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Takaful: Versichern ohne Provision, aber mit Allahs Segen

19.01.2018 – Moschee Islam by_Angela Parszyk_pixelio.deMuslime machen ein Viertel der globalen Bevölkerung aus. Entsprechend rasant steigt die Nachfrage nach schariakonformen Versicherungen. Dabei sind Vermittlerprovisionen sowie das Zinsnehmen im Islam verboten. Doch gerade deutsche Anbieter haben mit ihrem mutualistischen Ansatz gute Karten auf dem Takaful-Markt. Wie man dabei Geld verdient, beweist die KT Bank, das erste muslimische Finanzinstitut Deutschlands.

Auf der heutigen Tagung “Re-Thinking Islamic Banking” in Osnabrück wird das zinslose Bankgeschäft unter die Lupe genommen. Auch Versicherer wittern ihre Chance bei den Muslimen in Deutschland. Bald wird es “muslimische Strukturvertriebe geben”, verrät Ibrahim El-Zayat, deutscher Funktionär islamischer Organisationen in Europa, im Interview mit VWheute. (siehe KÖPFE & POSITIONEN) An der Nachfrage kann es nicht liegen, warum es solche Vertriebe es hierzulande nicht gibt.

Denn der Islam wächst weltweit stärker als alle anderen großen Religionen. Das liegt vor allem daran, dass muslimische Frauen im Durchschnitt 3,1 Kinder, wohingegen Frauen anderer Religionen durchschnittlich nur 2,3 Kinder bekommen. Christen stellen derzeit mit 2,3 Milliarden Menschen etwa 31,2 Prozent der Weltbevölkerung, Muslime haben einen Anteil von 24,1 Prozent (1,8 Milliarden). Weltweit operierende Assekuranz-Unternehmen kommen daher nicht umher, sich mit islamkonformen Risikotransfermechanismen zu beschäftigen – den sogenannten “Takaful”-Produkten (übersetzt: “sich gegenseitig unterstützen”). Was macht diese Policen aus?

Allen drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) war während Jahrhunderten das Verbot der Zinsnahme gemein. Das Zinsnehmen (riba) gehört zu den sechs Todsünden im Islam. Das Verbot der Risikoübernahme durch einen Versicherungsunternehmer verstößt gemäß herrschender Interpretation gleich gegen zwei Scharia-Verbote verstößt: Es wird Wucher (riba) betrieben und das noch auf ein künftig ungewisses Ereignis beziehendes Geschäft (gharar). Darunter fallen auch Leerverkäufe und Futures, die dem ebenfalls verbotenen Glücksspiel (maysir, hierunter fallen Lotto, Toto, Roulette etc.) ähneln.

Verboten ist im Islam jedoch nicht der Risikotransfer schlechthin, sondern lediglich die allzu kapitalistische Rolle des Versicherers. Auf mutualistischer Basis aufgebaute Organisationen können durchaus Scharia-konform funktionieren. Dies setzt die Selbst-Organisation durch die Mitglieder voraus und dass die Beiträge in einen gemeinsamen Topf fließen, dass keine Gewinne aus der Risikotragung erfolgen (betrifft auch Vermittler-Provisionen) sowie die Schäden nach klaren Spielregeln verteilt und aus dem gemeinsamen Vermögen bezahlt werden sollten. Ferner soll das allgemeine Ziel sein, mit Beiträgen den in Not geratenen beizustehen.

Hohe Wachstumsraten locken westliche Player

Abgesehen davon, dass Vermittlerprovisionen fließen und Investments auch Zinspapiere enthalten, dürften die meisten westlichen Gegenseitigkeitsvereine weitgehend islamischen Vorstellungen entsprechen. Beispiele wären etwa Gesellschaften wie die deutsche HDI oder britische Protection & Indemnity Clubs, welche Haftpflichtrisiken von Reedern abdecken.

Die Ausprägungen der Takaful-Geschäftsmodelle sind durchaus uneinheitlich und variieren nach Weltregionen. Das liegt an den sehr unterschiedlichen präislamischen Traditionen der meist erst im Lauf der letzten 500 Jahre zum Islam bekehrten Länder sowie der mangelnden zentralen Lenkung im Islam. Mittlerweile existieren weltweit mehr als 77 rein auf Takaful-Basis betriebene Versicherer. Allianz hat kürzlich beim seit 2007 bestehenden saudischen Gemeinschaftsunternehmen Allianz Saudi Fransi Cooperative Insurance Company aufgestockt. Neben reinen Takaful-Gesellschaften gibt es auch traditionelle Versicherer, die separate islamkonforme Produkte anbieten, z.B. in Malaysia die erst 2016 erworbene und dann umbenannte Zurich Insurance & Takaful. In den Golfstaaten stehen den 39 reinen Takaful-Gesellschaften 168 Conventional/Takaful-Zeichner gegenüber.

Gemäß dem Global Takaful Report 2017 von der Aktuarsfirma Milliman hatte die weltweite Gesamtprämie aller Takaful-Gesellschaften im Bereich Nicht-Leben/General Takaful 12,3 Mrd. Dollar (83 Prozent) und im Bereich Leben/Family Takaful 2,6 Mrd. Dollar (17 Prozent) erreicht. Das Wachstum soll 2015 bei 14 Prozent gelegen haben. Mit 9,7 Mrd. Dollar liegt Saudi-Arabien an der Spitze. Die Saudi-Arabien einschließenden Länder des Gulf Cooperation Council bringen es auf 11,5 Mrd. Dollar. Aus Südostasien (2/3 Malaysia, 1/3 Indonesien) entfallen etwa 2,2 Mrd. Dollar, auf ganz Afrika 0,7 Mrd. Dolar und 0,5 Mrd. Dollar an Bruttoprämie auf sonstige Länder.

Angesichts dieser Wachstumspotenziale und der fast fünf Millionen in Deutschland lebenden Muslime verwundert es, dass hierzulande noch keine Takaful-Versicherungsprodukte angeboten werde. Möglicherweise wollen deutsche Erst- und Rückversicherer mit diesen Produkten erst in der arabischen Welt Erfahrungen sammeln – oder auf die erste islamische Bank in Deutschland und in der Eurozone: die KT Bank. Die seit zwei Jahren zugelassene Deutschlandtochter des türkischen Mutterkonzerns Kuveyt Türk Katılım Bankası verdient ihr Geld mit dem sogenannten  Beteiligungskonto. Die Kunden investieren mit diesem in Sachwerte und Unternehmen – und eben nicht in Finanzprodukte. Alle Einlagen fließen in einen Pool, aus dem die Bank investiert. Das Risiko teilt die Bank mit dem Kunden, ebenso die Gewinne.

Dieses Muster ist auch westlichen Versicherern nicht fremd. Gegenseitigkeitsvereine sind insbesondere in Frankreich fast schon marktdominierend und deutsche Lebensversicherer sind in ihren Gewinnmöglichkeiten stark eingeschränkt. Die aufgrund konservativer Kalkulationsgrundlagen fast zwangsläufig entstehenden Gewinne fließen zu 90 Prozent an die Versicherungsnehmer zurück. Auch scheinen in der Assekuranz westlichen Musters zunehmend die als allzu hoch empfundenen Vermittlerhonorare zu einem Stein des Anstoßes zu werden. Der Schritt von diesen bereits mehr mutualistischen als kapitalistischen Ansätzen zu takafulkonformen Gesellschaften ist nicht mehr allzu groß. (cpt/dg)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen Januar-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Bildquelle: Angela Parszyk / PIXELIO / www.pixelio.de

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