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Versicherer kaufen IT ein, statt selbst zu entwickeln

15.11.2017 – it_cloud_rechenzentrum_foto_deutsche_telekomDie IT-Architektur zu modernisieren ist eine Herkulesaufgabe. VWheute befragte rund 30 große und kleine Assekuranzen, welche Strategie sie verfolgen, welche Projekte besonders im Fokus stehen, welche Automatisierung erreicht wurde und in welcher Geschwindigkeit neue Idee marktreif werden können. Die Momentaufnahme ist sehr facettenreich.

“Der Umbau unserer Altsysteme ist mehr als schwierig”, offenbart ein Pressesprecher eines mittelgroßen Versicherers. So sei die Harmonisierung und die Anbindung an die neuen Welten oft mit hohem Aufwand verbunden. “Wir haben es erlebt, dass im Test alles in Ordnung war, aber im Realbetrieb unsere Systeme abgestürzt sind.” Wie verzweifelt die Assekuranzen sind, zeigt sich daran, dass der westdeutsche Versicherer sogar trotz hoher Sprachbarriere einen Flüchtling aus Afrika einstellen wollte, weil dieser behauptete, Cobol programmieren zu können.

Die Programmiersprache, die Ende der 1950er Jahre entstand, ist immer noch für viele Altsysteme der Versicherer notwendig. In einem Test konnte der Flüchtling seine Fähigkeiten aber nicht unter Beweis stellen. “Wir sind auf Programmierer für Altsysteme angewiesen“, sagt Stephan Fanenbruck, Geschäftsführer der W&W Informatik GmbH aus Ludwigsburg. Daher gebe es bei seinem Unternehmen eine Abteilung in der das Durchschnittsalter der Programmierer 57 Jahre betragen würde.

Digitale Altlandschaft begrenzt Handlungsoptionen

Eine klare Strategie fährt der Experte, wenn es um das Thema Eigen- und Standardentwicklung geht. “Die Eigenentwicklung ist tot. Sie ist viel zu teuer.” Trotzdem schränkt Fanenbruck ein, dass auch der Kauf von Standardentwicklung nicht unproblematisch ist. So hätten Altsysteme vielfach viele Sonderelemente, die früher für den Verkauf programmiert worden wären. “Offene Schnittstellen sind ja etwas Tolles, doch das Problem ist, dass die Spurweite passen muss”, so Fanenbruck. Diese etwas apodiktische Haltung versucht die Hanse Merkur aufzulösen, indem sie zwischen Individualentwicklung und Eigenentwicklung unterscheidet.

Das große Problem der Assekuranzen: Sie wollen sich auch per IT vom Markt unterscheiden. Das wird beim Einsatz von Standardsystem aber immer schwieriger. Eine Lösung präsentiert Horst Karaschewski, Leiter IT bei der Hanse Merkur. “Der Unterschied zwischen Individualentwicklung und Eigenentwicklung ist, dass bei Individualentwicklung durchaus auf etablierte Komponenten zurückgegriffen wird, jedoch gemäß der Unternehmensarchitektur zusammengefügt und erweitert wird.” Viele Versicherer arbeiten ähnlich. Sie wollen weg von der Eigenentwicklung, sind aber aufgrund einer wuchernden Altlandschaft gebunden und müssen sich für Endkunden wettbewerbsmäßig differenzieren.

Zwischen Wollen und Können steht die Notwendigkeit der Praxis. So betont etwa der IT-Spezialist Thomas Sendker von der LVM aus Münster, dass in der Strategieplanung Kauf vor Eigenentwicklung stehe. “Trotzdem überwiegen Eigenentwicklungen im Kerngeschäft. Wir haben noch kein Problem damit”, sagt Sendker. “Überall dort, wo wir markt-, kunden- oder vertriebsspezifische Anwendungen benötigen, wo die Kernkompetenz unserer Versicherungs-IT gefragt ist, setzen wir auf Eigenentwicklungen, um diese Prozesse optimal abbilden zu können, weil nur wir unsere Kunden, Vertriebspartner und Produkte wirklich kennen”, erläutert der Regionalversicherer Provinzial Rheinland seine Strategie.

Eigenenwicklung ist für einige Versicherer zu teuer, für andere kostengünstig

Demgegenüber geht es nach Ansicht des Schwesterunternehmens, der ebenfalls regional aufgestellten Versicherungskammer Bayern (VKB) gar nicht um die “Eigenentwicklung oder Kauf von Anwendungen”, sondern vielmehr um die Geschwindigkeit und Qualität in der Umsetzung. “Um die Vorteile beider Wege zu nutzen, setzen wir auf eine gesunde Mischung aus Standard- und Eigensystemen”, erklärt die VKB. Zeit wird eine immer wichtigere Währung in der IT. So ist es beispielsweise der HDI Versicherung gelungen, ein neues Kraftfahrtsystem in einer Gesamtdurchlaufzeit von unter zwölf Monaten einzuführen. Standardsystem könnten einfach schneller implementiert werden. Auch der Münchener Verein hat sich ganz streng das Prinzip “Buy statt Make” auf die Fahnen geschrieben. “Wir halten die Eigenentwicklung von Software in der Regel weder für kostengünstiger noch effizienter“, stellt Martin Zsohar, Vorstandsmitglied des Münchener Vereins klar.

Im Gegensatz zum überwiegenden Markt setzt der größte deutsche Versicherer, der derzeit 42 Millionen Verträge verwaltet, weiterhin strikt auf Eigenentwicklung. “Die sogenannten Classic-Systeme überführen wir seit einigen Jahren in ein einheitliches, leistungsfähiges System, das Allianz Business System (ABS), das ebenfalls ständig weiterentwickelt wird“, erklärt der Versicherer aus München. Die interne Lösung ABS sei kosteneffizienter als eine externe Lösung. Zudem sei ABS ein Kernstück der Unternehmensarchitektur und bilde die Basis für jedwede erfolgreiche Digitalisierung.

Modern aufgestellt ist auch die Hanse Merkur, die schon längst die Cloudinfrastruktur eingeführt hat. Dabei läuft die Software in Containern. Trotzdem ist die Cloud – um alle Sicherheitsvorschriften einzuhalten – weiterhin
“on premise” also auf Rechnern innerhalb Hanse Merkur installiert. Schon seit 2014 hat der Hamburger Versicherer keinen Mainframe mehr. “Cobol ist praktisch nicht mehr existent. Neuentwicklungen geschehen ausschließlich in Java“, betont IT-Experte Karaschewski. Damit positioniert sich die Hanse Merkur in Sachen Hostsysteme eindeutig: Das gilt auch für die Gothaer Versicherung, die derzeit in einem mehrjährigen Kraftakt aus allen Altsystemen aussteigt. Demgegenüber hält aber beispielsweise die R+V weiterhin an der Mainframe-Technologie fest.

Die Debeka trennt sich derweil von ihren Hostsystemen. “Wir versuchen immer mehr die Fertigungstiefe zu senken”, sagt Karl-Josef Krechel-Mohr, der bei der Debeka die Betriebsorganisation und die Prozessoptimierung inklusive Anwendungsentwicklung leitet. Stolz ist der IT-Experte auf seine IT-Business-Analysten, die als kommunikative Schnittstelle zwischen den Fachbereichen, der Anwendungsentwicklung und dem IT-Betrieb fungieren. “Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal entwickelt.” (usk)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der November-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Bildquelle: Deutsche Telekom

 

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