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Rentendebatte: Warten auf den kollektiven Ruck

17.08.2017 – 351111_web_R_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deDie Rente gehört traditionell zu den beliebtesten Wahlkampfthemen der Politik, wenn es um den Stimmenfang beim Wähler geht. Von Norbert Blüms geflügeltem Satz “Die Rente ist sicher” ist hingegen nicht mehr viel übrig geblieben. Gleichzeitig gehört Altersarmut noch immer zu den drängendsten Problemen. Doch reichen bAV-Reform oder Ansätze wie die “Deutschland-Rente” für einen kollektiven Ruck aus?

Wie eine Langzeitstudie des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson konstatiert, sind die Pensionsverpflichtungen der Dax- sowie der MDax-Konzerne im ersten Halbjahr 2017 um jeweils 4,1 Prozent auf 381 Mrd. bzw. 79,2 Mrd. Euro zurückgegangen. Gleichzeitig sind die Pensionsvermögen der Konzerne weitgehend konstant geblieben.

Demnach lagen die Altersrückstellungen in den Dax-Konzernen bei 251 Mrd. Euro (plus 0,4 Prozent) und bei den MDax-Konzernen bei 44,4 Mrd. Euro (plus 0,3 Prozent). Zudem legte die Ausfinanzierungsgrad laut Willis Towers Watson leicht zu und liegt im Dax nun bei 65,9 Prozent (plus 2,9 Prozentpunkte) sowie bei 56,1 Prozent (plus 2,5 Prozentpunkte) im MDax.

“Für die Finanzverantwortlichen in den Unternehmen sind die aktuellen guten Zahlen kein Grund, sich auszuruhen”, betont Thomas Jasper, Leiter betriebliche Altersversorgung von Willis Towers Watson in Westeuropa. Demnach sollten die Unternehmen bereits “heute schon handeln und prüfen, wie sich die neuen Regelungen auf die bAV auswirken. Das lohnt sich insbesondere bei einer durch Mitarbeiterbeiträge finanzierten bAV.”

Lob und Kritik für bAV-Reform

Dabei findet die Reform der betrieblichen Altersversorgung naturgemäß Freunde wie Feinde. So gilt die neue bAV keineswegs als “Zockerrente” glaubt die Juristin Anne Fischer. Vielmehr habe der Gesetzgeber “zahlreiche Sicherheitsmechanismen vorgesehen. So soll die Möglichkeit der Bildung eines kollektiven Versorgungskapitals Sorge dafür tragen, dass Puffer gebildet werden. Hierzu dienen auch etwaig tarifvertraglich vorgegebene Sicherungsbeiträge des Arbeitgebers”.

Auch für den bAV-Experten und Rechtsanwalt Marco Arteaga überwiegen beim neuen Gesetz zur betrieblichen Altersversorgung die Vorteile. Demnach ist künftig nur die Versorgungszusage verbindlich, nicht aber die Höhe. “Das bedeutet für den Versorgungsträger, dass er endlich die Möglichkeit erhält, sich mit der Kapitalanlage so zu verhalten, wie das jeder vernünftige Asset Manager sowieso gerne tun möchte”, betont Arteaga.

Der Bundesverband pauschaldotierter Unterstützungskassen fürchtet hingegen nicht nur einen tiefgreifenden Umbruch auf dem Markt. “Der Markt und die Möglichkeiten für Vermittler und Makler werden sehr viel enger”, glaubt der Verbandsvorsitzende Manfred Baier. Den Grund sehe er vor allem darin, dass die Hoheit über die bAV künftig hauptsächlich bei den Tarifparteien liegen werde. Gleichzeitig seien versicherungsbasierte Lösungen in Zeiten von Niedrig- oder Nullzinsen dadurch noch unattraktiver geworden.

Was bringt die “Deutschland-Rente”?

Neben der bAV-Reform sorgt derzeit vor allem die sogenannte Deutschland-Rente für Zündstoff. Dabei sorgte vor allem ein Entwurf der schwarz-grünen Landesregierung in Hessen für Furore. Demnach sei Deutschland-Rente als “ein Standardprodukt für jedermann” geplant.

“Sie wird zum Selbstkostenpreis von einem zentralen Rentenfonds verwaltet, damit das Geld, das Bürger für ihre zusätzliche Altersvorsorge beiseite legen, sicher vor überteuerten Angeboten ist. Sie sorgt für Orientierung in einem unübersichtlichen Markt, schafft Vertrauen und hilft vor allem, der Altersarmut vorzubeugen. Der Staat organisiert sie und steht dafür mit seinem guten Namen: Daher nennen wir sie die Deutschland-Rente”, schrieben der grüne hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, Sozialminister Stefan Grüttner und Finanzminister Thomas Schäfer (beide CDU) der Vorstellung der Pläne in einem Gastbeitrag für die FAZ.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte jüngst bereits gewisse Sympathien für die Deutschland-Rente, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer automatisch einzahlen würden und liegt damit ganz auf Kurs der Verbraucherschützer, die sich ebenfalls hinter den Vorschlag der hessischen Landesregierung stellen. “Deshalb ist ja auch Ihre Idee eines Vorsorgeproduktes in der Rente eine gute Idee”, sagte die Kanzlerin auf dem Deutschen Verbrauchertag in Berlin im vergangenen Juni.

Gleichzeitig warnte sie vor möglichen Negativ-Effekten durch eine zentrale Altersvorsorge: “Wir dürfen nicht den Effekt erreichen, dass die Arbeitgeber denke, ach, mit solch einem Produkt entziehen wir uns unserer Pflicht, auch die Betriebssäule zu stärken. Aber Standardprodukte in der privaten Vorsorge zu entwickeln, halte ich für sehr wichtig”.

In der Versicherungsbranche traf der Vorschlag jedenfalls auf geteiltes Echo. “Den Staat selbst quasi als Überkonkurrent in den Markt einzuführen, ist nicht nur wettbewerbsrechtlich, sondern auch ordnungspolitisch verfehlt”, kritisierte GDV-Geschäftsführer Peter Schwark bereits 2015. Demnach sei es keineswegs erwiesen, dass ein staatlich verwalteter Fonds kostengünstiger sein könnte als eine marktwirtschaftliche Lösung. “In der Sache ist das ein konstruktiver Vorschlag, da er private und betriebliche Altersvorsorge verbindet und zu einer sinnvollen Streuung der Vorsorge-Risiken führen würde”, betont dagegen Gert Wagner, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Dennoch scheinen die positiven Reaktionen auf die Deutschland-Rente zu überwiegen, betont der CDU-Politiker Thomas Schäfer gegenüber dem Business- und Managementmagazin Versicherungswirtschaft. “Die Deutschland-Rente bietet hier ein schlüssiges und überzeugendes Gesamtkonzept. Allerdings drängt die Zeit. Bereits ab 2025 wird sich der demografische Wandel auf unser Alterssicherungssystem auswirken. Die nächste Bundesregierung sollte daher schnellstmöglich mit der Umsetzung beginnen. Ich gehe davon aus, dass sich die zukünftige Bundesregierung ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst ist”, erläutert Schäfer. Das vollständige Interview lesen Sie im übrigen in der nächsten September-Ausgabe.

Endlos-Diskussion ums Rentenalter geht weiter

Derweil geht die öffentliche Diskussion um das Rentenalter munter weiter. So forderten die Top-Ökonomen Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), und Michael Hüther, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung (IW), die Politik unlängst auf, auch über eine Rente mit 70 zu reden. Allerdings dürften entsprechende Forderungen bei den Wählern selbst derzeit nicht gut ankommen.

Und auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lehnt entsprechende Forderungen nach einem höheren Renteneintrittsalter kategorisch ab und verweist dabei auf ihren Vater, der Maurer war und mit 73 Jahren gestorben ist. Deshalb werde sie vielmehr sauer, wenn ihr jemand mit der “Rente mit 70″ komme.

Sicher ist jedenfalls nur eines: So, wie viele Wege nach Rom führen, wird es den “einen” Königsweg zur sicheren Rente wohl auch nach dem 24. September 2017 nicht geben. (vwh/td)

Bildquelle: Rainer Sturm / PIXELIO (www.pixelio.de)

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