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IFRS 17: Mammutprojekt à la Solvency II

19.05.2017 – Vertrag_lfpilz_sxcDas International Accounting Standards Board (IASB) hat gestern den neuen Rechnungslegungsstandard IFRS 17 veröffentlicht. Erstmals soll eine weltweit einheitliche Grundlage für die Bilanzierung von Versicherungsverträgen geschaffen werden. Doch das Projekt wird kritisch beäugt. IFRS 17 sei nicht gerade ein Wunschkind der Branche, heißt es aus Insiderkreisen. Einige vergleichen das Mammutprojekt bereits mit Solvency II.

Die neuen Regulierungsvorschriften sollen ab 1. Januar 2021 in Kraft treten. Allerdings sind sie nur für die Konzernabschlüsse kapitalmarktorientierter Versicherer verpflichtend. Für alle übrigen Abschlüsse, insbesondere für die Einzelabschlüsse, sind unverändert die Vorgaben des Handelsgesetzbuchs anzuwenden, betont der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Mit der neuen Regelung müssen die Versicherer nun erstmals auch ihre Gewinnmargen veröffentlichen. Basis dafür ist nach Angaben des Branchenverbandes das prospektive und auf diskontierten, risikoangepassten Zahlungsströmen basierende Bilanzierungsmodell. Dabei geht der Branchenverband davon aus, dass sich die Änderungen für Verträge in der Schaden- und Unfallsparte zwar eher im Rahmen halten. Für die Bilanzierung von langlaufenden Lebensversicherungsverträgen dürften die neuen Vorgaben laut GDV jedoch signifikante Änderungen mit sich bringen.

“Bei der Beurteilung des neuen Standards ist anzuerkennen, dass das IASB den Portfoliogedanken als Grundlage für die Bilanzierung von Versicherungsverträgen akzeptiert hat. Damit wird dem für die Versicherer zentralen Konzept des Risikoausgleichs im Kollektiv Rechnung getragen”, betont Axel Wehling, Mitglied der GDV-Geschäftsführung.

Auswirkungen hängen von aktueller Bilanzierung ab

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG sieht den neuen Rechnungsstandard grundsätzlich positiv. Wesentliche Auswirkungen des neuen Standards sind nach Ansicht der KPMG-Experten vor allem eine höhere Transparenz bezüglich der Profitabilität, Volatilitäten in Ergebnissen und Eigenkapitalien der Versicherer wegen der Verwendung aktueller Annahmen sowie Notwendigkeit großer Anstrengungen zur Implementierung.

Zudem erlaube die aktuelle Bilanzierung der Versicherungsgeschäfte nach dem bisherigen IFRS 4 keine Vergleichbarkeit der Vermögens- und Ertragslage der Versicherer weltweit untereinander und mit Unternehmen anderer Branchen. “Natürlich kann man die Veröffentlichung des neuen Standards nur begrüßen nach jahrelangen Diskussionen”, betont Frank Ellenbürger, Bereichsvorstand Versicherungen bei der KPMG in Deutschland. “Der neue Standard soll die Vergleichbarkeit und Transparenz der Versicherungsbilanzen erhöhen. Ich hoffe, der Standard kann diese Erwartungen erfüllen. Zunächst stehen die Versicherer aber vor der Herausforderung, die Anforderungen des neuen Standards umzusetzen. Das wird harte Arbeit für alle Beteiligten”, betont der KPMG-Manager.

“Die Auswirkungen hängen davon ab, wie die Unternehmen bislang bilanziert haben – das ist unterschiedlich von Land zu Land und manchmal sogar innerhalb eines Landes”, ergänzt Joachim Kölschbach, IFRS-Experte bei KPMG. “Da ähnlich wie unter Solvency II die Rückstellungen mit aktuellem Zins abgezinst werden, ist zu erwarten, dass die Volatilität in den Ergebnissen und Eigenkapitalien steigt. Dadurch steigt der ohnehin schon durch Solvency II entstandene Druck, Produkte und Kapitalanlageentscheidungen zu hinterfragen.”

Dennoch stelle die Umsetzung auch hohe Anforderungen an die betroffenen Unternehmen, glaubt Kölschbach. “Das betrifft nicht nur das Rechnungswesen und das Aktuariat, sondern auch viele andere Bereiche. Daten, Systeme und Prozesse sind in den nächsten Jahren anzupassen. Damit steht den IFRS-Anwendern unter den Versicherern das nächste Mammutprojekt bevor”, betont der IFRS-Experte (siehe KÖPFE & POSITIONEN).

Dass die Implementierung von IFRS 17 einen erheblichen Umstellungsaufwand in den Versicherungsunternehmen verursachen wird, weiß auch Deloitte-Partner Matthias Zeitler. Diese seien mit Solvency II vergleichbar oder tendenziell sogar noch höher.

DAV sieht zusätzlichen Bedarf für Aktuare

Nach Ansicht der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) verbessere der neue Rechnungslegungsstandard nicht nur die Vergleichbarkeit der Versicherungsunternehmen. Vielmehr erwartet der neue DAV-Vorstandsvorsitzende Roland Weber auch einen zusätzlichen Bedarf an hochqualifizierten Aktuaren sowie eine Ausweitung der bereits heute vielfältigen Betätigungsfelder der rund 5.000 Aktuare in Deutschland.

Demnach führen die neuen Vorschriften laut DAV zu ökonomischen Bewertungsansätzen, die insbesondere bei Lebens- und Krankenversicherern in einer deutlich anderen Darstellung der Bilanz sowie der Gewinn- und Verlustrechnung resultieren. “Hier sind die Aktuare mit ihrem spezifischen Fachwissen sowohl bei der Ermittlung der neuen Kennzahlen als auch bei der Darstellung der Auswirkungen auf die Unternehmenssteuerung sowie der Kommunikation gegenüber internen und externen Stakeholdern gefragt”, betont Weber. (vwh/td)

Bildquelle: lfpilz / sxc

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