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PKV: “Radikale Reformen braucht niemand”

23.06.2017 – uwe_laue_saschaschulzAuf der Jahrestagung des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) wird klar, dass das deutsche Gesundheitssystem das beste Europas, vielleicht sogar das Beste der Welt ist. Die Bürger wissen das, die Ärzte sowieso, nur die Politik scheinbar nicht. Der soeben wiedergewählte Verbandspräsident Uwe Laue fordert den Stopp von Phantomdebatten – und verlangt mehr Fokus auf zukunftsweisende Themen.

Die Agenda an diesem Donnerstagvormittag in Berlins Dependance des PKV scheint politisch motiviert. Es fallen Sätze von Präsident Laue wie “Radikalreformen zu Lasten des dualen Systems wären eine Operation am offenen Herzen des Patienten.” Aus Sicht des PKV sei es eine bittere Pille, wenn durch Einheitspolitik und Gleichmacherei in Deutschland tausende Arztpraxen, Zahnärzte und Hebammen aufgeben müssten, Wartezeiten und Beitragssätze steigen würden – die Geschwindigkeit medizinischer Innovationen in den Keller ginge.

Eigentlich gibt es wichtigere Themen

Die privaten Krankenversicherungen kommen aus ruhigem Fahrwasser. 2016 wuchs der Vertragsbestand auf 25,1 Millionen, ein Plus von 1,3 Prozent. Die Zahl der Vollversicherungen stieg stärker als jemals zuvor. Eigentlich müsste dringend über Themen wie “Digitalisierung”, “Demografischer Wandel”, “Flächendeckende Versorgung auf dem Land (Telemedizin)” und die “Nutzung der Potenziale individualisierter Medizin” auf der gesprochen werden. Die bevorstehende Bundestagswahl in Deutschland macht da einen Strich durch die Rechnung. Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen, erläutert auf der Tagung den Grund hierfür: “Soziale Gerechtigkeit ist das einzige Thema, mit dem die SPD Stimmen ziehen kann.“ Und schon ist sie da, die öffentliche Debatte über eine Bürgerversicherung und der Ruf nach Auflösung der Dualität zwischen PKV und GKV.

Deutsche sind zufrieden mit medizinischer Versorgung und Krankenversicherung

Dabei sieht eigentlich alles gut aus: Das Wirtschaftsforschungsinstitut WiFor schätzt, dass der PKV-typische Mehrumsatz aus der Behandlung von Privatpatienten jährlich 13,4 Mrd Euro Brutto-Wertschöpfung erzeugt und rund 300.000 Beschäftigungsverhältnisse von diesem Geld abhängen.

Deutschland nimmt einen Spitzenplatz in Sachen Versorgungsgerechtigkeit ein, wie das Wissenschaftliche Institut des PKV und die OECD untersucht haben: 76% der Patienten erhalten noch am selben oder nächsten Tag einen Termin beim Hausarzt, nur drei Prozent der Befragten müssen länger als zwei Monate warten. Zum Vergleich: In Ländern mit Einheitssystem warten Kranke schon mal vier bis sechs Monate.

Eine aktuelle Allensbach-Umfrage aus dem April 2017 mit 1057 Befragten zeigt zudem: 86 Prozent der gesetzlich Versicherten bewerten das Gesundheitssystem in Deutschland als sehr gut. Rund 90 Porzent der gesetzlich und privat Versicherten sind zufrieden mit ihrer Versicherung.

Beamte sind stärkste Kundengruppe bei PKV

Klaus Dauderstädt, Vorsitzender beamtenbund und tarifunion, vertritt die mit 42 Prozent größte Personengruppe, die privat krankenversichert ist: Aktive Beamte und solche im Ruhestand. Nur zehn Prozent der deutschen Beamten sind gesetzlich versichert. “Die Beamtenschaft fühlt sich von der PKV wohl beschirmt”, so Dauderstädt. Die Abneigung gegen eine im Januar von der BertelsmannStiftung vorgelegte Studie, die die GKV-Versicherungspflicht von Beamten fordert, ist in diesem Saal spürbar, die Studie wird heftig als “unseriös” und “haltlos” kritisiert.

“Wir stehen für ein freiheitliches Gesundheitssystem, klare Absage an fraternalistische Konzepte. Wir glauben an mehr Freiheitsgrade, die durch Wettbewerb ausgelöst werden”, fügte Steffen Kampeter hinzu, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverände. “Wir haben viele Ideen, wie wir mehr Geld ins System bringen. Wir vermissen umfassende Strukturreformen, die die Dynamik der Ausgabenseite dämpfen. Was wir in der nächsten Legislaturperiode brauchen: Sozialpartnerschaftlicher Dialog; es gibt Dinge, die man auch im Konsens mit der anderen Seite optimieren kann.” Es geht ihm heute darum, Schulter an Schulter gemeinsam dafür kämpfen, die Dualität in Deutschland nach vorne zu entwickeln.

Es gibt kein Gerechtigkeitsproblem

Frank Ulrich Montgomery als Präsident der Bundesärztekammer unterstützt diese Position: “Es gibt eher ein gefühltes als ein echtes Gerechtigkeitsproblem. Es gibt Komfort-, aber keine Qualitätsunterschiede in der deutschen Medizin.” Weniger Komfort sei der schlechteren Bezahlung durch die GKV geschuldet. Die neue Gebührenordnung, die der PKV mit Montgomerys Verband ausgebarbeitet hat, steht weitgehend: 5,8 Prozent mehr Honorar, der Rechtsteil ist bereits verabschiedet. Bis zur Finalisierung Anfang nächsten Jahres wird noch an der detaillierten Beschreibung der über 5.000 Krankheitsbilder gefeilt.

Die PKV-Branche strotzt vor Ausdauer: Alle privaten Krankenversicherer liegen gemäß Solvency II deutlich über 100 Prozent und sind damit auch für eine sehr unwahrscheinliche massive Krisenlage gerüstet. Pro Minute nehmen die Altersrückstellungen der PKVs um 24.000 Euro zu, was die Website www.zukunftsuhr.de sehr schön zeigt – wir stehen gerade bei 239 Mrd. Euro. (Sascha Schulz)

Bild: Verbandspräsident Uwe Laue auf der PKV-Jahrestagung 2017. (Quelle: Sascha Schulz)

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