele große Schadensfälle entstehen aus Situationen, in denen ein nicht einwandfreies Handeln des Einzelnen aus Firmeninteresse heraus über einen gewissen Zeitraum geduldet wurde.” In einem solchen Fall könne eine Situation zügig eskalieren. “Es ist ein großer Graubereich, der von den Vorgesetzten oft toleriert oder sogar gewünscht wird. Dann wird der Graubereich schnell einmal schwarz.”

Täter als Opfer

Das Bild des gierigen Raffzahn-Managers greift aus der Sicht des Umfrageexpertens deutlich zu kurz: “In den wenigsten Fällen haben wir es mit richtigen Kriminellen zu tun. Oft rutschen Menschen wegen unklarer Rahmenbedingungen in diese Fälle. Die versuchen dann oft, auf den richtigen Weg zurückzukommen, schaffen es aber nicht mehr, weil sie schon zu tief verstrickt sind und die Dinge immer größer werden. Dann werden sie schlicht überrollt.”

Der Einzelne als Opfer der Versuchung und unklarer Rahmenbedingungen oder ein eiskalt kalkulierender unethischer Egomane. Am Ende kann die Frage nach Moral nur jeder jeden Tag für sich selbst beantworten. (vwh/mv)

Bild: Dr. Stefan Heißner (Quelle: EY)

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