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“D&O-Versicherer sind sehenden Auges in die Katastrophe geschlittert”

17.04.2018 – michael_hendricks_howdenGroße D&O-Fälle haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – siehe VW oder Bilfinger. Experten zufolge ist Nachfrage nach entsprechenden Policen sprunghaft gestiegen, ebenso wie die Versicherungssummen. Dennoch schreibt die D&O-Branche tiefrote Zahlen. Dabei sind die Probleme durchaus selbst gemacht, glaubt Michael Hendricks im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: In Deutschland haben die großen D&O-Fälle in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen – Stichwort VW oder jüngst Bilfinger. Die Versicherer konstatieren dabei immer mehr Schäden im sechs- bis siebenstelligen Bereich. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Entwicklung?

Michael Hendricks: Der Hauptgrund ist schnell benannt. Wenn es in Unternehmen zu Fehlentscheidungen kommt, hat der Aufsichtsrat die Aufgabe, die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Aufsichtsrat kann häufig gar nicht anders handeln.

Er ist dazu verpflichtet, die Vermögensinteressen der Gesellschaft sorgsam zu betreuen. Tut er das nicht, dann macht er sich selbst schadenersatzpflichtig. Gleichzeitig aber sehen sich Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte immer schärferen gesetzlichen Vorgaben ausgesetzt. Bestes Beispiel hierfür ist die neue Datenschutzgrundverordnung. Sie stellt hohe Anforderungen an die Führungsetagen.

Wer ihnen aber nicht nachkommt, dem drohen drastische Geldbußen, wie wir sie bislang vornehmlich nur im Kartellrecht kannten. Und dann verlangen auch noch die staatlichen Ermittlungsbehörden von den Unternehmen immer häufiger, interne Untersuchungen in eigener Regie durchzuführen, wenn es bei Rechtsverstößen gilt, die Verantwortlichen ausfindig zu machen. Auch das treibt die Kosten in die Höhe.

VWheute: Offiziellen Zahlen des GDV zufolge schreibt die D&O-Branche tiefrote Zahlen, die Schaden-Kostenquote liegt bei 125 Prozent. Haben die D&O-Versicherer hier schlichtweg die Entwicklung verschlafen?

Michael Hendricks: Nein. Die D&O-Versicherer sind sehenden Auges in die Katastrophe geschlittert. Die Ursache dafür, dass sie weitgehende Deckungen zu Spottpreisen anbieten, ist allein dem scharfen Wettbewerb der Versicherer untereinander geschuldet.

Die D&O-Police galt und gilt in der Branche als Türöffner-Produkt, um mit Unternehmen ins Geschäft zu kommen. Und die Versicherer verlassen sich nach wie vor darauf, dass sie ihre Verluste mit der D&O-Police beispielsweise durch Gewinne in der betrieblichen Unfallversicherung ausgleichen können. Bislang hat dieses Prinzip der Quersubventionierung funktioniert.

VWheute: Immer mehr D&O-Versicherer bieten zunehmend Individualpolicen an, um die steigenden Risiken irgendwie in den Griff zu bekommen. Wie schätzen Sie diesen Trend ein?

Michael Hendricks: Die Individualpolicen sind keineswegs die Idee der Versicherer. Vielmehr haben Berater auf Seiten der Kunden – etwa Makler oder Rechtsanwälte – erkannt, dass es für Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte sehr gefährlich ist, wenn die klassische D&O-Police nicht funktioniert.

Versagt die Unternehmenspolice, steigt damit automatisch das persönliche Insolvenzrisiko der verantwortlichen Manager und Unternehmenskontrolleure. Die Individualpolice ermöglicht es ihnen, dieses Risiko auf eigene Rechnung abzusichern. Der Einkauf solcher Versicherungspolicen wird schon kurzfristig einen gewaltigen Schub erleben.

VWheute: Stichwort Ausschlussklauseln: Einem aktuellen Medienbericht zufolge sind selbst vermeintlich beispielsweise banale Dinge wie Fehler im Tagesgeschäft ausgeschlossen. Inwiefern machen solche Policen dann überhaupt noch Sinn?

Michael Hendricks: D&O-Versicherungspolicen mit solchen Ausschlüssen sind Luft in Tüten. Davon sollte dringend abgeraten werden. Bedauerlicherweise ist die Verbreitung solcher Policen immer noch sehr groß. Die Versicherer setzen dabei durchaus auf die Unerfahrenheit der Käuferseite und täuschen eine vermeintliche Sicherheit vor. Aber auch auf dem aktuell sehr weichen Versicherungsmarkt ist der Einkauf nahezu ausschlussloser Policen möglich. Dann wird es lediglich ein paar Prozentpunkte teurer.

VWheute: Wie immer natürlich auch der Blick in die berühmte Glaskugel von VWheute zum Abschluss: Wie schätzen Sie die Entwicklung im D&O-Markt in den nächsten drei bis fünf Jahren ein und wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für den Markt?

Michael Hendricks: Die Versicherungsprämien werden aller Erwartung nach ansteigen. Unternehmen mit Schaden belasteten Policen oder besonderen Risiken werden Deckungsausschlüsse akzeptieren müssen. Das erleben wir schon heute in den Bereichen Korruption, bei Kartellrechtsverstößen sowie bei offensichtlich mangelhaften Compliance-Systemen und natürlich auch bei Unternehmen in wirtschaftlicher Schieflage, bei denen Insolvenzrisiken nur eingeschränkt oder auch gar nicht versichert werden.

Die größte Herausforderung für den Versicherungsmarkt wird es sein, ein für die Kunden nachvollziehbares Preis- Leistungsverhältnis herzustellen. Leere Kassen führen schließlich zu einer wenig kundenfreundlichen Schadenregulierung. Die Aufgabe für die Maklerschaft liegt darin, die Unternehmen ordentlich zu beraten und einen wirklich wirksamen Versicherungsschutz zu konzipieren. Zu den großen Herausforderungen für die Makler gehört es zudem, die betroffenen Manager und Unternehmen professionell zu unterstützen, wenn der D&O-Schadenfall eingetreten ist (siehe MÄRKTE & VERTRIEB).

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Bild: Michael Hendricks (Quelle: Howden)

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