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Versicherer zwischen Leben und Tod

26.07.2017 – athene_pixelioDie deutsche Lebensversicherung hat schon bessere Tage erlebt. Einst als Lieblingskind des deutschen Sparers neben dem klassischen Sparbuch gehandelt, hat deren Beliebtheit heute merklich gelitten. Besonders hochverzinste Altverträge entwickeln sich zusehends zur Belastung für die Lebensversicherer. Der US-Versicherer Athene will sich dies nun zu Nutze machen und groß auf den deutschen Markt einsteigen.

So gab sich die Deutschland-Chefin des siebtgrößten US-Lebensversicherers jüngst besonders angriffslustig: “Wir wollen mittelfristig zur Nummer eins unter den Spezialplattformen zur Konsolidierung von Lebensversicherungen in Deutschland werden. Dafür streben wir eine Reihe von Transaktionen an – in Deutschland, aber auch im übrigen Europa”, kündigte Ina Kirchhof in einem Interview mit dem Handelsblatt an.

Über die notwendigen Mittel scheint das Unternehmen jedenfalls zu verfügen. Allein 2,2 Mrd. Euro sicherte sich der Versicherer mit Sitz in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden an neuem Kapital. “Unser großer strategischer Vorteil liegt darin, dass wir uns im Gegensatz zu den klassischen Anbietern sehr stark konzentrieren können”, betont die Athene-Chefin. Ein weiterer Pluspunkt in der Eigenwahrnehmung: “Wir brauchen keinen Vertrieb, wir brauchen keine Produktentwicklung, und wir schleppen keine alte IT mit uns herum”, konstatiert Kirchhof.

Dabei will die Deutschland-Chefin von Athene ihren Worten wohl auch Taten folgen lassen: “Der deutsche Markt spielt bei unserer Strategie eine zentrale Rolle. Wir führen bereits erste konkrete Gespräche, darunter auch mit Adressen in Deutschland. Aber angesichts der Komplexität der Verhandlungen ist es schwierig zu sagen, ob wir noch dieses Jahr einen ersten großen Deal darstellen können”.

Strategiewechsel bei Lebensversicherern

Was lange Zeit als Tabu in der Versicherungsbranche galt, scheint angesichts dauerhaft niedriger Zinsen in vielen Chefetagen der Versicherer nun zu einem Umdenken geführt zu haben: Der Run-off von Lebenbeständen, der Abschied von der traditionellen Klassik oder gar das Ende des Neugeschäftes. Jüngstes Beispiel ist der Verkauf der Arag Leben an die Frankfurter Leben-Gruppe. Damit übernimmt der Versicherer am deutschen Finanz-Mekka nach eigenen Angaben etwa 322.000 Lebensversicherungsverträge, Kapitalanlagen in Höhe von 2,8 Mrd. Euro sowie 120 Mitarbeiter. Das Bestandsvolumen der Frankfurter Leben beläuft sich dabei auf nun rund 300 Mio. Euro jährliche Bruttobeiträge und rund fünf Mrd. Euro Kapitalanlagen.

Das Ende der Fahnenstange scheint damit jedoch noch lange nicht erreicht zu sein. Aufgrund der verschärften Eigenkapitalvorschriften durch Solvency II geht die Ratingagentur Fitch davon aus, dass das Run-off-Volumen in Deutschland in den nächsten fünf Jahren von 90 Mrd. auf 150 Mrd. Euro steigen werde. Und auch die Frankfurter Leben scheint noch lange nicht genug zu haben: “In den kommenden fünf Jahren wollen wir Kapitalanlagen von rund 30 bis 40 Mrd. Euro übernehmen”, ließ Firmenchef Bernd Neumann bereits zu Jahresbeginn verlauten.

Bislang hat allerdings nur eine Handvoll Versicherer tatsächlich ernst gemacht und ihre Lebenbestände in den Run-off geschickt. Während Unternehmen wie die Ergo beispielsweise ihre Bestände ohne Neugeschäft lieber selbst abwickelt, verzichtet die Provinzial Rheinland künftig auf den Verkauf klassischer Garantieprodukte. “Es gibt aber keinen Run-Off”, ergänzte Vorstandschef Walter Tesarczyk postwendend auf der Bilanzpressekonferenz Anfang Mai 2017. Denn auch aus dem Neugeschäft fließen weiterhin Garantiebestandteile in den Deckungsstock.

Glaubt man allerdings kursierenden Gerüchten, soll italienische Versicherungskonzern Generali Insidern zufolge die US-Investmentbank Morgan Stanley konkret damit beauftragt haben, einen Verkauf der deutschen Tochter Generali Leben oder andere Optionen zu prüfen. Damit käme der bisher größte Bestand an Lebensversicherungen in Deutschland auf den Markt. Immerhin verfügt die Generali Leben als einer der größten Lebensversicherer verfügt über Beitragseinnahmen von rund 3,1 Mrd. Euro mit einem Bestand von 4,2 Mio. Verträge. Das Portfolio beinhaltet mehr als 41 Mrd. Euro Kapitalanlagen. Die Erträge daraus lagen 2016 bei 1,6 Mrd. Euro.

Der Konzern selbst hat den Gerüchten allerdings widersprochen. So würden diese nicht nur jeglicher Grundlage entbehren. Vielmehr biete das Unternehmen biete auch weiterhin das profitable Kompositgeschäft im Maklervertrieb an. Das Management der Generali Deutschland arbeite zudem intensiv daran, die zukünftige Marktposition des Unternehmens nachhaltig zu stärken.

“Die Einstellung des Neugeschäfts führt bei einem Lebensversicherer – nach anfänglichen Restrukturierungsaufwänden – tatsächlich zu Kostengewinnen. Diese tragen kurz- bis mittelfristig zur Stabilisierung der Finanzlage bei. Später, wenn der Bestand stark geschrumpft ist, kommt es dann aber zu Fixkostenproblemen, welche nicht auftreten, wenn die RunOff-Gesellschaft Teil eines größeren Verbundes ist”, erläuterte Guido Bader, Vorstand der Stuttgarter Versicherungen und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Aktuarsvereinigung, vor wenigen Tagen im Exklusiv-Interview mit VWheute.

Zweitmarkt für Lebenpolicen bleibt attraktiv

Bei den Verbrauchern scheint eine Stornierung der eigenen Lebenpolice jedenfalls auch weiterhin eine mögliche Option zu bleiben. Auch wenn das Stornovolumen von Lebensversicherungen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2015 um 5,3 Prozent gesunken ist, liegen die vorzeitigen Leistungen der Versicherer dennoch mit 12,4 Mrd. Euro auf weiterhin hohem Niveau, teilte Policen Direkt Anfang Juli mit. Zudem betrage die Stornoquote im Bezug auf den Jahresbeitrag des mittleren Bestands wie im Vorjahr 4,3 Prozent. “Das zeigt die Wertschätzung der Kunden angesichts weiter niedriger Zinsen im Kapitalmarkt”, kommentiert Max Ahlers, Gründer und Geschäftsführer von Policen Direkt. Nach Angaben des Bundesverbandes Vermögensanlagen im Zweitmarkt BVZL konnte der Zweitmarkt für Lebensversicherungen konnte sein Ankaufsvolumen im Jahr 2016 deutlich auf 275 Mio. Euro steigern.

Kirchhof selbst gibt sich jedenfalls betont kämpferisch: “Ich glaube, dass das Thema Run-off in Deutschland sein Nischendasein verlieren wird. Mein Eindruck ist, dass praktisch jedes zweite Versicherungsunternehmen in Deutschland derzeit prüft, Altbestände abzugeben”, betont die Athene-Chefin. (vwh/td)

Link: GDV: Die deutsche Lebensversicherung in Zahlen 2016 (PDF)

Bild: Athene, die griechische Göttin der Weisheit und Kampfkunst (Quelle: Sabine Weiße / PIXELIO / www.pixelio.de)

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Weitere Schlaglichter bei VWheute:

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