Versicherungswirtschaft-heute

            Mobilsite

 

“IT-Probleme müssen gelöst werden, alles andere wäre eine Bankrotterklärung”

02.07.2018 – SchildknechtCarsten Schildknecht ist ein Manager der klaren Worte, spricht Probleme offen an. So macht er kein Geheimnis daraus, dass sich die deutsche Zurich-Tochter an manchen Stellen neu erfinden muss. Vor allem, was den ersehnten Kulturwandel angeht, sieht der Vorstandschef viel Luft nach oben. Im Interview spricht er über neue große Schwerpunkte in der Neuausrichtung für den Sommer und die Sanierung veralteter IT-Strukturen.

VWheute: Was bedeutet Digitalisierung für Sie persönlich und Ihr Unternehmen?

Carsten Schildknecht: Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck. Sie ist das Mittel, um unsere Kunden und Vertriebspartner durch smarte, einfache und intuitive Lösungen nachhaltig zufrieden zu stellen und zu begeistern. Es gilt intelligente Lösungen zu schaffen, mit denen Kundenbedürfnisse entweder direkt oder über persönliche Beratung und Services erfüllt werden – wie, wo und wann auch immer unsere Kunden dies wünschen. Gleichzeitig ermöglicht die weitgehende Digitalisierung aller Prozesse, dass wir sowohl im Vertrieb als auch in der Verwaltung die Produktivität signifikant steigern. So kann durch Digitalisierung der alte Zielkonflikt aufgelöst werden: Spitzenwerte bei Kundenzufriedenheit bei gleichzeitiger Bestleistung in der Effizienz.

VWheute: …klingt simpel. Wieso tun sich die Versicherer damit so schwer?

Carsten Schildknecht: … weil die sogenannte „Legacy“ sehr zäh und die Kluft zwischen zentralen Programmen und operativen Einheiten zu groß ist. Und hier machen viele Unternehmen entscheidende Fehler. Es reicht halt nicht, bunte Sneaker zu tragen, einen Chief Digital Officer einzusetzen und ein Digital Lab im Silicon Valley zu gründen. Man braucht sicherlich Einheiten, die sich losgelöst vom Tagesgeschäft mit Innovationen beschäftigen und radikal über neue Wege nachdenken. Diese sollten allerdings auf einige der Megatrends und Digitalisierungsansätze – wie beispielsweise neue Mobilitäts- oder Smart-Home-Konzepte – fokussiert und eng mit dem operativen Geschäft verzahnt werden. So arbeiten beispielsweise unsere Innovationsteams: einerseits wirken sie als Multiplikator für agile Methoden unternehmensweit. Andererseits entwickeln sie als Incubator und Accelerator neue Produkt- oder Serviceideen zu Prototypen, die im Markt getestet und dann zur Serienreife gebracht werden. Am Ende des Tages muss die Digitalisierung das ganze Unternehmen und alle Prozesse erfassen und darf keine Alibiübung sein.

VWheute: Häufig ist von veralteten IT-Strukturen zu hören. Dieses Problem allerdings lässt sich nicht von heute auf morgen lösen. Böse Zungen behaupten, es lasse sich niemals lösen. Wieso ist Schwarzmalerei unangebracht?

Carsten Schildknecht: Das ist ein Problem, das wir nicht aussitzen können. Es muss gelöst werden – alles andere wäre eine Bankrotterklärung. Hier gibt es zwei Strategien. Erstens: Eine Sanierung vom Kern her. Das bedeutet eine grundlegende Erneuerung der Kernsysteme und dann die Digitalisierung der Frontends. Oder zweitens die Anbindung neuer digitaler Frontends an die Legacy Kernsysteme und Überbrückung der Lücken mit Robotic Solutions oder Workarounds. Nach unserer Auffassung führt die zweite Variante zwar zu schnellen Erfolgen. Sie erzeugt aber langfristig einen sehr komplexen Flickenteppich, der schwer zu warten ist, dazu langsam in Anpassungen sowie nicht skalierbar und extrem teuer ist. Wir haben uns deshalb für die nachhaltigere erste Strategie entschieden. Diese haben wir auch bereits zu zwei Dritteln umgesetzt. Aus unserer Perspektive gibt es keinen Grund zur Schwarzmalerei. Wir gehen die Herausforderung beherzt und entschlossen an.

VWheute: Wo bringen Insurtechs Know-how mit, das den Versicherern fehlt?

Carsten Schildknecht: Aus meiner Zeit in der Fintech-Szene hat mich insbesondere beeindruckt, mit welcher Unvoreingenommenheit und Kreativität neue Geschäftsideen generiert und dann rapide unter Nutzung neuster Technologien umgesetzt werden. Dabei stehen oft eigentlich einfache, aber höchst relevante Kundenprobleme oder –bedürfnisse am Anfang der Überlegungen. Beispielsweise die Fragestellung: Welchen Versicherungsschutz habe ich eigentlich? Und wenn ich mir nicht sicher bin: Wieso weiß ich das eigentlich nicht? Diese Fragestellung war der Ausgangspunkt zur Entwicklung digitaler Versicherungsordner, aus denen dann die digitalen Versicherungsmakler wie Knip oder Clark geworden sind. Diese konsequente Ausrichtung darauf Kundenbedürfnisse einfach, bequem und direkt zu lösen, ist eine Stärke der Start-ups. Zudem springen sie auf die modernsten Technologien auf und können so frei vom Ballast jahrzehntealter Systemlandschaften ganze Hardware- oder Software-Generationen überspringen. Das ist ein großer Vorteil.

VWheute: Hand aufs Herz: Wie weit sind die Versicherer wirklich vom so oft geforderten Kulturwandel entfernt?

Carsten Schildknecht: Aus heutiger Perspektive zu weit, aber wir gehen es beherzt an. Der Kulturwandel fängt bei den einzelnen Mitarbeitenden und Führungskräften an. Hier gilt es, nicht zeitgemäße Denkweisen und Verhandlungsmuster aufzubrechen und den Einzelnen zum aktiven Mitgestalten einzuladen und zu befähigen. Wichtig wird es sein, die oft zentral eingeleiteten Bemühungen zum kulturellen Wandel breit in der Organisation zu verankern. Dazu braucht man eine auf Innovation ausgerichtete Strategie, direkte offene Kommunikation, flache Hierarchien, agiles Arbeiten und vieles mehr. Hier setzen wir einen der großen Schwerpunkte in der Neuausrichtung der Zurich Deutschland, die wir im Sommer kommunizieren werden.

Interview: Michael Stanczyk

titelDas komplette Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten