Versicherungswirtschaft-heute

            Mobilsite

 

“Ich nehme dem GDV die Doppelzüngigkeit nicht ab”

14.02.2018 – Gerhard Schick_GrueneDer Branche geht es gut, wie GDV-Zahlen belegen. Ein Vertrauensbeweis der Kunden in holprigen LV-Zeiten oder Mangel an Alternativen? Gerhard Schick, Abgeordneter und Finanzfachmann der Grünen hat mit VWheute über die richtige Lesart von Branchenzahlen, Regulierung und Vertrauen gesprochen. Ein Diskurs über den Ist-Zustand der Branche.

VWheute: Was sagen sie zu den GDV-Zahlen?

Gerhard Schick: Ich habe sie wahrgenommen. Bei den Stellungnahmen dachte ich: Wieder das alte Lied. Wenn die Politik Gesetze ändern soll, oder Kürzungen beim Rentenfaktor oder der Lebensversicherung vorgenommen werden, betont der GDV, wie schlecht es der Branche geht. Kommuniziert der GDV nach außen, oder es werden Dividendenauszahlungen oder Gewinnausschüttungen kommuniziert, dann stellt man dar, wie gut es den Unternehmen geht.

Wie die GDV-Leute mit dieser Doppelzüngigkeit persönlich umgehen, weiß ich nicht, aber ich kaufe es ihnen nicht ab.

VWheute: Ich merke schon, das wird ein launiges Interview. Kann man die guten Zahlen der Branche, gerade in der Lebensversicherung, nicht auch als Vertrauensbeweis der Kunden sehen?

Gerhard Schick: Es ist für die Kunden sehr schwierig, sich ein klares Bild zu verschaffen. Ich denke da beispielsweise an die Standmitteilungen in der Lebensversicherung, auch wenn es hier aufgrund gesetzlicher Vorgaben Verbesserungen gibt. Selbiges gilt für die Berufsunfähigkeitsversicherung, in der eine Fülle unklarer Rechtsbegriffe das Verstehen erschwert und im Leistungsfall lange Rechtsstreitigkeiten drohen. Es gibt viele solcher Grauzonen.

Die Tatsache, dass vieles momentan noch gut läuft, liegt auch im Mangel guter Alternativen begründet. Wenn man sonst überteuerte Immobilien, null Prozent auf dem Sparbuch oder intransparente Zertifikate nehmen kann, akzeptiert man halt auch intransparente Versicherungsprodukte.

Ich glaube nicht, dass die Zahlen der Branche mit Vertrauen gleichzusetzen sind, es ist Vertrauen verloren gegangen. Und die Erosion wird weitergehen, wenn immer mehr Kunden bei der Auszahlung ihrer Versicherung merken, dass viel weniger herauskommt, als versprochen wurde.

VWheute: Moment, an den Niedrigzinsen und der Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung sind nicht die Versicherer schuld, das ist ihr Lager.

Gerhard Schick
: Das Eine ist: Ja, es ist schlechte Politik gemacht worden. Den Menschen wird zum Beispiel gesagt, dass sie vorsorgen müssen, aber der dahinterstehende Rechtsrahmen ist so konzipiert worden, dass der Verbraucher oft der Gekniffene ist.

Das Andere ist: Die schlechte Politik kommt nicht von ungefähr. Es hat einen gigantischen Lobbydruck seitens der Versicherungswirtschaft gegeben, dass man die Kunden weiter abkassieren darf. Die Riester-Gesetzgebung und die Tatsache, dass der Vertrieb über Jahre hinweg miserabel organisiert war und teilweise immer noch nicht ist, dass ist auch dem Druck der Branche geschuldet. Daher ist die Versicherungswirtschaft an der gesetzlichen Situation mitnichten unschuldig.

VWheute: Haben Sie Beispiele?

Gerhard Schick
: Die Studien, die der Entscheidung zur Riester-Rente zugrunde lagen, stammten wesentlich von Instituten, die von der Versicherungswirtschaft finanziert werden. Oder nehmen Sie die Umsetzung der Versicherungsvermittler-Richtlinie, bei der die Ausnahme bei den gebundenen Vermittlern durchgedrückt und dadurch eine völlige Ungleichbehandlung im Markt geschaffen wurde. Dadurch konnten weiter Menschen im Markt tätig sein, die nicht die nötige Qualifikation besitzen. Die Branche ist an der politischen Situation keinesfalls unschuldig.

VWheute: Ist es nicht normal, dass eine Branche ihre Ansprüche durchsetzen will? Ist nicht Standhaftigkeit und der Gemeinnutzen die Aufgabe der Politik?

Gerhard Schick: Deswegen kämpfe ich gegen Lobbyismus und für bessere Transparenz. Wir sind dafür, dass bei jedem Gesetz angemerkt wird, wenn eine Passage oder eine Idee von einem Akteur außerhalb des Ministeriums übernommen wird, ein sogenannter gesetzlicher Fußabdruck.

Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Fälle, in denen aus einem Positionspapier des GDV oder aus einer Vereinbarung zwischen Bafin und GDV Gesetzgebung gemacht worden ist. Da muss man eine klare Trennlinie ziehen.

Der Bundestag hat die Versicherungsfragen zu wenig diskutiert und die Kundenbedürfnisse zu wenig berücksichtigt.

VWheute: Die Branche klagt wegen zu viel Regulierung, Stichwort: Zinszusatzreserve, und argumentiert, dass die Finanzkrise nicht verschuldet zu haben. Das kann man so sehen, oder?

Gerhard Schick: Dass die Branche mit der Krise nichts zu tun hat, halte ich für ein Gerücht. Ein Blick in die Bilanzen der Versicherer zeigt, dass diese auch Staatsanleihen von Ländern gekauft haben, die vom Status her zweifelhaft und in dieser Größenordnung sicher nicht nötig gewesen wären.

Die Versicherer sind als große Kapitalsammelstellen an jeder Krise zumindest indirekt beteiligt.

VWheute: Thema Regulierung.

Gerhard Schick: Die Regulierung ist oftmals falsch. Sie ist inkonsequent und wir haben im Fonds-, Bank- und Versicherungsbereich keinen kompletten Gleichlauf. Solvency II ist ebenfalls nicht richtig austariert, in dem Bereich wurden Fehler aus dem Bankenbereich wiederholt. Die Meinungen der Ratingagenturen spielen nach wie vor eine zu große Rolle. Es kommt insgesamt eine zu große Komplexität in die Sache.

VWheute: Lassen sie uns das Kleinklein noch etwas aufschieben. Was ist das wesentliche Problem?

Gerhard Schick
: Die wesentliche Frage ist: Ist genug Kapital da? Dieser Aspekt wird trotz der ganzen Komplexität nicht hinreichend beantwortet. Ganz abgesehen von ellenlagen Übergangsregelungen und Zinssätzen, die nicht wirklich die Problematik widerspiegeln.

Wäre Solvency II wie geplant direkt eingeführt worden, dann wäre ein Großteil der deutschen Versicherungslandschaft direkt unter der Wasserlinie gewesen. Um das zu verhindern, hat man Übergangsregeln eingeführt. Jetzt wird so getan, als sei alles in Ordnung, aber es sieht nur okay aus, weil die eigentlichen Solvency II-Vorstellungen nicht angewendet werden.

VWheute: Niemand kann von den Versicherern verlangen, dass sie für eine Regel vorbereitet sind, die es vorher nicht gab.

Gerhard Schick: Ich will auch nicht alle Übergangsregelungen streichen, aber die Zeiten sind ziemlich lange und der Kunde kann wegen dieser Regelungen kaum herausfinden, ob ein Unternehmen ausreichend solvent ist. Da muss Transparenz geschaffen werden. Die Lage ist nicht so rosig wie dargestellt.

VWheute: Bleibt noch die ZZR.

Gerhard Schick: Ich bin offen für eine Anpassung, aber ich bin nicht bereit, auf Zuruf aus Branche und Bafin gesetzgeberisch tätig zu werden. Es fehlen quantitative Grundlagen.

VWheute: Steht die Bafin im Lager der Branche?

Gerhard Schick: Der Vorschlag zu einer Änderung kommt nachher aus dem Finanzministerium. Die Bafin hat signalisiert, der Branche entgegenzukommen, diese Ansicht ist nicht weit von der GDV-Meinung entfernt.

Ich habe bisher noch keinen konkreten Vorschlag auf dem Tisch gesehen, kommt einer, werde ich ihn beurteilen. In der Vergangenheit wurden viel zu oft auf Zuruf des GDV Gesetze geändert.

VWheute: Bleiben wir bei der Regulierung, die Bafin plant offenbar die Deckelung der Provisionen im Bereich LV.

Gerhard Schick: Es gab bei den Provisionen gigantische Exzesse. Es haben Menschen im Vertrieb Millionen gescheffelt und Partys gefeiert, alles auf Kosten der Kunden, finanziert mit riesigen Vertriebskosten. Jeder Insider wird ihnen bestätigen, dass die Anreizsysteme im Vertrieb extrem krass waren, ebenso wie die exzessive Feierei und die Auswüchse, bis hinein in die Prostitution. Das war kein einmaliger Ausrutscher, sondern eine Kultur in der Branche. Darauf hätte die Politik längst systematisch reagieren und die Verkaufsprovisionen abschaffen müssen.

VWheute: Die Alternative?

Gerhard Schick: Eine Honorarordnung einrichten, die wie bei einem Steuer- oder Rechtsberater funktioniert. Bei einer so komplexen Entscheidung wie der Altersvorsorge braucht der Kunde jemanden, der aus seiner Perspektive berät.

VWheute: Also contra oder pro Deckel?

Gerhard Schick: Die Deckelung ist eine Krücke, um die schlimmsten Exzesse abzufangen. Generell bin ich nicht für eine staatliche Preispolitik, ich bin dafür, dass man mit einer guten Marktordnung dafür sorgt, dass sich gute Preise für gute Beratung herausbilden. Das darf etwas kosten, aber gute Beratung muss im Sinne des Kunden sein. Wenn man die Honorarordnung nicht hinbekommt, muss man vielleicht erst einmal die Deckelung machen. Aber damit schafft man noch keinen Markt für gute Beratung. Doch genau das fehlt in Deutschland.

VWheute: Gehen wir nochmal in die Makroperspektive: Verbraucherschützer und Versicherer wollen nach Eigenaussage das Beste für den Kunden. Woher kommt der Konflikt?

Gerhard Schick: Gewinnorientierung!

VWheute: Das kam sehr fix.

Gerhard Schick: Es gibt kein nicht gewinnorientiertes Altersvorsorgeprodukt, das ist beispielsweise der Kern des Problems in der Riesterrente. Es gibt allerdings verschiedene Vorschläge für solche nicht gewinnorientierten Vorsorgemöglichkeiten, beispielsweise das Vorsorgekonto oder die Deutschlandrente.

VWheute: Ohne Versicherer keine Produktvielfalt, kein Wettbewerb das ist schlecht für den Kunden.

Gerhard Schick: Ich habe kein Problem damit, dass im Markt Geld verdient wird. Bei der staatlich geförderten Altersvorsorge ist das kostengünstigste Produkt mein Anspruch. Es darf da gerne einen Wettbewerb geben und ich will niemandem ein staatliches Basisprodukt aufzwingen. Es soll Konkurrenz geben, sodass auch der Staat bei schlechter Kalkulation die Konkurrenz gewinnorientierter Wettbewerber fürchten muss.

Marktwirtschaft soll dafür sorgen, dass die Kunden die besten Produkte bekommen, das ist im Moment nicht der Fall und deswegen müssen wir etwas ändern. Gerade auch bei geförderten Produkten.

VWheute: Ist das nicht zu einseitig, die bösen Versicherer auf der Einen und die selbstlosen Verbraucherschützer auf der anderen Seite. Es verdienen auch selbsternannte Verbraucherschützer Geld mit Affiliate-Links oder angeblich objektiven Preisvergleichen.

Gerhard Schick: Sie haben die Trennlinie falsch gezogen. Nicht jeder, der sich Verbraucherschutz auf die Fahne schreibt, ist frei von Interessenkonflikten oder wirklich im Verbraucherinteresse unterwegs. Das sieht man doch etwa bei Vergleichsportalen oder manchen Anwälten. Die Frage ist immer, wird mit Verkauf oder Vermittlung von Finanzprodukten Geld verdient: ja oder nein. Wer finanzielle Interessen hat, sollte sich nicht Verbraucherschützer nennen dürfen. Der Begriff Verbraucherschützer müsste geschützt werden. (vwh)

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz

Bild und Quelle: Gerhard Schick

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten