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Fuest: “Nicht nur neue Ausgabenprogramme formulieren”

01.12.2017 – Clemens Fuest - quelle ifoNach dem Glyphosat-Eklat treffen sich am Wochenende die Vertreter von Union und SPD. Vor einer Neuauflage der Großen Koalition droht auch noch Streit über die Bürgerversicherung. Ifo-Präsident Clemens Fuest bevorzugt dagegen eine Minderheitsregierung, “weil dann über einzelne Entscheidungen offener diskutiert wird”. Im Exklusiv-Interview verrät er, warum es für Zinserhöhungen zu früh ist und wo Marktblasen lauern.

VWheute: Welche Prognose wagen Sie für die deutsche Volkswirtschaft im kommenden Jahr?

Clemens Fuest: Welche Prognose wagen Sie für die deutsche Volkswirtschaft im kommenden Jahr? Die Aussichten für 2018 sind sehr gut. Die deutsche Wirtschaft wächst kräftig, die öffentlichen Haushalte haben Überschüsse und die Beschäftigung ist auf einem Rekordniveau. Dass die Erholung auch den Rest der Eurozone erreicht hat, treibt die deutsche Wirtschaft weiter an. Risiken sind mögliche Turbulenzen beim Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik in Europa und den USA, der Brexit, geopolitische Spannungen in Korea und im Nahen Osten sowie eine mögliche Abkühlung des Wachstums in China.

VWheute: Was ist mit der politischen Unsicherheit? Würden Neuwahlen das Wachstum hemmen?

Clemens Fuest: Die vorhandene politische Unsicherheit über die Bildung einer neuen Regierung wird das Wachstum in Deutschland sicherlich nicht stärken, aber größere Beeinträchtigungen würde ich davon auch nicht erwarten. Zur Belastung würde die Unsicherheit erst dann, wenn sich abzeichnen würde, dass es dauerhaft schwer wird, eine stabile Regierung zu bilden. Egal welche Regierungskonstellation kommt, sollte man darauf achten, nicht nur neue Ausgabenprogramme aufzulegen, sondern auch vorhandene Staatsaufgaben zu überprüfen. Aus konjunktureller Sicht sollte der Staat seine Ausgaben derzeit eher senken.

VWheute: Welche wirtschaftlichen Risiken birgt eine Minderheitsregierung?

Clemens Fuest: Für die Wirtschaftspolitik birgt eine Minderheitsregierung Risiken, aber auch Chancen. Das größte ökonomische Risiko besteht in der wachsenden Unsicherheit über den Kurs der Wirtschaftspolitik und die Stabilität der Regierung. Die Chance besteht darin, dass die Rolle des Parlaments gestärkt wird und über einzelne politische Entscheidungen ausführlicher und offener diskutiert wird. Die skandinavischen Länder und Kanada haben mit Minderheitsregierungen oft gute Erfahrungen gemacht.

VWheute: Von der nächsten Finanzkrise wird schon lange gewarnt, doch die Aktienmärkte kennen nur eine Richtung. Sind die Sorgen um eine bevorstehende Blase unbegründet?

Clemens Fuest: Meines Erachtens sind die nicht unbegründet. Bei den Staatsanleihen haben wir bereits eine Blase, an den Aktienmärkten sehe ich blasenartige Entwicklungen eher in den USA als in Europa. Bei den Immobilienmärkten sind die Preise ebenfalls sehr hoch, allerdings fehlt hier ein starkes Wachstum der Kredite, das sonst typisch für Blasen ist. Aber wenn die Entwicklung so weiterläuft, könnten auch da Blasen entstehen.

VWheute: Wie sieht mit einer möglichen Finanzkrise durch die Staatsschuldenproblematik von Griechenland oder Italien aus?

Clemens Fuest: Die Lage der Krisenländer in Südeuropa hat sich stabilisiert, aber überwunden sind die Probleme nicht. Griechenland ist finanziell nach wie vor von den Hilfen der anderen Euro-Länder abhängig. Italien und Portugal leiden unter sehr hoher Staatsverschuldung und schwachem Wirtschaftswachstum. Sie profitieren derzeit von den Staatsanleihen käufen der EZB, aber das Vertrauen der Investoren in diese Länder ist brüchig. In den nächsten Wirtschaftsabschwung werden sie voraussichtlich mit sehr hohen Staatsschulden hineingeraten, die Spielräume, dann noch dagegen zuhalten, sind gering.

VWheute: Sie haben als mögliche Turbulenzen den Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik genannt. Die kürzlich von den Währungshütern beschlossene Halbierung der monatlichen Wertpapierkäufe auf 30 Mrd. ab 2018 halten sie jedoch für zögerlich. Was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Prozess für die EZB bezüglich Anleiheankauf und Zinspolitik?

Clemens Fuest: Meines Erachtens sollte die EZB die Anleihekäufe bin April 2018 auf Null reduzieren. Für Zinserhöhungen ist es noch zu früh, aber die Anleihekäufe sind nicht länger erforderlich. Das gilt natürlich unter der Voraussetzung, dass der Aufschwung in der Eurozone weitergeht.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.

Bild: Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts (Quelle: Ifo)

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