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In Insurtech-Startups investieren – aber bitte richtig

06.06.2017 – Digisurance Berlin 2017_SSCarsten Maschmeyer ist zurück in der Versicherungsbranche. Dies unterstrich der 58-Jährige kürzlich bei einem Digital-Kongress. Mit mehreren seiner Investment-Firmen und gemeinsam mit Partnern widmet er sich künftig verstärkt Insurtech-Startups in Europa und den USA. Dabei möchte er nicht nur Geld, sondern vor allem Know-how und sein Kontaktnetzwerk einbringen.

Erfolgsgeschichten sind in Deutschland auch dringend nötig, viele Versicherungsgesellschaften haben die Digitalisierung verschlafen. Es geht unter anderem darum, wichtige Märkte zu sichern und auf veränderte Kundenerwartungen beim Kauf von Sachversicherungen zu reagieren.

Junges Denken und Geschwindigkeit sind Erfolgsfaktoren

“Dass Versicherungsgesellschaften jetzt investieren, ist richtig”, so Maschmeyer auf der Digisurance 2017. Solche Investments sollten allerdings eher auf C-Level und weniger durch das Risk Management begleitet werden, zügig vonstatten gehen und Gründern größtmögliche Eigenständigkeit lassen. Angst vor Fehlern sei dabei fehl am Platz. “Niemand wird in ein paar Jahren einen Versicherungsvorstand fragen: Warum hast du zehn Millionen in den Sand gesetzt”, so Maschmeyer. Chancen müssten heute erkannt und genutzt werden, um die Marktposition zu sichern. Bei der Auswahl geeigneter Konzepte und Investitions-Kandidaten sei Scouting das A und O. Maschmeyers Team analysiere an die tausend Firmen pro Jahr – dieses Volumen könne kaum eine Versicherungsgesellschaft alleine stemmen. Auch sollten Digitalisierungsinitiativen innerhalb von Konzernen nicht “drei langjährigen 55-jährigen Mitarbeitenden aus der IT überlassen werden” – junges Denken sei gefragt.

Kunden wollen mobile Lösungen und emotionale Produkte

Einige Player liegen dabei gut im Plan. Peter Borchers, CEO der Allianz X, will in den nächsten Jahren mit 480 Mio. Euro für Fortschritt sorgen. E-Commerce sei bei Investments heute kein Schwerpunkt mehr, war auch die einhellige Sichtweise eines Experten-Panels mit Dominik Groenen, dem Chef von Flypper. Viel mehr ginge es um das Angebot von mobiltauglichen Lösungen zur Verbesserung des Kundendialogs und um eine Steigerung der Emotionalität bei Vertrieb und After-Sales. “Ich sehe auch Potenziale im Bereich schnellerer Schadensregulierung, künstlicher Intelligenz und Bots, mobiler Abrechnungsmodelle und Betrugsprävention”, erklärte Maschmeyer. Berater würde es weiterhin geben, und auch traditionell verkaufbare Produkte wie Altersvorsorge. Sachversicherungen hingegen würden überwiegend über digitale Kanäle abgeschlossen und bewirtschaftet.

Gut ist, was innerhalb von einem Monat funktioniert

Ein gutes Beispiel für einen schnellen Abschluss ist eine Applikation der Basler Versicherung: Phillip Marty, Baloise, stellte gemeinsam mit seinen Technologie-Partnern Kasko und Snapsure eine Web-App vor, mit der Kunden in wenigen Minuten eine Uhrenversicherung mit dem Handy abschließen können. Der Kunde fotografiert seine Uhr, das Bild wird automatisiert ausgewertet, die Signatur erfolgt direkt am Smartphone. “Zwischen dem ersten Kontakt mit Nikolaus Sühr von Kasko und dem Go Live dieser Lösung lagen nur drei Wochen”, freut sich Marty. Mit einem schmalen Gesamtbudget von 30.000 Schweizer Franken konnten schon nach kurzer Zeit 15.000 Schweizer Franken Prämienvolumen generiert werden. Die internationale Presse jubelte über diesen Erfolg, die Anwendung soll als White Label-Lösung künftig auch durch Uhrenhersteller mit vermarktet werden. Anstatt monate- oder jahrelang abteilungsübergreifend zu entwickeln, steht der Baloise-Erfolg für einen Trend zu kurzfristig umsetzbaren Projekten mit anschließender Optimierung.

Start-ups begrüßen die sich öffnende Sichtweise der Assekuranz und bieten flexibel einsetzbare API-basierte Lösungen. Michael Streich, Helvetia, lernte vor einem Jahr flexperto kennen. Es dauerte nur knapp vier Wochen, um Versicherungskunden über verschiedene Videomessaging- und Chatsysteme den direkten und zeitlich flexiblen Zugriff auf Berater zu geben und den Informationsfluss mit CRM zu vernetzen. “Das Projekt habe ich intern weitgehend alleine koordiniert, die Zusammenarbeit erforderte sehr wenig IT Support”, freut sich Streich. Seitdem sparen Berater des Schweizer Versicherers durchschnittlich zweieinhalb Tage pro Monat durch die persönliche Videokommunikation mit Kunden ein – die Kunden jubeln, der Vertrieb hat mehr Zeit und besseren Durchblick bei der In- und Outbound Marktbearbeitung.

Für mehr Emotionalität sorgt OptioPay. “Wir zelebrieren die Auszahlung von Schadensregulierungen”, erläuterte COO Oliver Oster. Dabei setzt das Start-up auf bessere Kommunikation und Belohnungsmechanismen. “Aus 400 Euro für eine zerbrochene Brille kann ein Versicherungskunde bei uns einen Gutschein im Wert von 460 Euro bei einem Optiker machen”. Martin Fleischer, Bavaria Direkt, konnte OptioPay schon nach zehn Tagen einsetzen und brachte seine Entscheidung für die Zusammenarbeit mit einem Start-up trefflich auf den Punkt: “Die Versicherungsbranche hat heute eine Fertigungstiefe von 90 Prozent. Wären wir BMW, würden wir die Kühe für unsere Ledersitze selber züchten.”

Startups und Amazon & Co schielen auf Marktanteile

“Neun von zehn Innovationsführern kommen heute aus dem Valley”, unterstrich Maschmeyer in seinem einstündigen Gespräch. “Ich würde mich wehren und das Feld nicht den Kaliforniern überlassen.” Felix Anthonj, CEO des Event-Initiators und Chef von flexperto schätzt: “Die Etablierten stehen vor großen Herausforderungen. Wir wissen nicht, wie Geschäftsmodelle in zehn bis 15 Jahren aussehen. Wir wissen nur, sie sind anders. Neue Unternehmen werden marktbeherrschend sein, wir wissen allerdings nicht, welche.” Vielleicht ist es ja eines der Start-ups, das heute noch in einem kleinen, dunklen Büro im zwei Kilometer entfernten Berlin-Wedding an Lösungen tüftelt? Oder einer der Besucher der Digisurance? Vielleicht wird Maschmeyer ja fündig. (Sascha Schulz)

Bild: Digisurance 2017 (Quelle: Sascha Schulz)

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