Versicherungswirtschaft-heute

            Mobilsite

 

Run-off: “Generali-Gründer würden sich im Grabe umdrehen”

10.07.2018 – gebaeude_muenchen_generaliDer Verkauf der Generali Leben an Viridium hat in den vergangenen Tagen für ein spürbares Erdbeben in der Versicherungsbranche gesorgt – nicht nur medial. Zwar muss die Bafin den Deal offiziell noch genehmigen. In der Branche selbst sorgt die Entscheidung allerdings für geteiltes Echo. Für Maxpool-Chef Oliver Drewes kommt diese Entscheidung gar einer “Bankrott-Erklärung” gleich.

Der Manager verpasst dem Mechanismus Run-off und den Versicherungschefs, die darauf zurückgreifen, in einem Brief an VWheute, eine schallende Ohrfeige. “ES REGT MICH AUF, wie die Versicherungsmanager von heute so ticken. Ohne Verantwortungsbewusstsein gegenüber Kunden oder Mitarbeitern, ohne Ehre und ohne jeden Anstand. Wirklich schlimm. Die Urgründer der Generali-Versicherer würden sich im Grabe umdrehen.”

Der Markt solle nun soviel Lärm machen wie möglich, damit die “Söldnermanager der Versicherungsindustrie” verstünden, dass so etwas nicht geht. “Mir ist klar, dass auch der größte Lärm die sicherlich weit fortgeschrittenen Gespräche zwischen Generali und dem Abwickler nicht mehr bremsen kann. Aber ich habe trotzdem die Hoffnung, dass “viel Lärm” dazu beitragen würde, dass andere Versicherer sich nicht mehr trauen möchten, dem Pfad der Generali zu folgen”, erklärt Drewes.

Kunden, die sich für den Abschluss einer langfristig laufenden Altersversorgung im Hause der Generali oder Volksfürsorge entschieden haben, sind  künftig bei der Viridium Gruppe versichert. “Ihre Altersversorgung ist somit fortan die knallharte Renditeanlage eines ‘Run-Off-Abwicklers’, der sicherlich vor allem sein eigenes Wohl im Blick halten wird und naturgemäß keine leistungsbelebende Konkurrenzfähigkeit mehr braucht. Ob die Kunden damit einverstanden wären, wenn man sie fragen würde? Ich wäre es nicht”, so Drewes weiter.

Besonders kritisch sieht der Chef des Maklerpools auch die Öffentlichkeitsarbeit des Versicherungskonzerns: “Interessant finde ich, wie die Öffentlichkeitsarbeit der Generali zudem verzweifelt versucht, diese schlimme und selbst im politischen Berlin stark umstrittene Bankrotterklärung eines “Run-Offs” tatsächlich als ganz tolle Lösung für alle Beteiligten zu verkaufen. [...] Es sei doch alles super: Die Generali erhält viel ‘frisches Geld’ und kann damit die Solvabilität der Muttergesellschaft in Deutschland um sage und schreibe 43 Prozentpunkte und die der internationalen Generali Group um immerhin 2,6 Prozentpunkte steigern.”

Seine “Empfehlung: “Denkt man dieses Argument weiter, kann man der Generali nur empfehlen, wirklich ALLES zu verkaufen – dann bleibt nämlich noch viel mehr Geld für die Solvabilität und für die Anteilseigner übrig. Wäre das nicht eine noch viel bessere Lösung?”

Es sind jedenfalls klare und deutliche Worte, die aus dem Mund eines Versicherungsmanagers kommen, die in ihrer Schärfe und Tonalität bislang ihresgleichen suchen. Wenig verwunderlich daher, dass in der mittlerweile doch recht aufgeheizten Debatte auch die versöhnlichen Stimmen versuchen, sich im Gewirr der Meinungen und Ansichten Gehör verschaffen wollen.

Gemischte Meinungslage

So kann Michael Klüttgens, Versicherungsexperte der Beratungsgesellschaft Willis Towers Watson, der ganzen Geschichte durchaus noch etwas positives abgewinnen. “Ich finde nicht, dass sich die Verbraucher Sorgen machen müssen. Die Abwickler unterliegen ebenfalls den strengen Regeln der Finanzaufsicht Bafin und müssen zudem die Gewinne zum allergrößten Teil an ihre Kunden weiterreichen. Es mag ein komisches Gefühl auslösen, dass die Policen in den Händen von Finanzinvestoren liegen. Aber ich denke, für viele Kunden ist das eine bessere Lösung, als ein schrumpfender Altbestand, dessen steigende Verwaltungskosten auch von den Kunden mitbezahlt werden würde”, konstatiert er in einem Interview mit dem Handelsblatt.

Allerdings geht der Experte derzeit nicht davon aus, “dass wir jetzt sehr schnell weitere sehr große Deals sehen werden.” Dennoch werde man vor dem Hintergrund der niedrigen Zinsen, des Kostendrucks und den regulatorischen Vorgaben “in den nächsten Jahren weitere Transaktionen sehen, in denen sich einzelne Versicherer von Lebensversicherungsbeständen oder Teilen ihrer Bestände trennen werden. [...] Der Markt ist in Bewegung geraten und der aktuelle Deal dürfte kein Einzelfall bleiben”.

So geht allein die Ratingagentur Fitch davon aus, dass das Run-off-Volumen in Deutschland bis 2022 auf 180 Mrd. Euro steigen wird. Dennoch könnte die Entwicklung auch zu einem Politikum werden. “Das ist kein Signal der Verlässlichkeit, zumal das Lebensversicherungsgeschäft an anderer Stelle im Konzern weiterbetrieben werden soll. Die langfristige Beteiligung an den Überschüssen kann sinken, die Kapitalausstattung auf Gruppenebene schlechter sein, aber auch die Qualität des Services kann leiden”, konstatiert der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick.

Wenig verwunderlich hingegen, dass auch die Verbraucherschützer nicht an Kritik sparen. Während BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein unlängst von einem “Sündenfall der Lebensversicherung” sprach, fürchtet Verdi-Versicherungsexpertin Martina Grundler einen “Dammbruch, der negativ auf die Branche abstrahlen wird”.

Viridium-Vorstandschef Heinz-Peter Roß scheint die aktuelle Debatte jedenfalls Kopfzerbrechen zu bereiten. So sollte der Verkauf von ganzen Lebensversicherungen oder Beständen an Abwicklungsplattformen deutlich sensibler als bisher diskutiert werden. “Wir bewegen uns in einem emotional aufgeladenen Umfeld. Altersvorsorge ist nichts, womit man spielt. Das merkt man in den Diskussionen zu aktuellen Gesetzesvorhaben”, betonte er kürzlich auf einer Fachkonferenz.

Deutlichere Worte zur Tonalität der Run-off-Debatte findet hingegen Munich-Re-Vorstandschef Joachim Wenning vor dem Hintergrund der Run-off-Pläne der Ergo: “Mich erstaunt das Ausmaß der Empörung über mögliche Verkäufe an Run-off-Spezialisten, denn dies ist in der Sache nicht angemessen”. Das vollständige Interview mit dem Konzernchef des Rückversicherers lesen Sie in der August-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Die Generali selbst sieht sich mit ihrer Entscheidung weiterhin auf dem richtigen Weg. “Ich glaube, dass unsere Lösung eine Blaupause für den gesamten Markt werden könnte. Denn das Problem von sinkenden Prämienvolumen und steigenden Verwaltungsgebühren haben viele Versicherer in Deutschland”, betont Deutschland-Chef Giovanni Liverani.

Maxpool-Chef Drewes wird er damit aber wohl nicht mehr überzeugen können: “Versicherungen sind Vertrauenssache und die Risikoträger schultern neben dem versicherten Risiko auch eine Menge Verantwortung dafür, dass die vertraglich gegebenen Zusagen auch dauerhaft und auch in ferner Zukunft eingehalten werden. Verantwortung verpflichtet”, lautet dessen Fazit.

“Der Verkauf der vier Millionen Lebensversicherungskunden an einen ‘Abwickler’ ist nun aber die endgültige Aufgabe des für einen Versicherer erforderlichen Verantwortungsbewusstseins. Rechtlich wahrscheinlich möglich – aber eine ehrenhafte und verantwortungsbewusste Gesellschaft darf nun mal nicht alles tun, nur weil es rechtlich machbar ist. Die Generali tut es offenbar trotzdem und vervollständigt damit den fragwürdigen Gesamteindruck der letzten Jahre” so Drewes.

Die Bafin dürfte die Diskussion – zumindest vordergründig – nicht tangieren: “Durch einen Unternehmensverkauf darf kein Versicherungsnehmer schlechter gestellt werden. Dies stellen wir bei Bedarf durch geeignete Maßnahmen sicher”, betonte Exekutivdirektor Frank Grund. Man wird sehen, ob sich dies am Ende auch in der Entscheidung der Finanzaufsicht wiederfindet. (vwh/td)

Bildquelle: Generali

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten