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“Lebensversicherung abzuschließen, lohnt sich nicht mehr”

24.01.2018 – Boxer_FotoliaLebensversicherungen sind des Deutschen liebstes Kind. 89,3 Millionen solcher Policen sind im Markt – im Schnitt also im Schrank von jedem Bundesbürger. Doch die Begeisterung für das Produkt lässt nach. Die jüngste Kritik des ehemaligen Versicherungsmanagers Sven Enger am Gesamtsystem führte zu einer hitzigen Debatte bei Hart aber fair. Das Ergebnis: Viele Nebelkerzen, wenig Substanz.

Die jüngste Wortwahl von Ex-Manager Sven Enger war jedenfalls durchaus heftig wie klar. Von einem “Crash” und einer “massenhaften Kapitalvernichtung” war dabei die Rede. Doch was war das Ziel? “Mir geht es darum, dass die momentane Aufstellung von gesetzlicher Rente sowie privater und betriebliche Altersvorsorge vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der erzielten Rendite nicht mehr funktionieren kann. Wir laufen in eine Katastrophe hinein: die Altersarmut. Darauf wollte ich hinweisen und eine grundsätzliche Diskussion anstoßen”, begründete er vor wenigen Tagen im Exklusiv-Interview mit VWheute.

Allerdings stellt sich vielmehr die Frage: Ist die klassische Lebensversicherung heute noch das richtige Produkt zur Altersvorsorge? Statt klarer Antworten lieferte Börsenexpertin Anja Kohl im Laufe der teils hitzigen Debatte das passende Motiv, welches sich letztlich wie ein roter Leitfaden durch den gesamten Fernsehtalk zog: nämlich ein Sammelsurium von Nebelkerzen. So suchte GDV-Geschäftsführer Peter Schwark die Schuld für die derzeitige Misere der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in die Schuhe zu schieben. Gleichzeitig warf er Enger erneut “unverantwortliche Panikmache” vor.

ARD-Journalistin Kohl hingegen haderte dabei vor allem mit den Garantiezusagen der Lebensversicherer und warf diesen vor, bewusst “Nebelkerzen” zu zünden. Würde die garantierte Verzinsung bei drei Prozent liegen, würde sich die wirkliche Verzinsung lediglich auf ein Prozent berlaufen. “Wenn man dann bedenkt, dass die Inflation bei etwa zwei Prozent liegt, ist das alles ein Minusgeschäft. Das lohnt sich niemals”, bemängelt die ARD-Journalistin. Dennoch warnte sie davor, bestehende Verträge voreilig zu kündigen: “Unterm Strich lohnt es sich heute in der Regel nicht mehr, Lebensversicherungen abzuschließen, aber alte Verträge von vor 2005 rentieren sich durchaus und sollten nicht einfach gekündigt werden”. Ihr Fazit: “Eine neue Lebensversicherung heute abzuschließen lohnt sich nicht mehr”.

CDU-Finanzexperte Ralph Brinkhaus bemängelte vor allem die mangelnde Transparenz des Produktes “Lebensversicherung”. So hätten “zu viele Versicherungen auf falsche Versprechen gesetzt”. Zudem sollten die Versicherer ihren Kunden nicht länger in “kryptischen Jahresmitteilungen, sondern in Briefen, die aufgebaut sind wie die Sendung mit der Maus, erklären, was sie zu erwarten haben”. Ulrich Schneider, Chef des Wohlfahrtsverbandes “Die Paritätische” ging noch einen Schritt weiter: “Wer jetzt noch eine Lebensversicherung abschließt, ist selbst dran schuld. Ich muss 60 Jahre drauf wetten, dass keine Krise eintrifft und das Versicherungsunternehmen immer noch so dasteht, wie zur Zeit des Vertragsabschlusses. Die Nummer ist mir zu windig”.

Der “Faktencheck”

Nach Angaben der Bundesanstalt für Finanzdienstaufsicht (Bafin) lag der Kapitalanlagebestand der Lebensversicherer Ende 2016 bei 885 Mrd. Euro. Allerdings gaben die Finanzaufseher auch zu bedenken, dass die Zahlen nur einen vorläufigen Charakter haben. Stichwort Solvenzkapitalanforderungen: Diese liegen nach Angaben Bafin über alle Sparten hinweg im Durchschnitt bei 330 Prozent. Betrachtet man sich allerdings nur die 84 Lebensversicherer, kommen die Finanzaufseher auf 340 Prozent.

Aber: Bei 30 von 84 Lebensversicherern reichen die im Jahr 2016 erwirtschafteten Erträge aus der Kapitalanlage nicht für die Garantieverpflichtungen. Ebenso könnte die gesetzliche vorgeschriebene Reserve nicht bedient werden. Im Vorjahr war dies bei knapp 20 Versicherern so gewesen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von Policen Direkt. So müssen die Versicherer für die Garantien andere Ertragsquellen anzapfen, beispielsweise Verwaltungskosten und Risikogewinne.

“Unsere Analyse zeigt, dass die Belastung der Lebensversicherer stark zunimmt. Mit Blick auf die Run-Off-Diskussion ist dieses Ergebnis alarmierend für einige Lebensversicherer”, konstatierte Henning Kühl, Chefaktuar von Policen Direkt – auch wenn für die Kunden “aktuell kein Grund” zur Panik bestehe. Allerdings müsse die Bafin dafür sorgen, dass Versicherte auch bei einem Run-offs nicht schlechter als vorher gestellt werden.

Jedenfalls tun sich heute immer mehr Versicherer schwer, die in alten Verträgen getroffenen Zusagen einzuhalten, ohne dabei Verluste zu machen. Eine Folge: Seit 2000 ist die Zahl der Anbieter von damals 119 um fast ein Drittel auf 84 im Jahr 2016 gesunken. So haben unter anderem die Baloise und die Arag ihre Altbestände in den Run-off geschickt.

Während die Generali-Lebensversicherung im ersten Quartal dieses Jahres in den Run-off geschickt werden soll, hatte die Ergo einen Verkauf ihrer Bestände Ende November 2017 wieder abgeblasen. Immerhin: “Ein Run-off ist ein völlig legitimes Konzept. Jedes Unternehmen ist verpflichtet, darüber nachzudenken, unrentable oder zu riskante Geschäftsfelder zu schließen”, glaubt Fred Wagner, Leiter des Instituts für Versicherungslehre an der Universität Leipzig. Allerdings sollte ein Vorstand auch die “Befindlichkeiten der Kunden mit berücksichtigen, bevor ein Verkauf von Beständen angestoßen wird, übrigens auch wieder unter wirtschaftlichen Erwägungen”. (siehe MÄRKTE & VERTRIEB).

Zudem schrauben die Lebensversicherer auch weiter an der laufenden Verzinsung. Während etwa die Hälfte der Lebensversicherer die laufende Verzinsung für das Jahr 2018 auf dem Niveau des Vorjahres hält, haben etwa 30 Anbieter ihre laufenden Zinsen gesenkt. Den größten Abschlag gibt es demnach bei der Generali Lebensversicherung AG mit einem Minus von 0,5 Prozentpunkten auf ein neues Rekordtief von 1,25 Prozent.

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Die höchste Verzinsung bietet derzeit das Presseversorgungswerk mit 3,10 Prozent für den Vorsorgetarif “Perspektive”, gefolgt von der Deutschen Ärzteversicherung mit 3,05 Prozent. Einen Zinssatz von 3,00 Prozent bieten neben der Ideal noch die Targo Lebensversicherung und das Presseversorgungswerk mit seinen Klassiktarifen.

Und die Quintessenz der Debatte? Am Ende herrschte lediglich Einigkeit darüber, dass die gesetzliche Rente die erste Säule der Altersvorsorge darstellt – garniert mit privaten Vorsorgeplänen. Freuen kann sich dabei nur Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm mit seinem Statement: “Die Rente ist sicher”. Offen bleibt hingegen noch immer die Frage, wie diese Sicherheit in Zukunft gestaltet werden kann. (vwh/td)

Bildquelle: Fotolia

Grafikquelle: Statista

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