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“Deutschland-Rente soll Riester nicht abschaffen”

19.09.2017 – thomas_schaefer_hmdfEnde 2015 sorgte der hessische Vorschlag einer kapitalgedeckten “Deutschlandrente” für kontroverse Diskussionen. Pünktlich zur Bundestagswahl steht das Konzept erneut auf der politischen Tagesordnung. “Mit der Deutschland-Rente wollen wir Riester nicht abschaffen, sondern heutige Schwächen im System beseitigen und dieses fit machen für die Zukunft”, plädiert der hessische Finanzminister Thomas Schäfer gegenüber VWheute.

VWheute: Sie planen eine “Deutschland-Rente”, die allen Beschäftigten eine bAV per Treuhandfonds ermöglichen soll. Wie wollen Sie das Anlagerisiko durch den höheren Aktienanteils im “Standardprodukt” in den Griff bekommen?

Thomas Schäfer: Das Anlagerisiko durch einen höheren Aktienanteil bekommen wir durch eine breite Diversifizierung weltweit in den Griff. In den letzten Jahren der Ansparphase schichten wir zudem einen Teil des Anlagevermögens sukzessive in festverzinsliche Wertpapiere um. Damit begegnen wir Volatilitäten der Aktienmärkte kurz vor Renteneintritt. Im Übrigen spielt erhöhte Volatilität der Aktienanlage bei einer langfristigen Anlage wie der Altersvorsorge kaum mehr eine Rolle.

Hinweisen möchte ich noch auf Folgendes: Bislang verhindern gesetzlich vorgeschriebene Garantien für Riesterprodukte in der Regel einen höheren Aktienanteil bzw. erfordern eine sehr frühzeitige Umschichtung in Richtung festverzinsliche Wertpapiere.

Das kostet Rendite und ist wenig attraktiv wie auch die jüngste Diskussion zu Riesterprodukten mit negativen Zinsen zeigt. Mit der Deutschland-Rente sollen Riestersparer selbst wählen können, ob und gegebenenfalls inwieweit sie Garantien wünschen. Das hilft am Ende natürlich allen Anbietern von Riesterprodukten und nicht nur dem Deutschlandfonds.

VWheute: Soll der Treuhandfonds aktiv verwaltet werden oder wollen Sie in Index-Fonds investieren?

Thomas Schäfer: Aus Kostengründen wird im Wesentlichen auf passive Anlagestrategien gesetzt. Die Anlagestrategie des Deutschlandfonds ist renditeorientiert und verfolgt das Ziel einer langfristigen und damit nachhaltigen Wertentwicklung. Denkbar wäre es, dass der Deutschlandfonds einen eigenen Index auflegt oder in bereits existierende kostengünstige Index-Fonds investiert.

Lassen Sie mich noch Folgendes anmerken: Im Deutschlandfonds spart der einzelne Bürger an, nicht der Staat. Folglich gehört das Fondsvermögen auch dem einzelnen Sparer und ist von Artikel 14 des Grundgesetzes geschützt. Als Rechtsform schwebt uns ein Sondervermögen im Sinne des Kapitalanlagerechts vor.

Beispiele von solchen staatlich organisierten Anbietern gibt es bereits in Großbritannien und Schweden. Nicht vergleichbar ist der Deutschlandfonds dagegen mit “klassischen” Staatsfonds wie etwa in Norwegen, Spanien oder Irland, wo der Staat die Mittel anspart.

VWheute: Als zu teuer und zu komplex kritisieren Sie Riester-Produkte. Warum bieten Sie diese trotzdem als Wahlmöglichkeit an?

Thomas Schäfer: Riesterprodukte sind zum Teil völlig überteuert. Hier besteht Handlungsbedarf. Das heißt aber nicht, dass alle Riesterprodukte oder das Riestersystem insgesamt schlecht sind. Im Übrigen ist die heutige Riester-Zulagenförderung gerade für Gering- und Niedrigverdiener eine wichtige und zielgenaue staatliche Förderung. Schließlich gibt es aktuell rund 16 Mio. Riesterverträge. Auch wenn diese Zahl in den letzten Jahren weitgehend stagnierte und Anfang 2017 sogar leicht sank, sollten wir diese Ausgangslage bei unseren Reformüberlegungen nicht ignorieren.

Mit der Deutschland-Rente wollen wir Riester nicht abschaffen, sondern heutige Schwächen im System beseitigen und dieses fit machen für die Zukunft. Dazu gehört neben der Lockerung von Garantien ein “vereinfachtes Zulagenverfahren”. Auch die Produktauswahl im Rahmen der automatischen Einbeziehung soll für Arbeitgeber bzw. Beschäftigte einfach ausgestaltet werden. Am Ende profitieren davon alle Vorsorgesparer.

VWheute: Sollten sich Makler und Versicherungsunternehmen über Ihren Vorschlag der “Deutschland-Rente” mit einem Staats freuen?

Thomas Schäfer: Zunächst einmal dürfte die Deutschland-Rente zu deutlich mehr Geschäft im Bereich der kapitalgedeckten Altersvorsorge führen. Gleichzeitig entlasten wir mit einem “vereinfachten Zulagenverfahren“ die Produktanbieter erheblich von Bürokratie und lockern die teuren Riestergarantien. Es würde mich wundern, wenn Anbieter hiergegen grundsätzliche Einwände haben.

Der Deutschlandfonds mit seinem Standardprodukt stößt bei einigen natürlich erstmal auf Zurückhaltung. Letztendlich wollen wir aber mit der Deutschland-Rente eine einfache und kostengünstige Benchmark setzen, um die Attraktivität von Riesterprodukten insgesamt zu verbessern und das Vertrauen in der Bevölkerung zurück zu gewinnen. Gerade bei Einführung eines “Opt-out”-Modells bedarf es nach den teils schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit eines solchen einfachen und kostengünstigen Angebots durch einen staatlich organisierten Anbieter.

VWheute: Fachpolitiker von CDU und Grünen reagieren verhalten auf Ihren Vorschlag. Was lässt Sie glauben, dieser werde in der nächsten Legislaturperiode umgesetzt?

Thomas Schäfer: Nach meiner Einschätzung überwiegen die positiven Reaktionen auf unseren Vorschlag der Deutschland-Rente. Aber natürlich gibt es auch kritische Stimmen. In jedem Fall wird die neue Regierung nach der Bundestagswahl nicht umhin kommen, das Alterssicherungssystem in Deutschland für den demografischen Wandel fit zu machen.

Hierzu ist es unumgänglich, die zusätzliche kapitalgedeckte Altersvorsorge zu stärken. Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz hat die Politik bereits den ersten Schritt getan und Handlungsfähigkeit bewiesen. Es müssen aber weitere Schritte folgen, um gerade auch die Beschäftigten in den kleinen, vielfach nicht tarifgebundenen Unternehmen zu erreichen.

Die Deutschland-Rente bietet hier ein schlüssiges und überzeugendes Gesamtkonzept. Allerdings drängt die Zeit. Bereits ab 2025 wird sich der demografische Wandel auf unser Alterssicherungssystem auswirken. Die nächste Bundesregierung sollte daher schnellstmöglich mit der Umsetzung beginnen. Ich gehe davon aus, dass sich die zukünftige Bundesregierung ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation bewusst ist.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Dominic Egger.

Bild: Thomas Schäfer (Quelle: Hessisches Finanzministerium)

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