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Weiler: “Nur wir können langfristige Altersvorsorge”

05.03.2018 – wolfgang_weiler_gdvSeit Herbst letzten Jahres ist Wolfgang Weiler Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherer (GDV). Im Exklusiv-Interview mit VWheute nimmt er Stellung zu aktuellen Themen der Branche. Er spricht auch über das Verhältnis zu den Verbraucherschützern. Weiler fordert ein Ende der Niedrigzinspolitik durch die EZB und unterstreicht die Bedeutung von Verbraucherschutz.

VWheute: Wo setzen Sie als GDV-Präsident Ihre Schwerpunkte?

Wolfgang Weiler: Zunächst repräsentiere ich die Versicherungsbranche nach außen bzw. im öffentlichen Raum. Dazu gehören wichtige Themen, die für die gesamte Branche von Bedeutung sind, wie die Regulatorik und deren Umfeld. Hier würde ein wenig mehr Ruhe in der Entwicklung uns allen nutzen. Ebenfalls ein Dauerbrenner: die Niedrigzinsen. Wir müssen und werden uns dabei immer wieder zu Wort melden: Unsere Sparer bezahlen die Vermögensumverteilung von Nord nach Süd in Europa. Womit wir beim Thema Verbraucherschutz wären. Die Verbraucherpolitik braucht immer wieder unsere Aufmerksamkeit.

VWheute: Sie waren acht Jahre erfolgreicher Vorstandschef der Huk-Coburg-Gruppe. Wie bewerten Sie persönlich Ihr neues Amt als Präsident?

Wolfgang Weiler: Das Amt als Präsident bewerte ich als einen weiteren, überaus interessanten Schritt in meinem beruflichen Leben nach Beendigung meiner Aufgabe bei der Huk-Coburg-Gruppe. Ich finde es ganz spannend, jetzt mit neuen Themen, Herausforderungen und Erkenntnissen unterwegs sein zu können.

VWheute: Früher hieß es in der Werbung der Lebensversicherung „Profitieren Sie von den Kapitalmärkten“. Was sollte heute formuliert werden?

Wolfgang Weiler: Die Lebensversicherung hat zunächst einmal eine sehr wichtige Aufgabe in der Risikoabsicherung und der Abdeckung des finanziellen Risikos bei Berufsunfähigkeit. Das macht schon immer einen Großteil des Geschäfts und des Beratungsaufwands aus. Diese unglaublich bedeutende Aufgabe geht in der Debatte um die Altersvorsorge leider manchmal etwas unter. Wenngleich der Kern unserer Produkte natürlich die langfristige Altersvorsorge und damit verbunden lebenslange Rentenleistung  ist. Das können nur wir, und diese Kernkompetenz betonen wir immer wieder gerne.

VWheute:  Die Zinszusatzreserve (ZZR) entwickelt sich zu einem gefährlichen Ballast für die Lebensversicherer. Was erwarten Sie hier von einer neuen Bundesregierung?

Um es klar zu sagen: Das Instrument der Zinszusatzreserve ist seinerzeit nach Vorschlägen aus der Branche entstanden. Das wird immer wieder gern vergessen. Ich halte es für ein ausgesprochen wichtiges bilanzielles Instrument vor dem Hintergrund des lang anhaltenden Niedrigzinsumfeldes. Nun hat sich alles aber doch noch schwieriger entwickelt als prognostiziert. Eine Überprüfung und Anpassung nach nunmehr sieben Jahren ist in meinen Augen angemessen. Unsere bereits abgestimmten konstruktiven Verbesserungsvorschläge werden für eine stärkere zeitliche Angleichung des ZZR-Aufbaus mit den Solvenz-Regeln sorgen. Gleichzeitig wird damit ein gutes Sicherheits-Niveau für die Unternehmen geschaffen. Ganz wichtig: Die ZZR kommt zu 100 Prozent unseren Kunden zugute.

VWheute: Sie waren Vorsitzender des Kapitalanlagenausschusses des GDV und fordern von der Europäischen Zentralbank schon seit längerem eine Änderung der Niedrigzinspolitik, weil dadurch gerade kleine Sparer und Lebensversicherte geschädigt werden. Wie lautet Ihr Appell heute?

Gerade jetzt geht der dringende Appell an die EZB, den Einstieg zum Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik einzuleiten und das konsequent vorzubereiten. Ich erwarte hier eine klarere Kommunikation seitens der Zentralbank. Wir haben inzwischen in Europa ein hervorragendes konjunkturelles Umfeld. Frühere Problem-Länder wie Spanien sind mit deutlichen Wachstumsraten aus dem Tal herausgekommen und können fast schon als Konjunktur-Lokomotiven bezeichnet werden. Grundsätzlich ist die seit einiger Zeit zu beobachtende Tendenz zu steigenden Kapitalmarktzinsen in Europa und den USA zu begrüßen. Allerdings gilt das nur, wenn die Anpassung auf den Bondmärkten in geordneter Form erfolgt. Ein scharfer Zinsanstieg in kurzer Zeit wäre Gift für Konjunktur und Finanzmärkte.

VWheute: Sie kennen den Kfz-Markt wie kaum ein anderer. Wird es die Kfz-Versicherung klassischer Prägung in wenigen Jahren überhaupt noch geben, wie Experten weissagen wollen?

Natürlich wird es die Kfz-Versicherung klassischer Prägung in wenigen Jahren noch geben. Allerdings werden technologische oder rechtliche Entwicklungen deutlich Einfluss auf die Kfz-Versicherung nehmen – wie sie es übrigens schon immer getan haben. Bereits über die vergangenen Jahrzehnte haben starke Individualisierung und viele Tarifierungsmerkmale zu einem hohen Wettbewerb geführt. Und der ist gut für die Kunden. Auch künftig wird es Anpassungen an das Spektrum und die Leistungen rund um die Kfz-Versicherung geben, was von manchen Versicherern auch heute schon intensiv betrieben wird. Ganz wichtig dabei ist: Neue Daten bedeuten nicht das Ende der Kollektive – sie werden nur anders zusammengesetzt. Auch mit Big Data bleibt der Einfluss des Zufalls.

VWheute: Die Digitalisierung verändert die Versicherungswelt grundlegend. Wie wird sich das auf die Arbeitsplätze in der Versicherungsbranche auswirken?

Ich sehe in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ziemliche Veränderungen bezüglich der Arbeitsinhalte auf uns zukommen. Seit Jahren nimmt die Zahl der Arbeitsplätze mit einfachen Tätigkeiten ab, weil auf der anderen Seite Technik immer leistungsfähiger wird. Das hat nunmehr einen weiteren Schub durch die Digitalisierung bekommen. Damit steigen aber auch die Anforderungen an Beschäftigte durch komplexere Arbeitsinhalte. Weiterbildung ist ein ganz zentrales Thema. Wir sehen also einerseits Rationalisierung, gleichzeitig entwickeln sich neue Arbeitsfelder, was einen gewissen Kompensationseffekt auslöst. Und Sie dürfen die demografische Entwicklung nicht vergessen. Auch in der Versicherungsbranche gibt es Babyboomer, uns wird in den nächsten Jahren eine Ruhestandwelle erreichen. Diese Arbeitsplätze müssen wir neu besetzen. Die Unternehmen stellen sich schon heute bei Neueinstellungen auf diese Veränderungen ein.

VWheute: …und auf den Vertrieb?

Die Digitalisierung wird auf jeden Fall zu mehr Online-Einsatz im Vertrieb führen. Zugleich  wachsen auch die Chancen für den persönlichen Vertrieb. Ein guter Vermittler ist bereits heute nicht nur persönlich für seine Kunden da, sondern ist breit vernetzt und nutzt die Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien.  Für den Kunden bedeutet das einen Mehrwert durch bessere Erreichbarkeit und höhere Qualifikation der Beratung. Der persönliche Vertrieb bleibt ein wichtiges Rückgrat unserer Branche.

VWheute: Sie kommen aus der Welt der VVaGs. Gewinne kommen also ausschließlich ihren Kunden zugute. Im GDV sind aber auch große Konzern-AGs Mitglied, die zusätzlich ihre Aktionäre bedienen müssen. Wie gelingt Ihnen in der Argumentation hier der Spagat?

Wolfgang Weiler: Wir haben in Deutschland erfreulicherweise eine enorme Breite von kleinen Gesellschaften bis hin zu Weltmarktführern.  Hinzu kommt die einmalige Mischung von Rechtsformen: Aktiengesellschaften, Versicherungsvereine und öffentlich-rechtliche Gesellschaften.  Diese drei starken Säulen mit jeweils einmaligen Spezifika beleben den Wettbewerb. Aber auch ein VVaG überlebt nicht, wenn er kein Geld verdient. Jedes Unternehmen, egal in welcher Rechtsform, braucht den nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg – wobei dessen angestrebte Ausprägung durchaus Unterschiede aufweist.

Das Interview führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.

Bild: Wolfgang Weiler (Quelle: GDV)

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