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“Versicherer verkaufen sich oft schlecht”

09.10.2017 – IMG_4436 ret“Wer sich heute entscheidet, in der Versicherungsbranche zu arbeiten, der begibt sich auf ein Abenteuer”, sagt Sabia Schwarzer. Pünktlich zum Semesterstart an deutschen Hochschulen spricht die Allianz-Pressechefin in einem erstaunlich ehrlichen Interview des Versicherungswirtschaft UNI-SPEZIALS über anspruchsvolle Karrieren, Arbeitgeber-Prestige und einen ungeahnten Branchenspirit.

VW-UNI-SPEZIAL: Frau Schwarzer, vor zwanzig Jahren starteten Sie als Leiterin Unternehmenskommunikation und Marketing für die Region Asien-Pazifik Ihre Karriere bei der Allianz. Mittlerweile führen Sie die globale Kommunikation des Konzerns. Warum haben Sie sich als ausgebildete Journalistin ausgerechnet für die Versicherungswirtschaft entschieden?

Sabia Schwarzer: Eigentlich war das purer Zufall. Ich wollte nach meinem Volontariat im Rundfunk- und TV-Bereich arbeiten. Allerdings bekam ich im Rahmen der Internationalen Journalisten-Programme (IJP) die Gelegenheit, für ein paar Monate in Hongkong bei Radio Television Hongkong (RTHK) zu arbeiten. Der Austausch wurde auch von einigen deutschen Konzernen finanziell unterstützt.

Bei der Auftaktveranstaltung in Berlin saß ich neben dem damaligen Allianz-Kommunikationschef Emilio Galli-Zugaro. Und als meine Zeit in Hongkong um war, wollte ich dringend wieder in die Region zurück. Die Allianz baute gerade ihre Asien-Pazifik-Zentrale in Singapur auf und Emilio erinnerte sich an mich. And the rest is history, wie man im Englischen sagt.

VW-UNI-SPEZIAL: Welche Rolle spielten die Faktoren Image und Prestige bei der Wahl ihres Arbeitgebers?

Sabia Schwarzer: Gar keine. Die Allianz war mir damals kaum bekannt. Zwar war die Marke allgegenwärtig, aber hatte nicht denselben Reiz wie Konsumgüter-Marken. Für mich spielte die Aufgabe und die Kollegen, mit denen ich arbeiten würde, eine viel größere Rolle als alles andere. Zudem war für mich die Internationalität ein großes Plus.

VW-UNI-SPEZIAL: Versicherer gelten bei Studienabsolventen nicht unbedingt als attraktive Arbeitgeber. Warum?

Sabia Schwarzer: Das kann ich absolut nachvollziehen. Es liegt sicher daran, dass die Branche sich oft schlecht verkauft. Welcher Studienabsolvent weiß zum Beispiel, dass die Allianz alle James-Bond-Filme ver­sichert hat? Die Versicherer entscheiden oft über den Drehort (je nach ­Wetterlage). Bei der Entschei­dung, ob und wie ein Kinofilm zustande kommt, sind Versicherer maßgeblich beteiligt. Oder wissen die Absolventen, dass hinter jedem großen Infrastrukturprojekt ein Versicherer steht, der vom Bau bis zum Betrieb einen reibungslosen Ablauf sicherstellt?

Versicherer tragen auch maßgeblich zur Stabilität der Märkte bei, weil sie langfristig investieren. Eigentlich ist es sehr befriedigend, in der Versicherungswirtschaft zu arbeiten, denn wenn Menschen oder Firmen etwas Schlimmes widerfährt, helfen Versicherer wieder auf die Beine. Das alles ist oft nicht bekannt, weil die erste Berührung mit Versicherungen eine Police ist, die man kaum versteht.

VW-UNI-SPEZIAL: Wieso sollten sich kreative Köpfe für eine Karriere bei der Allianz und nicht etwa einem hippen Start-up entscheiden?

Sabia Schwarzer: Weil die Branche vor einem Umbruch steht. Die Möglichkeiten, an der Gestaltung der Zukunft durch die Digitalisierung teilzuhaben, sind sehr groß. Es ist wie ein Start-up in manchen Bereichen, gekoppelt mit sehr disziplinierten Prozessen.

VW-UNI-SPEZIAL: Wie bewerten Sie Aufstiegschancen und hierarchische Strukturen?

Sabia Schwarzer: Ich glaube, klassische Aufstiegschancen werden immer weniger eine Rolle spielen. Kandidaten werden sich die Frage stellen, welchen erkennbaren Wert meine Arbeit im Gesamtkonzern hat. Wozu trage ich bei? Wieviel Verantwortung kann ich übernehmen? Wieviel Gestaltungsfreiheit habe ich? Hierarchien spielen immer weniger eine Rolle. Auch im Unternehmen gibt es informell „friends and followers“, so wie in sozialen Netzwerken. Diese Netzwerke haben heute mehr Einfluss als Hierarchien und Abteilungen.

VW-UNI-SPEZIAL: Wie schwer ist es, sich als Frau in der von Männern dominierten Versicherungswelt durchzusetzen?

Sabia Schwarzer: Das Thema „Durchsetzen“ hat aus meiner Sicht weniger etwas mit dem Geschlecht zu tun als mit der Persönlichkeit, Reife und Erfahrung. Als 26-jährige, relative Berufsanfängerin und einzige Frau im Management in Singapur, war ich sehr unsicher. Ich hatte aber einen Top-Manager, der sich meiner annahm. Er war mein informeller Mentor und hat mich sehr unterstützt. Ich hatte bei der Allianz auch immer männliche Kollegen, die mir zu wachsen geholfen haben.

VW-UNI-SPEZIAL: Als Head of Group Communications tragen Sie dazu bei, die Allianz in der Öffentlichkeit als seriös, zeitgemäß und zukunftssicher darzustellen. Gleichzeitig haben Sie in Ihrer Verantwortung den Blick auf das große Ganze. Wie wichtig ist die richtige Kommunikationsstrategie beim Thema Talent­recruiting?

Sabia Schwarzer: Es geht um Glaubwürdigkeit und Authentizität. Dazu gehört es, keine geschönte Version des Unternehmens zu zeichnen, sondern die Stellung der Allianz in einer Welt voller Unzulänglichkeiten herauszustellen und was sie mithilfe der Kandidaten dazu beitragen könnte, dass die Verhältnisse sich verbessern.

VW-UNI-SPEZIAL: Viele Absolventen stoßen eher zufällig in die Versicherungswirtschaft, sind danach mit ihrem Arbeitgeber aber sehr zufrieden. Wie würden Sie Unentschlossene davon überzeugen, den Schritt in die Branche zu wagen?

Sabia Schwarzer: Wer sich heute entscheidet, in der Versicherungsbranche zu arbeiten, der begibt sich auf ein Abenteuer. Denn die Branche wird in den nächsten Jahren ganz anders aussehen. Wie genau, lässt sich nicht vorhersagen. Wer gestalten möchte, mutig ist und ein Herz für die Bedürfnisse unserer Kunden hat, ist hier richtig.

VW-UNI-SPEZIAL: Wie würden Sie Identität und Mentalität von Versicherern in einem Wort beschreiben?

Sabia Schwarzer: Solide.

VW-UNI-SPEZIAL: Welchen Karriereratschlag würden Sie Bewerbern mit auf den Weg geben wollen?

Sabia Schwarzer: Überlege dir zuerst, was dir im Leben wichtig ist, welche Dinge dich antreiben, nach welchen Werten du dein Leben ausrichten möchtest. Dann überlege, welchem Arbeitgeber du dein Talent und einen großen Teil deiner Zeit zur Verfügung stellen willst.

Die Fragen stellte VW-Redakteur Michael Stanczyk.

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