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Ergo zieht Reißleine: “Run-off” wird zum Geschäftsmodell

28.09.2017 – ERGO Düsseldorf - Bild 2Noch vor zwei Tagen zeichnete der ehemalige GDV-Präsident Alexander Erdland das positive Bild einer “robust aufgestellten Branche”. Dies dürfte jetzt einen Dämpfer erfahren: Einer der größten deutschen Versicherer, die Ergo Leben (ehemals Hamburg-Mannheimer) und die Victoria Leben (Neugeschäft seit 2010 eingestellt), beide im Besitz des weltgrößten Rückversicherers Munich Re, sollen in den “Run-off” geschickt werden.

Medienberichten zufolge wolle man nun eine “tragfähige Lösung” und einen “attraktiven Preis” für die Lebensversicherer finden. Experten schätzen den Kaufpreis den möglichen Verkaufserlös dabei auf gut eine Milliarde Euro. Zu den potenziellen Kaufinteressenten sollen chinesische und britische Investoren sowie US-Hedgefonds zählen. Seitens Policen Direkt hieß auf Anfrage von VWheute zu dem Thema: “Prinzipiell kauft Policen Direkt Verträge aller deutschen Lebensversicherungsgesellschaften, auch die der Run-off Gesellschaften. Wir vertrauen der Bafin sicherzustellen, dass Verträge nach einer Bestandsübertragung genauso behandelt werden wie vorher und die Erwerber zuverlässig die Garantien gegenüber den Versicherten erbringen können. Unabhängig davon machen wir uns aber auch unser eigenes Bild vom Markt: Dazu beobachten Kennzahlen und Finanzdaten der Versicherer wie die Solvenzquoten und ganz aktuell auch die für 2016 gemeldete Beteiligung der Versicherten an den Erträgen.

Damit müssen sich rund sechs Millionen Kunden mit nahezu ebenso vielen Verträgen auf einen neuen Betreuer für ihre klassischen Lebensversicherungsverträge mit Garantien einstellen. Was in Großbritannien und anderen ausländischen Märkten schon seit einigen Jahren gang und gäbe ist, scheint jetzt auch in größerem Ausmaß auf den deutschen Markt überzuschwappen. Den deutschen Lebensversicherern wird offensichtlich das Risiko mit dem einstigen Paradepferd unter den klassischen Altersvorsorgeprodukten zu hoch. Während in früheren Jahren mit Werbeslogans wie “Sicherheit durch Dividende” von den Vorzügen der “Kapitallebensversicherung für den Todes- und Erlebensfall” geschwärmt wurde, macht die anhaltende Niedrigzinsphase den Unternehmen deutlich zu schaffen.

In den 1980er und 1990er-Jahren warben ganze Vertreter-Heerscharen mit hohen Renditen und mit dem Bild von einem sorglosen Leben im Alter. Die Versicherer übertrafen sich gegenseitig mit zweistelligen Zuwachsraten im Neugeschäft. Dass sich das Zinsbarometer einmal drehen könnte, daran dachte niemand. Seit einiger Zeit nun ist der Katzenjammer groß. Denn als Überschuss auf die Police gibt es nur noch die einstmals vereinbarte Garantieverzinsung. Aber auch hierin steckt eine gefährliche Zeitbombe. Viele Versicherer haben Probleme mit den zu 3,5 oder gar 4,0 Prozent zu verzinsenden Verträgen. Die gesetzlich verordnete Zinszusatzreserve schränkt den Gesellschaften zusätzlich ihre Spielräume ein.

Streit um Zukunft der Garantieprodukte

Zusätzlich ist in der Lebensversicherungs-Branche eine Diskussion darüber entbrannt, ob überhaupt noch Garantieprodukte verkauft werden sollen. Viele Gesellschaften haben sich im Neugeschäft ohnehin schon davon verabschiedet und bieten nur noch reine Fonds- oder Hybridmodelle an. Allerdings gibt es auch eine Reihe von Versicherern, die bewusst an Garantieprodukten, wenn auch auf niedrigerem Niveau, festhalten wollen. Sie argumentieren mit ihrer soliden Kapitalanlage mit einer immer noch respektablen Verzinsung. Hinzu kommt eine besondere Eigenart der Deutschen, die nach wie vor das Risiko scheuen und nicht in andere Anlagearten ausweichen wollen. Aktien oder auch Investmentfonds sind nach wie vor nicht die großen Renner bei Altersvorsorgeprodukten. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Betriebliche Altersvorsorge – trotz dieser neuerlichen Schlagzeilen – keinen Schaden nimmt.

Das Thema “Run-off” ist inzwischen auch dem deutschen Markt nicht mehr unbekannt. Allerdings hielten sich die Größenordnungen mit der Arag Leben, der Scandia Leben und Altbeständen der Basler Leben bisher in überschaubaren Grenzen. Nun kommt mit der Ergo einer der großen Player am Markt hinzu. Auch die Generali Lebensversicherung AG – mit rund 4,2 Mio. Verträgen und 41,5 Mrd. Euro Kapitalanlagen ebenfalls einer der größten Unternehmen am Markt – soll über solche Pläne nachdenken.

Damit würden über zehn Millionen Verträge, oder anders formuliert, mehr als jeder zehnte von rund 90 Millionen Verträgen in Deutschland, möglicherweise an chinesische oder amerikanische Investoren, Hedgefonds oder britische Anleger gehen. Deren Engagement dürfte sich wahrscheinlich darauf beschränken, die Milliarden Euro an Kapitalanlagen, allein Ergo und Generali haben zusammen rund 98 Mrd. Euro anzubieten, gewinnbringend in ihrem Sinn anzulegen. Angeblich sollen auf den “Run-off” spezialisierte Gesellschaften das Geschäft effizienter und preisgünstiger gestalten können.

Das ist aber nur die Theorie. Horrorgeschichten aus Großbritannien belegen etwas Anderes. Danach sollen dort Kunden mit miesen Konditionen aus den Verträgen gedrängt worden sein. Hierzulande ist daher die Finanzaufsicht Bafin gefordert, die Interessen der Kunden zu wahren und einem möglichen Wildwuchs entgegen zu treten. Die Versicherten müssen vor allem darüber aufgeklärt werden, welchen Anspruch sie gegenüber dem neuen Eigentümer haben.

Druck durch Aktionäre

Bei den immer lauter werdenden Diskussionen um den “Run-off” von Lebensversicherungs-Gesellschaften fällt auf, dass es sich vornehmlich um Aktiengesellschaften in großen Konzernverbünden handelt, die börsennotiert sind. Offensichtlich sorgt auch der Druck der Aktionäre, die eine gute Rendite auf ihre Anteile gesichert sehen wollen, zu derart gravierenden Maßnahmen durch das Management. Aus Gesellschaften in der Struktur der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit oder aus öffentlich-rechtlich geführten Unternehmen sind solche Aktionen bisher nicht bekannt. Sollte sich hier ein künftiger Wettbewerb um das bessere Geschäftsmodell in der Lebensversicherung entwickeln? (siehe UNTERNEHMEN & MANAGEMENT)

Man darf gespannt sein, ob im Schatten der Großen sich jetzt noch andere Versicherer aus der Deckung wagen, um inzwischen ungeliebte Verträge loszuwerden. Lars Gatschke, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), hat seinen eigenen Blick auf die “Run-off”-Vorhaben: “Grundsätzlich ist es eine unternehmerische Entscheidung, bestimmte Geschäftsmodelle zu fahren oder aufzugeben. Macht es Sinn, Versicherer dazu zu bringen, Produktlinien fortzuführen, auf die sie keine Lust mehr haben?”

Erwähnt werden muss auch, dass der “Run-off” einen erheblichen Abbau an Arbeitsplätzen zur Folge haben wird. Allein bei Ergo und Generali dürfte das zusammen weit über 2.000 Fachkräfte betreffen. (wo)

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Weitere Schlaglichter bei VWheute:

BVK warnt Lebensversicherer vor Scheinheiligkeit
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Beitragsanpassung vor Gericht: Die letzte Chance der Axa
Es wird sehr eng für die Axa. Die Richter des Landgerichts Potsdam haben das Urteil der Vorinstanz vollumfänglich bestätigt, wonach der Treuhänder bei der Festlegung der Beitragserhöhung nicht unabhängig war. Damit ist die Erhöhung ungültig. Der Anwalt des Klägers spricht von weiteren Klagen und milliardenschweren Forderungen. Ist die PKV in Gefahr?

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