Versicherungswirtschaft-heute

          Mobilversion

 

- Anzeige -

Digitaler Rausch mit Spätfolgen für das Personal?

21.06.2017 – 774509_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deOttonova startet heute den Betrieb, Getsurance legte vor zwei Tagen eine Online-BU vor, die DFV nutzt digitale Dienste wie Amazon Echo für den Vertrieb: In der Hoffnung nach lukrativem Geschäft beschreiten immer mehr Versicherer den digitalen Weg. Dass der Megatrend nicht frei von Kontroversen ist, zeigt ein Blick hinter die Trennwände ihrer Großraumbüros. Hier wächst die Angst vor einem vermeintlichen Jobkiller.

Die Gewerkschaft Verdi verfolgt eine klare Politik, “digitale Veränderungsprozesse sollen sozial verträglich gestaltet werden.” Um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen, rief die Gewerkschaft kürzlich erfolgreich zum Streik auf. Auf der anderen Seite stehen die Versicherer, für die ein Rückgang der internen Kosten unabdingbar ist.

Eine solche Reduktion gelingt leider meist dann am schnellsten, wenn Maschinen einen Menschen bei einer Tätigkeit ersetzen. Eine Möglichkeit der Digitalisierung ist eine Verschlankung des Back-Ends: “Hätte ich eine Versicherung zu führen, würde ich das komplette Backend automatisieren. Damit nehmen Sie 15 Punkte aus der combined ratio heraus und können heterogene Risiken annehmen”, sagte Jobst Landgrebe, Cognotekt, im VWheute-Interview (siehe auch POLITIK & REGULIERUNG).

Die Luft für Versicherungsmitarbeiter wird dünner

Sicher ist, die Möglichkeiten der Digitalisierung werden aktuell nur angekratzt und die Folgen für den (Versicherungs-) Arbeitsmarkt kann niemand absehen. Die Versicherungschefs verbreiten auch nicht gerade Zuversicht unter ihren Mitarbeitern: “Wir können keinen Job garantieren”, sagte Allianz-CEO Oliver Bäte bereits Anfang des Jahres, Markus Rieß will bei seinen Umbauplänen der Ergo “betriebsbedingte Kündigungen vermeiden” und Stefan Knoll, Chef der DFV, stellt klar: “Digitalisierung führt zu Reduzierung der Arbeitskräfte”.

Große Spieler wie die Zurich und die Generali führen harte Sparprogramme durch, um sich für die technisch anspruchsvolle Zukunft zu rüsten – auf Kosten von Arbeitsplätzen. Am einfachsten lässt sich die Denke vieler Versicherer am Beispiel der Ergo darstellen: Der Versicherungskonzern baut Personal im Außen- und Innendienst ab und gibt sich eine neue Struktur. Damit sollen Kostenersparnisse von 100 Mio. Euro erreicht werden, während gleichzeitig in digitale Technik investiert wird.

Das Vorgehen der Versicherer ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar und wohl auch richtig. Ein Zurückbleiben hinter den technischen Möglichkeiten oder das Ignorieren der sich ändernden Kundenwünsche, hin zu mehr digitaler Partizipation, kann sich kein Unternehmen leisten. Der Weg der Digitalisierung wird daher weiter verfolgt, oft auf Kosten von Arbeitsplätzen.

Gewerkschaften nehmen den Kampf auf

Verdi hat die Folgen der Digitalisierung für die Mitarbeiter erkannt. Die dritte Verhandlungsrunde mit dem AGV platzte auch, weil die Gewerkschaft Teile ihres “Zukunftstarifvertrages Digitalisierung” umgesetzt sehen wollten. “Wir wollen Regelungen, die sicherstellten, dass die Beschäftigten ohne Angst vor Arbeitslosigkeit den Weg in eine digitalisierte Zukunft mitgehen können. Deshalb fordern wir unter anderem Kündigungsschutz Rechtsanspruch auf Altersteilzeit und Möglichkeit der Arbeitszeitverkürzung mit Teil-Gehaltsausgleich”, fasst Martina Grundler, Verdi Bundesfachgruppenleiterin Versicherungen, die Forderungen zusammen. Weiter wünscht sie sich einen “branchenweiten Qualifizierungsfond”, der die Mitarbeiter mittels Fort- und Weiterbildungen zukunftsfest macht.

Kürzlich rief die Gewerkschaft zu Streiks auf, denen Beschäftigte in 16 Städten folgten, alleine im Südwesten 2000. Verdi-Landeschef Martin Gross teilte bei einer Kundgebung gegen die Versicherer aus: “Wer wie die Arbeitgeber einen Zukunftstarifvertrag für den digitalen Umbruch verweigert und die digitalen Veränderungen mit der Einführung der elektrischen Schreibmaschine gleichsetzt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.”

Die Forderungen von Verdi sind nachvollziehbar und das Schreckgespenst Arbeitslosigkeit/Hartz4 weckt den Kampfgeist. Die Streikenden fordern in Form von Arbeitsplatzsicherheit einen aus ihrer Sicht angemessenen Teil des Kuchens.

Der gordische Knoten

Und dieser Kuchen ist nicht klein. Nicht nur große Versicherer wie Allianz, Munich Re oder Zurich verzeichneten hohe Gewinne, der gesamten Branche geht es gut. Eine mitarbeiterfreundliche Lösung bei der Umsetzung der Digitalisierung kann an vielem Scheitern, aber nicht an fehlendem Geld – das die Branche wegen und nicht trotz ihrer Mitarbeiter einspielte.

Demgegenüber stehen die Bedenken der Branche, sich mit zu großen Zugeständnissen den nötigen digitalen Umbau selbst zu erschweren und für die Zukunft nicht mehr in ausreichendem Maße handlungsfähig zu sein. Was dann natürlich auch für die Mitarbeiter negative Folgen hätte. Es ist für alle Beteiligten zu hoffen, dass die Aporie schnell überwunden wird. (mv)

Bildquelle: Rainer Sturm / PIXELIO / (www.pixelio.de)

__________

Weitere Schlaglichter bei VWheute:

Allianz und Huk wollen Telematik-Tarife für alle
Die Allianz und die Huk-Coburg werden ihre Telematik-Tarife für alle Autofahrer weiterentwickeln. “Wir werden es nicht bei jungen Leuten belassen, sondern gehen es weiter an”, sagte Allianz-Versicherungs-AG-Vorstand Frank Sommerfeld. Auch für Jörg Rheinländer, der bei der Huk-Coburg als Generalbevollmächtigter das K-Geschäft leitet, sind “alle Fahrer der nächste Schritt”. Ein optimistisches Ziel, glaubt Marco Morawetz von der Gen Re.

Kreuzkamp: “Provisionsabgabeverbot ist ein alter Zopf”
Mit der Umsetzung der IDD-Richtlinie “werden die kundenzentrierte Beratung und der Verbraucherschutz deutlich bessergestellt”, glaubt Holger Kreuzkamp, Vorstand der myLife Lebensversicherung. Kritik äußert der Manager im Exklusiv-Interview mit VWheute jedoch am Provisionsabgabeverbot. Dabei handele es sich um “einen alten Zopf, der abgeschnitten gehört”.

Ostangler verzeichnet sattes Plus bei Kundenverträgen
Das Geschäftsjahr 2016 der Ostangler Versicherungen Brandgilde VVaG (OAB) war geprägt durch ein deutliches Wachstum über Marktniveau mit dem zweitbesten Ergebnis in der 230-jährigen Unternehmensgeschichte. Der Vorstandsvorsitzende Jens Uwe Rohwer berichtete auf der Mitgliederversammlung, dass die Beitragseinnahmen in 2016 um 7,1 Prozent auf 24,65 Mio. Euro (VJ: 23,01) angestiegen sind.

- Anzeige -
- Anzeige -
- Anzeige -

 

VVW | Kontakt | AGB | Datenschutzerklärung | Impressum | Mediadaten